In dieser Aufsatzsammlung geht es um die Problematisierung dreier wichtiger Strukturmerkmale von Sprache: (1) ihres phonetischen Charakters (Sprechen); (2) ihres Zeichencharakters (Bedeutung); (3) ihres kommunikativen Charakters (Gesellschaft).
Trabant entwickelt verschiedene Theorien zur Sprachentstehung philosophiegeschichtlich und fachlinguistisch (Plato, Aristoteles, Condillac, Rousseau, Herder, Humboldt, Martinet, Hjelmslev, Saussure, Chomsky, Lieberman u.a.), ohne auf paläoanthropologische Forschungsergebnisse zurückzugreifen. Gegen Chomsky argumentierend und sich Humboldt anschließend hebt er hervor, daß Sprachen nicht nur "Schälle und Zeichen", sondern Weltansichten sind. "Fremdheit" ist konstitutiv für Sprache, was nicht heißt, daß Sprachen einander völlig fremd sind.
Im Zusammenhang mit der Frage, ob die Volkssprachen nur idola fori, die Trugbilder des Marktes (Bacon) oder aber kostbares Wissen (Leibniz) sind, beklagt Trabant, daß sich die Gegenwartslinguistik nicht für die Differenzen, sondern nur für das Universelle interessiert. In der Wissensgesellschaft ist nur das Wissen, welches der unmittelbaren ökonomischen Reproduktion dient, willkommen und folglich finanzierbar. Das verweist auf einen Abgrund zwischen Wissen und Handeln, der allerdings durch das "Zeichen" überbrückt wird. Moderne Wissenschaft ist Gemacht-Haben, Wissen ganz wesentlich in Zeichen aufgehobenes Handeln. Während Wissen statisch, einsam, solipsistisch ist, ist "Wissen als Handeln" prozessual und performativ, Geschäft, gesellschaftliches Tun.
Im zweiten Hauptteil entwickelt Trabant die Dialektik zwischen Volkssprachen und Universalsprache, dargestellt an Italien, Frankreich und Deutschland. Es erweist sich, daß der Fortschritt der Wissenschaften erst durch den Aufstieg der Nationalsprachen möglich wurde, denn diese befreiten die Forscher von den an den lateinischen Wörtern klebenden traditionellen Bedeutungen und bereiteten damit den Übergang zu einem "beliebigen" Ausdruck mit dem Status eines wissenschaftlichen Terminus vor. Die Volkssprachen haben Denkblockaden aufgehoben und den Forschern den Weg zu Menschen mit Macht und Geld geebnet. Einen Rückschlag erfuhr diese Entwicklung in der Französischen Revolution, deren Akteure mittels eines zentralisierten Schulsystems das angeblich "unwissenschaftliche, reaktionäre und wilde Denken" der Regionalsprachen auszurotten versuchten. Mit dem "globalesischen" Gegenwartsenglisch schließlich werden alle Emanzipationsgewinne wieder einkassiert und die politischen, geistigen und gesellschaftlichen Trennungen in neuer Form restauriert. Wir verlieren die Würde der eigenen Sprache, nehmen Abschied von einer fünfhundertjährigen Geschichte und geben Europa auf.
Trabant erklärt den Niedergang der deutschen Nationalsprache mit der Diskreditierung des Deutschen durch den Nationalsozialismus. Dort liegt (noch vor der Globalisierung!) die Hauptursache für zahlreiche unerfreuliche Gegenwartsphänomene: den "Schizolinguismus", mit dem die Muttersprache als 'Verbrechersprache' von deutschen Sprechern abgelehnt wird; ihrer grotesken Überfrachtung mit Anglizismen; der wahlweisen Flucht in Dialekte oder das "globalesische" Englisch; der antidemokratischen Rechtschreibreform; dem 'Immersionsunterricht' in deutschen Gymnasien und der Unwilligkeit von Immigranten, sich der deutschen Hochsprache zu befleißigen.
In einem dritten Abschnitt über Dichtung und Wahrheit stellt Trabant die Frage, in welchem Ausmaß sich Geschichtsschreibung als Diskurstyp auf die empirische Welt bezieht (Referenz) und inwiefern sie das nicht sinnlich Erfaßbare "hinzuerfindet". Abschließend wird erörtert, ob das "poetische Sprechen" eine Abweichung vom normalen Sprechen ist oder nicht vielmehr umgekehrt das - strikten Diskursregeln folgende - "normale Sprechen" eine Auswahl aus der Fülle sprachlicher Möglichkeiten.
Trabant macht in seinem Werk verschiedene wichtige Konfliktfelder im Zusammenhang mit Sprache transparent, und der Leser spürt deutlich seine tiefe Liebe sowohl zur Melodie als auch zu der Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, welche alleine die menschliche Sprache erlaubt. Als wertvolle Ergänzung empfehle ich: Dieter ZIMMER: "So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachentstehung, Sprache & Denken" (2010²).