So hatte sich Goethe am 4. Februar 1829 gegenüber Eckermann über die Zielgruppe für philosophische Diskussionen zum Thema "Unsterblichkeit der Seele" geäußert. Das können wir auf Seite 74 des vorliegenden Werkes nachlesen.
Wenn man noch nicht alt und müde genug zum Sterben ist, aber dennoch mitgeteilt bekommt, dass man sich nun darauf gefasst zu machen hätte, brechen die Perspektiven weg. Man fühlt sich aus dem Leben ausgeschlossen und fragt sich nach der eigenen Bilanz. Das ist offenbar dem Autor dieses Buches während einer Krankheit kurzzeitig widerfahren. Da er Journalist ist, hat er die Frage verallgemeinert, sich informiert und einen Aufsatz im "Spiegel" veröffentlicht, aus dem später dieses Buch hervorging.
Sein verheißungsvoller Titel suggeriert Antworten. Leider aber ist er entweder eine bewusst geschürte Illusion oder eine selbstgefällige intellektuelle Anmaßung, denn wir werden nie vorher wissen können, ob nach unserem Tod etwas von uns bleibt. Und dafür gibt es gute Gründe.
In den für die Wissenschaften sehr fruchtbaren ersten drei Dekaden des vorigen Jahrhunderts versuchten große Köpfe die Widerspruchsfreiheit der Mathematik zu beweisen. Russell verzweifelte daran fast. Erst 1931 gelang es dem Logiker Kurt Gödel nachzuweisen, dass dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist. Sein Lehrsatz, der eine Tatsache und keine philosophische Mutmaßung ist, gilt jedoch, weil er die Logik betrifft, weit über dieses Problem hinaus. Vereinfacht gesagt bedeutet er, dass Aussagen, die einen Selbstbezug innerhalb eines Systems besitzen, nicht beweisbar sind. Zum Beispiel ist nicht nachweisbar, ob meine Aussage "Ich lüge immer." wahr oder falsch ist. (Egal, ob man annimmt, sie sei wahr oder falsch, man kommt sofort auf einen Widerspruch.) Was hat das nun mit diesem Buch zu tun?
Wenn man sich die vom Autor zitierten "Unsterblichkeitsbeweise" ansieht, dann fällt auf, dass sie an den Gottesbeweis gekoppelt sind. Wenn wir also wüssten, dass Gott existiert, dann gibt es mit Sicherheit ein "Leben nach dem Tode". Die ernstzunehmenden Gottesbeweise sind logischer Natur. Es kann aber wegen des Selbstbezuges keinen logischen Beweis für Gott innerhalb des Mensch-Gott-Systems geben. Auch schon vor Gödel haben das große Geister geahnt. Wenn wir Gottes Existenz nachweisen könnten, ist Gott dann noch Gott? Alles wäre schlagartig anders. Genauso würden wir anders leben, wenn uns bekannt wäre, an welche Bedingungen die Qualität unseres "ewigen Lebens" gebunden ist.
Den Beweis dafür liefert der Autor zu Beginn seines Textes. Dort erklärt er uns, dass die so genannten "Selbstmordattentäter", gerade deshalb zu Massenmördern werden, weil ihnen eingeredet wurde, dass sie auf diese Weise alle Glaubensüberprüfungen an der Pforte zum Paradies trotz möglicher Sünden überspringen und geradewegs zu den für sie reservierten Jungfrauen marschieren können.
Nachdem dann noch einige bekannte zeitgenössische Intellektuelle ihre Meinung zum "ewigen Leben" kundtun konnten, bricht der Autor zu einer kulturhistorischen Reise in die Vergangenheit auf, um uns die Meinung der alten und von moderneren Philosophen zu diesem Thema näher zu bringen. Wenn man sich an seine Liebe zu komplizierten Schachtelsätzen gewöhnt hat, kann man wenigstens über die europäische Denkrichtung einiges lernen.
Im Abschnitt "Fernöstliche Weisheit: Seele ohne Selbst" versucht er uns den buddhistischen Zugang zu diesem Thema zu vermitteln. Leider hat er sich das nur angelesen und nicht wirklich verstanden. Er glaubt, Ziel des Buddhismus sei gewissermaßen die Entpersonifizierung. Er schreibt: "Ein sozusagen asiatischer Verzicht auf den Begriff der Person hätte insofern einen zu hohen Preis, als er implizit auch den Verzicht auf personale Rechtsfähigkeit sowie auf die Pflicht und Fähigkeit zur strikten moralischen Verantwortung des Individuums für bestimmte Handlungen enthielte."
