Einige Jahre vor der Einführung des Euro klagte Prof. Hankel zusammen mit zwei seiner Kollegen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die neue Währung. Ihr Hauptargument war damals, dass der Euro zwangsläufig zu Inflation führen würde. Doch das Bundesverfassungsgericht schmetterte die Klage mit dem Hinweis ab, dass es nicht dazu da sei, die Richtigkeit ökonomischer Gesetze zu klären.
Die damals vorgebrachte ökonomische Analyse wurde inzwischen durch die Wirklichkeit fast bestätigt. Dem Euro wurde eine Stabilität zugeordnet, die vielleicht die Deutsche Mark besaß, wohl aber kaum eine der anderen nun 16 ehemaligen Währungen. Deswegen war es den entsprechenden Ländern möglich, sich weit über ihre ökonomischen Möglichkeiten hinaus zu verschulden. Faktisch stehen 12 der 16 Euroländer vor dem Staatsbankrott. Die Folgen werden uns umso härter treffen, je länger der Euro auch unsere Währung bleibt.
Wenn ein ausgewiesener Währungsfachmann mit seiner damaligen Analyse Recht behalten hat, dann ist es sicherlich interessant, von ihm eine Analyse der gegenwärtigen finanzpolitischen Weltlage zu erfahren. Das leistet der auf dieser DVD zu sehende Vortrag, den uns der Autor auf seinem Sofa sitzend hält.
Seine ökonomische Analyse der Finanzkrise ist scharfsinnig, solange sie sich auf sein Fachgebiet bezieht. Prof. Hankels politische Schlussfolgerungen und einige seiner historischen Behauptungen sind auf der anderen Seite leider so naiv wie seine Verfassungsklage von 1998.
Zunächst erklärt uns der Vortragende die Ursachen der gegenwärtigen Schuldenkrise. Die Banken hätten sich von der Realwirtschaft fast vollständig abgekoppelt. Statt die Realwirtschaft mit Krediten zu versorgen und das Geld der Sparer zu vermehren, hätten sie sich einen neuen Markt geschaffen, den Interbankenmarkt. Sie hätten sich gegenseitig verschuldet und diese Schulden durch Verbriefungen handelbar gemacht, Pakete solcher Verbriefungen gebildet, diese durch Rating-Agenturen sehr optimistisch bewerten lassen und ebenso in den Interbankenhandel geschleust. Schließlich wurden auch noch Derivate auf diesen Müll gebildet. Niemand, so klagt Prof. Hankel, hat das offenbar richtig gesehen oder ist gar eingeschritten, nicht einmal die Zentralbanken, die er für ein Kind der Aufklärung des 18. Jahrhunderts hält.
Und da haben wir sie, die Naivität. Vielleicht ist es dann doch etwas anders gelaufen. Was ist, wenn die Zentralbanken nicht Aufsichtsbehörden, sondern verlängerter Arm der Großbanken sind? Bei der amerikanischen Zentralbank ist das schon deswegen zu vermuten, weil sie sich im Besitz des New Yorker Großbankenkartells befindet.
Die amerikanische Hypothekenkrise, erklärt Prof. Hankel, wurde politisch erzeugt. Unter der Clinton-Administration wurde es nämlich unter anderem möglich, Immobilien zu über 100% zu beleihen. Wen wundert es da, dass Leute bei steigenden Häuserpreisen mit Häusern zu handeln begannen? Als dieser politisch erzeugte Blasenmarkt platzte, wurden massenweise Hypothekenschulden fällig. Da die Banken (ebenso politisch gewollt) nicht ausreichend Eigenkapital besaßen und keine Bank der anderen mehr über den Weg traute, stockte der Kapitalfluss, und die gegenwärtige Krise begann sich rasend zu entwickeln. Nun schritten die Zentralbanken und ungefragt auch der Steuerzahler ein, denn Banken sind offenbar etwas Besonderes. Sie dürfen nicht in die Insolvenz gehen. Warum das so ist, begreift auch Prof. Hankel nicht. Diese Rettungsaktionen, für die sich ziemlich viele Leute gegenseitig beglückwünschten, haben aber nach Prof. Hankel mehr Schaden angerichtet als vorher da war.
Bis auf sein Unverständnis der Rolle der Zentralbanken ist die Analyse des Autors brillant. Rettet uns nun der Euro? Im Gegenteil, meint Prof. Hankel. Er verschärft unsere heikle Situation noch. Gibt es eine Lösung? Der Vortragende diskutiert einen solchen Ansatz. Mir jedoch erscheint dieser Teil seines Vortrages als recht naiv.
Der Dollar als Weltwährungsreserve gehöre abgeschafft. Doch dass der Dollar überhaupt erst in diese Rolle kam, war politisches Kalkül. An seine Stelle sollte eine neutrale Verrechnungseinheit kommen, etwa die so genannten Sonderziehungsrechte des IWF. Handelsungleichgewichte müssten behoben werden, damit die Defizite in den Staatshaushalten verschwänden. Das würde aber uns Deutsche mit aller Heftigkeit treffen und bedeuten, dass wir endlich aufhören müssten, die ganze Welt mit unseren guten Produkten zu drangsalieren. Und Länder wie Japan oder China auch. So hat Wirtschaft noch nie funktioniert.
Wenn man diesen Hankelschen Gedanken konsequent zu Ende denkt, dann schimmert der Sozialismus schnell durch. Ein so komplexes System wie die Weltwirtschaft auf diese Weise zu steuern zu versuchen, ist unmöglich und würde ebenso in eine noch schlimmere Krise führen, wie die von Prof. Hankel vorgeschlagenen festen Wechselkurse zwischen den Währungen. Es wird immer in ökonomischen Systemen genau wie in der Natur zu Verwerfungen kommen, die nicht durch das Drehen an ein paar Parametern zu steuern sind. Wer an die menschliche Steuerungsfähigkeit glaubt, sollte einfach einmal die kläglichen Versuche studieren, die es dafür praktisch gibt. Es ist natürlich verständlich, dass Menschen immer wieder versuchen, für alle Probleme dieser Welt die ultimative Dauer-Schlaraffenland-Lösung zu finden. Realistisch ist das jedoch nicht.
Die Staaten werden zu einer wenigstens temporären Lösung kommen müssen. Ich befürchte jedoch, dass die zurzeit gefühlte Krise noch zu klein ist, um Lösungen herbeizuführen, die der Lage angepasst sind. Die Veränderungen werden für den Westen allerdings so dramatisch sein, dass er sie keinesfalls freiwillig vollziehen wird.
Fazit.
Prof. Hankel bietet mit seinem einstündigen Vortrag eine brillante Analyse unserer gegenwärtigen finanzpolitischen Situation. Dass wir uns vom Euro trennen werden müssen, liegt auf der Hand, ist aber politisch zurzeit nicht vorstellbar. Seine übrigen Lösungsvorschläge (Bretton Woods 2.0) mögen vielleicht interessant klingen. Ich halte sie dauerhaft für undurchführbar. Bretton Woods 1.0 ist schließlich nicht zufällig gescheitert.