Ich habe dieses Buch im Rahmen einer Soziologie Abschlussprüfung bearbeitet und im Zusammenhang mit Eva Illouz' "Der Konsum der Romantik"
Der Konsum der Romantik: Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, sowie Beck/Beck-Gernsheim "Das ganz normale Chaos der Liebe"
Das ganz normale Chaos der Liebe gelesen. Auffällig ist vor allem der unterschiedliche Schreibstil des Franzosen. Während die deutschen Soziologen scheinbar versuchen, sich in Komplexität und Satzlänge gegenseitig zu übertreffen, und Illouz Buch zwar äußerst empfehlenswert, dennoch ebenfalls recht "dicht" geschrieben ist, findet man Kaufmanns Werk leichter zugänglich.
Der Autor rief in belgischen, französischen und schweizer Zeitschriften und Tageszeitungen, sowie über Flyer dazu auf, mit ihm in Email-Kontakt zu treten, um Aussagen zum Beziehungsärger zu machen. Er wählte einige Personen gezielt aus und trat mit ihnen in einen Austausch. Anhand solcher, teilweise sehr selbstanalytischen Aussagen führte Kaufmann nun seine Untersuchung durch.
Zu Beginn ertappt man sich dabei, laut aufzulachen wenn Kaufmann die kleinen alltäglichen Kriege seiner Gewährspersonen beschreibt ("darf der präparierte Heringskopf nun über dem Esstisch hängen, oder wird er doch in die Werkstatt verbannt"), doch an einigen Stellen erstickt einem das Lachen im Halse, nämlich dann, wenn man sich selbst in den Beschreibungen wieder findet. Auch die teilweise unterschwellige Verzweiflung und Heftigkeit der Gefühle die zwischen den Zeilen anklingt ist manchmal erschreckend.
Diese Buch ist keine Handreichung um mit Beziehungsärger besser zurecht zu kommen. Es leitet nicht "in 10 Schritten zu einer besseren Partnerschaft". Vielmehr analysiert Kaufmann wie Ärger sich "kristallisiert", wie es schließlich zur Explosion kommt, wie die jeweiligen Personen damit umgehen und sich teilweise selbst täuschen, aber auch konstruktiv an ihren Beziehungen arbeiten. Ein zentraler Aspekt ist auch die Tatsache, dass durch die Infragestellung der traditionellen Rollen von Mann und Frau (dieses Buch konzentriert sich auf diese Konstellation der Beziehung), veränderte Ansprüche und vor allem Konflikte entstehen.
Kaufmanns Methode ist sicher (wie jede Methode) diskutabel, trotzdem innovativ und interessant. Schön ist auch der Anhang zur Methode (Neueste Nachrichten), in denen er einige Kontakte noch einmal über neueste Beziehungsentwicklungen zu Wort kommen lässt.
Ist man Texte aus der deutschen und anglo-amerikanischen Soziologie gewohnt, muss man sich eventuell erst auf Kaufmanns Stil einlassen. Auch dann finden sich eher Anstöße zur (Selbst-)Reflexion über Beziehungen (und dass nicht nur auf partnerschaftlicher Ebene), als ausformulierte Ergebnisse oder Anleitungen. Dies kann und sollte man allerdings bei einem so dynamischen, komplexen Thema wie "Liebe" auch kaum erwarten. Zentral bleibt dennoch die Erkenntnis, dass mit einer sich wandelnden Gesellschaft neue Möglichkeiten für Partnerschaft entstehen, aber auch neue Herausforderungen der ganz alltäglichen Beziehungsarbeit.