Das ist einfach nur Unfug. Es geht zumindest im Zen-Buddhismus keineswegs um die Loslösung von der Person, wenn der Begriff der "Leere" ins Spiel gebracht wird, sondern nur um die Verneinung von Descartes "Ich denke, also bin ich". Während Descartes glaubt, dass wir uns über den Verstand definieren, wollen die Zen-Buddhisten die Dominanz des Verstandes über uns brechen. Das ist eine lebenspraktische Frage und nicht eine der persönlichen Identität. Dass der Verstand uns dominiert, können wir schon daran erkennen, dass es uns nicht gelingt, ihm zu befehlen mit dem Denken aufzuhören. Er generiert ständig Probleme, die wir jetzt gerade nicht haben, zum Beispiel die Frage, ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Während der Autor genau wie Descartes offenbar glaubt, sein Verstand und er seien eins, lehrt der Buddhismus, dass der Verstand nur ein Teil von uns ist, der obendrein jede Menge Konzepte anderer über uns enthält und Ego produziert. Ego personifiziert und vergleicht Gott, schafft Rivalität der Götter und Gotteskriege. Nicht zufällig ist der Buddhismus eine friedliche Religion, wenn er überhaupt eine ist.
Innerer Friede kehrt ein, wenn es uns gelingt den Kopf bewusst leer zu machen, also den Verstand zur Ruhe zu bringen. Die meisten von uns hatten unabsichtlich ein solches Erlebnis bereits entweder nach einer Entspannung oder einer Glück erzeugenden sportlichen Betätigung. Was hat das mit unserer Persönlichkeit zu tun?
Nur ein paar Seiten weiter zitiert der Autor aus der Enzyklika "Über die christliche Hoffnung" von Benedikt XVI aus dem Jahre 2007 und schreibt (S. 102): "Ewiges Leben meine etwas Unvorstellbares, so etwas wie einen >erfüllten Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen<." Das ist es genau, was der Zen-Buddhismus mit dem Begriff der Leere umschreibt. An diesem entscheidenden Punkt sind sich alle Weltreligionen einig. Und auch in der Bibel und im Koran finden sich viele Stellen, die darauf hinweisen, dass wir uns nicht mit Gedankenspielen befassen, sondern das Leben als Geschenk Gottes annehmen sollen. Sie sind nur anders verklausuliert als im Buddhismus.
Obwohl der Autor auf S. 128 selbst zu der Erkenntnis gelangt, dass "die Unsterblichkeit der Seele unbeweisbar" ist, lässt er sich nicht daran hindern seinen kultur-philosophischen Exkurs fortzusetzen. Er versteht nicht, dass die "Unsterblichkeit der Seele" ein Konzept des Verstandes ist, mit dem er uns auf eine seiner vielen Spielwiesen führt und vom eigentlichen zeitlosen Leben im Jetzt ablenkt. Zum Abschluss seines Werkes führt der Autor drei Gründe an, warum wir an die Unsterblichkeit der Seele glauben sollen. Besonders faszinierend ist der erste Grund: "... weil so viele Autoritäten, die klüger waren, als wir es sind, seit Jahrtausenden, die eine Ur-Sache >Gott< genannt haben..."
Fazit.
Ob unsere Seele unsterblich ist, werden wir glücklicherweise nie erfahren. Denn wenn wir es wüssten, wäre alles anders. Wir können nur daran glauben oder nicht. Und das ist unsere ganz persönliche Entscheidung. Aber wenn es einen Gott gibt, dann hat er uns das Leben nicht deshalb geschenkt, damit wir darüber nachdenken, was nach diesem Leben passiert. Der Autor hat ein Buch für Bildungsbürger geschrieben, das einen irreführenden und anmaßenden Titel trägt. Wer sich über philosophische Ansätze zur Lösung der Unsterblichkeitsfrage informieren möchte, findet hier jedoch sehr viele Informationen. Da es aber keine Lösung des Problems geben kann, halte ich es mit Goethe und wende mich lieber dem Leben zu.