Mit "Was wir sind und was wir sein könnten" legt Gerald Hüther ein wegweisendes programmatisches HUMANISTISCHES MANIFEST vor, das zwar mit neuro-biologischen Erkenntnissen unterlegt ist, aber nicht den Anspruch hat, ein "wissenschaftliches Buch" im engeren Sinne zu sein. Und das ist auch gut so, denn Hüther geht es hier darum, in allgemeinverständlicher Sprache und unterhaltsam geschrieben, einem breiten Publikum seine engagierte Zukunftsvision einer menschen- und schöpfungsfreundlichen "Potentialentfaltungsgesellschaft" vorzustellen.
Angesichts zum Teil deprimierender gesellschaftlicher Verhältnisse und sich zuspitzender persönlicher aber auch globaler Konfliktlagen, erweist sich sein Buch - wie es der Untertitel verspricht - in der Tat als ein "neuro-biologischer Muntermacher".
Sein visionärer Überschwang macht Mut, weil er nicht naiv daher kommt, sondern sich auf solide Erkenntnisse der Hirnforschung beruft, die er freilich in eigener Weise so interpretiert, dass das von ihm favorisierte Gesellschaftsmodell einer harmonischen, auf gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung beruhender Potenzialentfaltungsgesellschaft eindrucksvoll gestützt wird. Skeptische Leser werden sich aber fragen, was der Grund dafür ist, dass Hüthers einleuchtende Erkenntnisse es so schwer haben, auch nur ansatzweise alltägliche Wirklichkeit zu werden,
Erklärungen liefern könnte hier nur eine Analyse der widersprüchlichen gesellschaftlichen Interessen- und Konfliktlagen, die die Umsetzung seiner Vision behindern. Aber Hüther konzentriert sich aus gutem Grund auf eine positive Zielstellung. So geht es ihm vor allem darum zu zeigen, was möglich wäre, wenn wir das Potenzial, das in unserer kulturellen Entwicklung liegt, besser nutzen würden.
Seine Analyse ist überzeugend und gibt insbesondere für den Bereich von Bildung und Erziehung wichtige Hinweise.So räumt er mit überholten Mythen einer Zwangs- und Abrichtungspädagogik auf, die noch immer die Hirne zu vieler Bildungspolitiker und Erzieher, aber auch den Alltag zu vieler Schulen bestimmt.
Was wir sind und was wir werden hängt ihmzufolge ganz im Gegenteil davon ab, das wir darin unterstützt werden, zu entdecken, was uns liegt und was für uns persönlich bedeutsam ist. Und hier sind hilfreiche Beziehungen entscheidend. Die optimale Entfaltung unseres Potenzials ist nur möglich, wenn wir untersuchen, in welcher sozialen und kulturellen Umgebung wir aufwachsen, welche Anregungen wir erhalten, und welche Möglichkeiten wir haben, unser Gehirn in welcher Weise zu benutzen. Hüthers positive Botschaft lautet: Wir alle kommen mit einem Überschuss an Möglichkeiten auf die Welt. Doch ob wir diesen Überschuss auch nutzen können, hängt von einer Reihe von überwiegend kulturellen und sozialen Bedingungen ab, die er in engagierter Weise beschreibt. So liefert er überzeugenden Argumente für eine "Positive Pädagogik" , die auf Lernlust und Lernglück als elementare und wirksame Antriebskräfte setzt
Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und SchulglückNicht Druck, Anpassung, Zwang oder gar Beschämung führen zu demnach zu Spitzenleistungen, sondern die Förderung von Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und sozialem Eingebundensein - eine Einsicht, die auch die Selbstbestimmungstheorie von Decy und Ryan bestätigt hat. Der Bedeutung selbstbestimmten, spielerischen Entdeckens und Lernens räumt Hüther einen zentralen Stellenwert ein und zeigt wie wichtig freie, nicht verschulte Anregungsräume sind.
Aus Hüthers Sicht, die ich teile, folgen weite Teile unseres Wirtschafts- und Bildungssystems gleichermaßen, dem überholten Modell einer Eselspädagogik, die davon ausgeht, dass Menschen nur lernen, wenn sie durch äußerliche Dinge belohnt oder unter Druck gesetzt werden. Diese Druck- und Anpassungspädagogik führt zu einer zu starken Aussensteuerung und schneidet uns von unseren inneren Bedürfnissen ab. Diese Spaltung sieht Hüther als eine Ursache für die Zunahme von Überlastungserscheinungen von Depression bzw. Burnout.
Nicht außengesteuerter Optimierungsdruck, auf Vernichtung oder Übervorteilung abzielende Konkurrenz führen zu Lernfreude und Spitzenleistung, sondern die Einsicht in die Tatsache, dass wir aufeinander angewiesen sind und uns gerade durch unsere Unterschiedlichkeit gegenseitig bereichern können. Wertschätzende Beziehungen, das Erkennen und Fördern individueller Begabungen, eine inklusive Pädagogik, der Aufbau lustvoller und unterstützenden Lehr-/Lern- und Organisationskulturen sind aus Hüthers Sicht Schlüssel für das Gelingen. Wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir uns vom Mehrdesselbenprinzip der tradierten Ressourcenausnutzungsgesellschaft verabschieden, entdecken, was wirklich wichtig ist und eine Gesellschaft aufbauen, in der die Potenziale jedes Einzelnen gefördert werden, um das gemeinsame Überleben zu sichern.
Fazit: Wie wir unser Potenzial besser entfalten können: Engagierte Einführung in Erkenntnisse der Neurobiologie.
Prof.Dr. Olaf-Axel Burow Universität Kassel