Mit "Was kostet die Welt" liefert (ex-)muff potters Nagel nun seinen zweiten Roman. Handelte es sich bei den "Maden" doch noch eher um eine Art halbbiographorisches Tourtagebuch, falls man das überhaupt so nennen darf, hat man es bei "Was kostet die Welt" mit einem reinrassigen Roman zu tun. Eine Geschichte mit eigenem Protagonisten, mit hohen Flügen und tiefen Fällen. "Eine eigene Geschichte, aus Fleisch und Blut." - um einfach noch ein muff potter Zitat in den Raum werfen zu dürfen.
Tobias "Meise" Meissner ist der Protagonist, Ich-Erzähler und (Anti-)Held des Romans. Meise kommt aus Berlin und erbte 15.000¤ von seinem Vater, eine Summe, die er nach anfänglichem Zögern direkt auf den Kopf hauen will - und zwar für das Reisen. Er will alles anders machen, als sein spießiger Vater, der sich als Fliesenleger den Rücken zerschunden hat und mit seinem Benz doch eh nie weiter gefahren ist, als bis zu seiner Schwester nach Jena. Dementsprechend investiert Meise das Geld umgehend in eine Reise um die Welt und findet sich ein paar Monate später in Berlin gar nicht mehr zurecht. Er schafft es nicht, sich mit seinen alten Freunden zu arrangieren. Er kämpft mit den unzähligen Jetlags und Zeitzonen, durch die er gereist ist, gejagt von Erinnerungen an die weite Welt. Als er noch 1000¤ auf seinem Konto entdeckt, begibt er sich auf eine letzte Reise ins Moseltal um die Platte scheinbar zu defragmentieren. Doch hier soll alles erst anfangen, wenn ihm in der tiefsten Provinz der Republik sämtliche Decken auf den Kopf fallen und er von einer Lawine aus Redewendungen, Traditionen, vierstelligen Einwohnerzahlen und funktionierenden Familien regelrecht überrollt wird.
Der Roman spielt hauptsächlich an der Mosel und erzählt von Meises Leben auf dem Weingut von Familie Arend, dessen Winzersohn Flo er auf seinem Trip nach New York kennen gelernt hat. Zwischendurch schweift Meise allerdings ab in Erinnerungen an seine Reise um die Welt oder seine Vergangenheit in der nicht ganz so intakten Familie Meissner, weil ihn irgendwelche Dinge, z.B. eine Matratze oder andere Einrichtungsgegenstände an Erlebtes erinnern. Man erfährt also durch solche Einschübe einiges über Meises Weltreise und seine restliche Vergangenheit, wodurch man auch langsam erahnen kann, warum der Protagonist des Buches ein bisschen gestört daher kommt.
Meise ist ein Antiheld. Nein, Meise ist der Antiheld. Oder um es mit einer immer wiederkehrenden Satzform des Buches auszudrücken: Wenn man im Lexikon nach dem Begriff "Antiheld" suchen würde, wäre da sicher ein Bild von ihm.
Neurosenengel Meise hat schon seine eigenen Ansichten vom (Über-)Leben. Gebeutelt vom Leben in einer kaputten Familie, offensichtlichen Problemen mit seinem Vater, Bindungsängsten, Ekel vor 5-Euro Scheinen, Verdacht auf Dopamin-Mangel, der Ablehnung bzw. Verachtung einer festen Arbeit und immer auf der Suche nach dem nächsten Rausch jeglicher Art rotzt er sich durch das Moseltal. "Fear and Loathing" trifft es da schon verdammt gut.
Meise singt sein ganz persönliches Lied vom Scheitern. Immer mit einem Fuß hinter der Grenze des Kontrollverlustes macht er den Eindruck, als wäre er zu schlau für diese ganze Welt. Er kann Menschen lesen. Nach kurzem Blickkontakt baut Meise ein ganzes Leben seines fremden Gegenübers auf und würde es ihm am liebsten vor die Füße rotzen und zertreten, behält es aber dann meisten doch für sich. Er bleibt wortkarg und verschließt sich in der engen Weite der Provinz, wo er merkt, dass er doch garnicht dazugehört. Er analysiert und würde am liebsten mit einem Schlag alles vernichten. Er ist ein arroganter, teilweise zynischer Bastard und trotzdem ist man irgendwie stets auf seiner Seite. Denn irgendwie merkt man, dass der Typ recht hat.
Meise ist ein recht tragischer Mensch. Er könnte so viel und will so wenig, er will eigentlich nur seine Ruhe, will vorallem "Bizarre Love Triangle" von New Order hören. Auf der Suche nach dem nächsten Drink und dem nächsten Kick und der Flucht vor der Ödnis in der Provinz, in der er sich am liebsten einfach mit jemandem prügeln will, nur damit irgendwas passiert. Damit das Feuer nicht ausgeht.
"Die Leute lieben Scheitern und ich scheitere so sehr", sang einst eine Band namens Tomte und Nagel lässt seinen Protagonisten scheitern, wo er nur kann. Er scheitert an der Unfähigkeit, sich zu Binden. Scheitert an seinem Unverständnis für echte Familienstrukturen. Scheitert an dem Unverständnis für das Dorfleben. Scheitert an dem Anblick einer funktionierenden Vater-Sohn Beziehung. Und am Ende scheitert er scheinbar an sich Selbst und steht schließlich doch noch auf beiden Beinen. Es geht ums Umfallen und Wiederaufstehen. Das gute alte Motto.
Mit "Was kostet die Welt" hat Nagel einen Roman geschaffen, der so entwaffnend ist, wie kaum einer zuvor. Er lässt Meise zumindest in seinen Gedanken alles rauskotzen, was ihm missfällt. Von Berufen bis zu Familien, festen Beziehungen oder der Ehe. Für Meise stellte Familie immer nur Fassade dar, ein Wort, eine Gemeinsamkeit vierer Menschen, die sich einen Nachnamen teilen müssen. Der Status Quo wird so dermaßen niedergemacht, und das auf eine so subtile Art, das man sich schon selbst an den Kopf fasst und seinen Lebensstandard nochmal überdenken sollte. Stagnation wird zum Fremdwort, wird zum Übel. Nagel lässt Meise alle Wurzeln rausreißen und ihm keine Zeit, neue zu schlagen. Und das ist auch gut so. Denn selten hat man so einen zugleich charmanten, arroganten, aber irgendwie liebenswürdigen Zyniker auf dem Papier gesehen, der einfach alles so pointiert und eloquent in Frage stellt, dass man teilweise Lachen und Weinen will. Man will sich all seine Schilderungen auf jede freie Stelle des Körpers tätowieren, allen voran die Zeile "ich will, dass alles hier endlich explodiert, die ganze Fassade muss uns um die Ohren fliegen" auf beide Mittelfinger packen und sie ausstrecken, bis es alle verstehen.
Sollte man gelesen haben. Sollte man immer wieder lesen.
Ich bin Fan des Antiheldentums und Nagel vertreibt mit Meise sogar den guten alten Hank Chinaski vom Thron. Wer hätte das gedacht.
Burn the house down.