Xochil rezensiert für das MySlam.net Magazin seit genau einem Jahr regelmäßig Bücher verschiedener Slam Autoren. Mit "was ist" ist nun ihr eigener erster Roman erschienen.
Was ist lag am Montagmorgen um 10 Uhr in meinem Briefkasten, als ich von einer dreistündigen Autofahrt in "meine" Stadt zurückkam. Ich beschloss, nicht zur Arbeit zu gehen und stattdessen dieses Buch zu lesen. Diese zwei Umstände hatten mit dem Buch sehr viel mehr gemeinsam als ich ahnte, als ich es zu lesen begann.
Neugierig hat mich zunächst der Einband gemacht. Zu erkennen ist darauf das Gesicht eines Mädchens ohne Körper, das sichtbar geworden ist, nachdem alte Tapeten von den Wänden gerissen wurden. Das Mädchen blickt traurig und etwas wütend zugleich. Man möchte es fragen "was ist?".
Was ist handelt von einer knapp 30jährigen Frau, die in einer Fernbeziehung mit ihrem Freund Hannes lebt. Eine stabilere, zum Teil gleichere Beziehung als bisherige und sie soll in jeder Hinsicht näher werden. In das Spannungsfeld zwischen gefühlter Nähe und erlebter Distanz mischen sich dabei Erinnerungen an eine Zeit, in der das Träumen noch half.
Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben, wechselt aber im Stil zwischen innerem Monolog, Tagebucheinträgen, Träumen und Rückblicken in die Kindheit der Protagonistin. Allen gemeinsam ist eine direkte, oft malerische, aber immer wieder auch kindliche Sprache. Ganz besonders die wechselnden Stimmungslagen haben mich beim Lesen manchmal unruhig gemacht, mal begleitet von Ungeduld, mal von Interesse.
Auf den ersten Seiten herrscht das Gefühl vor, ein Mädchen erzählt ohne Punkt und Komma von seinen Gedanken und Erlebnissen:
"Ich habe gedacht, im Museum, dass ich nicht glaube, dass Hannes schon mal in einem Museum war, und dann habe ich gedacht, dass ich nicht glaube, dass Hannes Lust hat mal in ein Museum zu gehen, und dann habe ich mich daran erinnert, dass ich mit Wendel mal in einem Museum war und dass ich es gar nicht ertragen konnte, mit Wendel in einem Museum zu sein, weil Wendel die ganze Zeit redete'"
Ich fühlte mich als Zuhörer vor einem Menschen, der sich selbst versucht etwas zu erklären und gar nicht weiß was. Vielleicht störte mich die Unsicherheit der Protagonistin, vielleicht meine eigene, ich begann jedenfalls ungeduldig zu werden. Dann kam ein wenig Licht ins Dunkel. Der erste Rückblick in eine dunkle, weil stille Kindheit mit einem tyrannischen Vater, einer duldenden, fast dienenden Mutter und einer längst verstummten Schwester. Dabei gelingt es Xochil im Laufe der Erzählung die Angst im Tyrann zu entlarven, die Macht der Dienerin und das sich wiederholende Echo einer Verstummten.
Xochils Roman taucht immer wieder in die Kindheit der Protagonistin ab, ohne damit erklären oder rechtfertigen zu wollen, was ist. Vielmehr kämpft die Erzählerin damit, sich teilweise radikal von den Eltern zu emanzipieren ohne sich dabei von den damit einhergehenden Verlusten zerstören zu lassen. Dabei ist sie an einem Punkt angekommen, an dem ihr Tapetenwechsel nicht mehr genug sind. Vielmehr werden Tapeten abgerissen, ständig auf der Suche nach einer verlässlichen Wand und in dem Bestreben, sich von Oberflächen nicht täuschen zu lassen.
Ich empfand das Buch immer wieder als verstörend, ganz besonders wegen der zum Teil gespenstisch geschilderten Szenen aus der Kindheit, verbunden mit viel Angst und Gedanken um den Tod. Dennoch gelingt es Xochil, durch eine neugierige, aufgeschlossene Sprache, keine Verbitterung aufkommen zu lassen.
Besonders gefallen hat mir die Auseinandersetzung mit der Kindheit und damit den Eltern der Erzählerin, die dadurch in einer Geschichte voller Beziehungen völlig ohne projizierte Gender-Polemik auskommt.
Was ist ist die Neujahrsansprache eines Menschen zu seiner eigenen Lage, definiert durch seine Beziehungen aus Vergangenheit und Gegenwart. Ein Feuerwerk aus Worten klingt nach, während bewusst wird, dass ist, was ist. Wer die Entwicklung dieser Geschichte in der Persönlichkeit der Hauptperson sucht, wird nicht fündig. Wer wissen will, was war, um zu verstehen, was ist, bleibt neugierig.