Dr. Jens Schlieter (*1966) ist Professor für systematische Religionswissenschaften an der Uni Bern. Er hat sich die Mühe gemacht über einen Zeitraum von zweitausend Jahren der Frage nachzugehen: "Was ist Religion?" Dabei hat der Versuchung widerstanden, selbst eine Definition zu geben. Er lässt verschiedene Autoren mit Auszügen aus ihren Originaltexten zu Wort kommen. Es beginnt mit Cicero im 1. vorchristlichen Jahrhundert und endet mit Niklas Luhmann im 20. Jahrhundert. Schlieter belässt es nicht dabei, einfach nur Textauszüge zu präsentieren. Jedem seiner zitierten Autoren widmet er eine kurze Einführung, in der er die wesentlichen Aussagen zur Fragestellung herausarbeitet. Dies gelingt ihm auch. Dadurch wird die Textsammlung auch für Nicht-Theologen und Nicht-Soziologen verständlich.
Er ordnet seine insgesamt dreißig Autoren ein in Zeitperioden: Antike und Mittelalter, Neuzeit und Aufklärung, Moderne. In seiner Einführung weist Schlieter darauf hin, dass das, was man unter Religion versteht, bestimmt werde vom "Erkenntnisinteresse". Davon hänge ab, welche Theorien über Religion erstellt würden, welche Fragen sich daraus ergeben und was außen vor bleiben würde. Nach Schlieters Ansicht gibt es drei Kategorien, wie Religion definiert werden kann (S. 22-23): Realdefinition, also Aussagen über die Inhalte; Nominaldefinition, mit der Ausarbeitung von mehr formalen Kriterien; operationale Definition, mit der Untersuchung der gesellschaftlichen und individuellen Leistungen. Mit diesen Kategorien wird es leichter, die verschiedenen Autoren einzuordnen - unabhängig davon, in welchem Zeitalter sie gelebt haben oder leben. In seinem Nachwort bezweifelt er allerdings, ob Religion nicht vielleicht ein Begriff sei, der nur aus der abendländischen Kultur heraus verständlich wäre und auf östliche Kulturen und Sinnsysteme nicht angewandt werden sollte.
Der Bogen zwischen den verschiedenen Autoren ist weit gespannt. Es beginnt mit Cicero (106 - 43 v. Chr.), der Religion hauptsächlich in ihrer Funktion als soziales Bindemittel sieht und auf die einigende Kraft religiöser Rituale setzt. Es kommt (natürlich) auch Immanuel Kant zu Wort mit seiner Aussage, dass sinnentleerte Rituale (Lobpreisungen) "ein Opiat für das Gewissen" seien (S. 75). Man könnte nun folgern, dass Karl Marx seine viel zitierte Aussage (S. 100) "Sie [die Religion] ist das Opium des Volks" bei Kant ausgeliehen hat. Man erfährt bei Max Weber, dass seiner Ansicht nach (S. 142) Priester "die Funktionäre eines regelmäßigen organisierten stetigen Betriebs der Beeinflussung der Götter" sind. Während Pierre Bourdieu meint, die Priesterschaft würde aus "austauschbaren Produzenten von Heilsgütern und religiösen Dienstleistungen" besehen (S. 231). Hermann Lübbe ist der Ansicht, dass man bei Religion nicht von "wahr" oder "falsch" sprechen könne, sondern nur von "gelungen" oder "misslungen" bzw. "zweckmäßig" oder "unzweckmäßig". Er, Lübbe, und auch der folgende Autor Niklas Luhmann sehen Religion als ein Werkzeug zur "Kontingenzbewältigung", also die Sinndeutung auch scheinbar sinnloser zufälliger Ereignisse. Mit Luhmann (1927 - 1998) enden die Autoren. Vielleicht von Schlieter ungewollt schließt sich der Kreis zum ersten Autor, zu Cicero. Denn Luhmann meint auch, dass zwar Religion für individuelle Menschen entbehrlich sei, nicht jedoch für die Gesellschaft, die er als ein "Kommunikationssystem" betrachtet.
Was man vielleicht vermissen könnte, sind Aussagen über Religion von heutigen Naturwissenschaftlern. Es fehlen auch Textzitate von Autoren, die Religion als ein evolutionäres Produkt der kulturellen Entwicklung betrachten (z.B. Ina Wunn) oder als ein "Memplex" (z.B. Richard Dawkins oder Susan Blackmore). Dennoch ist die Textzusammenstellung gelungen. Sie ist nicht nur geeignet als Basisliteratur für Theologen oder Soziologen. Der interessierte Laie erhält einen kompakten Ein- und Überblick zum Bedeutungswandel des Begriffes Religion" über zwei Jahrtausende.