"Vor allem aber werden wir durch die Größe der Welt, die die Philosophie betrachtet, selber zu etwas Größerem gemacht und zu jener Einheit mit der Welt fähig werden, die das größte Gut ist, das man in ihr finden kann". (Bertrand Russell)
Dieses Russell Zitat aus den "Probleme[n] der Philosophie" besticht in der Gesamtsicht auf Jaspers. Das hier zu besprechende Buch: "Was ist der Mensch?" ist ein Lesebuch über Jaspers und sein Werk, liebevoll und bestens zusammengestellt und je Kapitelanfang zusammenfassend kommentiert von Hans Saner. So beginnt dieses Lesebuch mit einem Selbstporträt, mit dem Suchen und Finden des Menschen Jaspers aus der Familie heraus in seine persönliche und berufliche Perspektive, von der Jurisprudenz über die Medizin zur Psychiatrie und von dort in den Hafen der Einheit der Welt. Seiner Philosophie. Dieser ist er von klein an verpflichtet, verpflichtet im Sinne der Wahrheit: "Wahrheit, deren Richtigkeit ich beweisen kann, besteht ohne mich selber. [...] Wahrheit, aus der ich lebe, ist nur dadurch, dass ich mit ihr identisch werde". Mit dieser Maxime aus dem Elterhaus besteht Jaspers (1883-1969) sein Leben als Schüler, als Student, als Arzt, als Professor, als Mann einer jüdischen Frau über alle Wirren des Lebens und des Krieges. Zuversicht und Glaube sind tragfähige Begleiter, die niemals seinen Mut in der Sache und zu sich selbst in Frage stellten. Sein Weltbild ist eines der Liebe in universaler Kommunikation. "Was sich nicht in Kommunikation verwirklicht, ist noch nicht, [...] ist ohne genügenden Grund. Die Wahrheit beginnt zu zweien". Die Forderung: "sie rückhaltlos wagen" (121).
"Da der Mensch ein denkendes Wesen ist, muss die Wahrheit irgendwann an ihn gelangen. Wenn der Augenschein dagegen steht, trauen wir diesem Augenblick nicht. Mag er übermächtig im Augenblick sein, am Ende trügt er" (393). Mit diesem unverwüstlichen Optimismus entlässt uns Saner / Jaspers aus seiner Gedankenwelt, in der er uns Lesern erklärt was Philosophie ist, Was der Mensch ist. Wir lernen über Transzendenz, Gott und philosophischen Glauben und letztendlich über das Vermögen der Philosophie in dieser unserer Welt. Wer so wie Jaspers der Wahrheit verpflichtet ist, ist es letztendlich auch der Vernunft. Bei Kant lesen wir, "[d]aß, um ein moralisch guter Mensch zu werden, es nicht genug sei, den Keim des Guten, der in unserer Gattung liegt, sich bloß ungehindert entwickeln zu lassen, sondern auch eine in uns befindliche entgegenwirkende Ursache des Bösen zu bekämpfen sei, das haben unter allen alten Moralisten vornehmlich die Stoiker durch ihr Losungswort T u g e n d, welches sowohl im griechischen wie im lateinischen Muth und Tapferkeit bezeichnet [...] zu erkennen gegeben" und Jaspers zeigt in den Belangen zur Wahrheit genau diese stoische Tugend.
Im umfangreichsten Teil geht er der Frage nach dem Menschen, seinen Möglichkeiten und Grenzen nach. Seine Ansicht von der Grenzsituation als geschichtlicher Bestimmtheit von Existenz erläutert er bravourös an Hand von einzelnen Grenzsituationen wie Tod, Leid, Kampf und Schuld. Immer wieder geht es um die Existenz, verstanden nicht als Sosein, sondern als Seinkönnen. Sosein, welches zeitlos und ewig ist im Gegensatz zur Existenz, welche mit Zeitbezug Gültigkeit hat. Sein ist das Vollkommene; Existenz ist im Fluss, also werdend. Kongruenz der Sichtweise findet man bei Platon, bei Cicero wie bei Russell. Für Jaspers gilt im Besonderen, dass das Fragmentarische, das Unvollendbare die Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen des Menschen definiert. Für Saner ist diese Philosophie der Existenz wesentlich eine Philosophie der Freiheit: "Freiheit im Aneignen der Grenzsituationen und im Prozess der Kommunikation" (188).
Die Ausführungen zur Transzendenz sind in jeder Hinsicht eine Bereicherung für die aktuelle Diskussion um Vernunft und Religion, von Meinen, Glauben, Wissen (vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft). Vom mythischen Denken zum philosophischen Glauben, über die Fragen nach dem einen Gott, dem persönlichen Gott und dem Mensch gewordenen Gott. Über Schweigen als Vollendung der Sprache und über Gott, der den "Menschen mit der größten persönlichen Unabhängigkeit im Ringen mit diesem Gott entstehen" ließ (262) und gegen die Menschenvergötterung als Irrtum. Die Fragen nach dem Christentum und dem Offenbarungsglauben muten in Antworten an, Vorläufer von Drewermann 2008 zu sein. Für Jaspers galt als "[d]as Verbindende [ist] die von Vernunft durchglühte biblische Religion, die niemand für sich allein hat" (273).
Die Frage nach dem Vermögen der Philosophie zeigt Zeitbezug in den Aussagen, sei es von der Schuldfrage bis zur Notstandsgesetzgebung, von der Achsenzeit, der Demokratie bis zum Problem des Weltfriedens, hier lässt Jaspers Originalität erkennen wie auch dauerhafte Einsichten für den Leser. Hannah Arendt nannte ihn nicht unwidersprochen den würdigen Nachfolger Kants, einen wirklichen Existentialisten und auch der Rezensent sieht ihn als "Mensch in der der Revolte" (Camus), "in der der Mensch sein eigenes Sein forderte"(88) doch sich dem Werden völlig unterwarf. " Der Mensch gewinnt noch nicht die Gewissheit, sondern den Willen zur Gewissheit, [...]", so Camus (90)
Philosophie beschäftigt sich mit den Dingen, die Jenseits der Erkenntnis liegen. Die Ursprünglichkeit ist die Voraussetzung allen Begründens. So begann Thales mit der Philosophie. Sobald Erkenntnis erlangt war in einem Gebiet, wurde es freigelassen aus dem Schoß der Philosophie in die Eigenständigkeit. Es entstanden Mathematik, Naturwissenschaften, