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3.0 von 5 Sternen
Unsystematisch, mutlos und abschweifend. Dennoch lesenswert., 1. Mai 2010
Familien - Leitbilder - Lebensformen: wow! Hochinteressante Themen! Zudem noch eine auf die Zukunft weisende Fragestellung im Titel. Solche Ankündigungen auf einem Buch-Cover lassen große Erwartungen aufkommen.
Von einer Soziologin hätte ich mir eine sorgfältige soziologische Einteilung, Analyse und Quantifizierung des heute existierenden bunten Spektrums verschiedener Lebensformen erwartet: Entschiedene Singles, unfreiwillige Singles, Paare ohne Kinder, die traditionelle Normalfamilie, Alleinerziehende, verschiedene Formen von Patchwork, alternative Wahl- und Großfamilien, Regenbogenfamilie, bikulturelle Familien, polyamore Beziehungen, Fernbeziehungen u.a.m. Meine heimliche Hoffnung wäre gewesen, dass die Autorin zusätzlich noch einen Kulturvergleich wagt, etwa zwischen Skandinavien, Deutschland, mediterrane Länder, USA und Japan.
Nach dieser systematischen Bestandsaufnahme hätte ich mir im Rest des Buches ein häufiges Vorkommen der Wörter "Trend" und "Szenario" erwartet. Welche Trends lassen sich derzeit feststellen? Durch welche Studien, Umfragen unter Jugendlichen, ökonomischen oder demografischen Entwicklungen lassen sich diese soziokulturellen Trends begründen? Welche Zukunfts-Szenarien lassen sich daraus entwerfen? Welche Lebensformen werden vermutlich zunehmen, welche abnehmen, und warum? Mit welchen Folgen? Wird der traditionelle Vater-Mutter -Kind-Typus (bis dass der Tod euch scheidet) weiter an Terrain verlieren? Wird vielleicht die Lebensabschnittsbeziehung zum Standard werden?
Leider gibt uns die Autorin keine systematische und umfassende Übersicht über die derzeitigen Leitbilder und Lebensformen, und traut sich an die obigen Fragen nur selten heran. Für einen großen Entwurf, wie wir vielleicht in Zukunft leben werden, fehlt der Autorin offenbar der Mut, - obwohl das Medium Sachbuch der richtige Ort dafür wäre. Schließlich handelt es sich um keine wissenschaftliche Abhandlung. Überflüssig zu sagen, dass Länder-Vergleiche nicht vorkommen.
Stattdessen schweift die Autorin auf zig Seiten in Gebiete ab, die überhaupt nicht zum Thema gehören: Biotechnologie, Reproduktionsmedizin, Pränataldiagnostik, Embryonenschutz, "genetische Perfektionierung des Nachwuchses". Auch die Probleme doppelter Staatsbürgerschaft werden mit ausführlichen Beispielen erörtert. Schwer zu verstehen auch, was die Geschichte des Nationalsozialismus in diesem Buch verloren hat. Diesem Thema wird so viel Raum gegeben, dass sogar zwei Paragrafen aus dem "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes" aus dem Jahre 1935 in vollem Wortlaut abgedruckt werden. Manche Sozialwissenschaftler kommen von der leidvollen deutschen Vergangenheit einfach nicht weg.
Nun zu den positiven Seiten des Buches: Die Autorin trifft in den ersten Kapiteln viele wichtige Feststellungen. Die meisten enthalten keine neuen Erkenntnisse, aber sie sind gut formuliert. Vier Beispiele zu den Themen >Individualisierung >Vision der Single-Gesellschaft >Elterliche Pflichten und >Experten.
> Die festen Vorgaben von einst, verankert in Religion und Tradition, büßen ihre Stärke ein. Dieser Individualisierungsschub der letzten Jahrzehnte verändert die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und den Generationen nachhaltig. Historisch neue Spannungsverhältnisse entstehen und machen die Beziehungen reizvoller, im doppelten Sinne des Wortes. Der Individualisierungsprozess erzeugt beides: den Anspruch auf ein Stück eigenes Leben und zugleich die Sehnsucht nach Bindung und Gemeinschaft. Daher kommt nach der traditionellen Einheitsfamilie eine zunehmende Vielfalt von Wechselfamilien, Verhandlungsfamilien, Fortsetzungsfamilien und Netzwerkfamilien.
> Das Ende der Familie und die flächendeckende Single-Gesellschaft ist nicht zu erwarten. Auch die Ausbreitung von ungeordneten, wilden Verhältnissen (weil die egoistisch und hedonistisch gewordenen Menschen nur noch nach eigenen Bedürfnissen leben) ist nicht zu befürchten.
> Die elterlichen Pflichten, die ethische und soziale Verantwortung der Eltern haben schon heute ein ungeahntes Ausmaß erreicht, und werden weiter zunehmen. Das Kind darf immer weniger hingenommen werden so wie es ist, mit seinen körperlichen und geistigen Eigenheiten, vielleicht auch Mängeln. Möglichst alle Mängel sollen korrigiert werden (zB. Schielen, Stottern, Bettnässen) und möglichst alle Anlagen sollen gestärkt werden (zB. Musik, Sprachen, Sport). Das Unterlassen von Förderung wird mit verlorenen Entwicklungschancen gleichgesetzt. Das Kind als Projekt.
> Unter den Bedingungen von Enttraditionalisierung und Individualisierung wird das Wissen und die Unterstützung von Experten immer mehr zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltags. Die Berater und Therapeuten entwerfen Strategien und Lösungsvorschläge, zeigen Wege und Auswege. Sie bieten praktische Hilfe beim Optimieren und Kalkulieren des Lebens. Expertenwissen jedoch, so meint die Autorin, kann nie jenen Grad an Sicherheit und Legitimation erreichen, den die alten Orientierungsinstanzen hatten.
Fazit: Irreführender Titel, ein Drittel des Buches Themenverfehlung, zu wenige Blicke in die Zukunft. Unterm Strich überwiegt jedoch das Positive.
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5.0 von 5 Sternen
Leicht verständlich und sehr aufschlussreich, 2. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Was kommt nach der Familie?: Einblicke in neue Lebensformen (Taschenbuch)
Auch für Fachfremde ist die Lektüre dieses soziologischen Werkes ein leicht zu verstehender Einblick in die neuen und zukünftigen Formen des Lebens, der Familie und der Lebensgemeinschaften. Beck- Gernsheim stellt strukturiert und sehr deutlich die einzelnen Aspekte der Familie dar. Ob es der historische Rückblick ist, die technischen Möglichkeiten und die folgenden elterliche Verantwortung, die Relevanz und die Stellung der Frauen oder die vielfalt der multikulturellen Parnterschaften ist. Alle diese Themen zielen auf eine Prognose hin und zwar, dass die Eltern der Zukunft sich ganz neuen Fragen, Herausforderungen, Entscheidungszwänge stellen müssen.
Und auf die Frage:"Was kommt nach der Familie", antwortet Beck-Gernsheim mit: "Die Familie. Besser noch: Verhandlungsfamilie, Wechselfamilie, Vielfamilie."
Ein sehr empfehlenswertes Buch für Studenten die sich auf Familiensoziologie spezialisieren, aber auch für alle Interessierte, die mehr von den neuen Familienformen erfahren wollen.
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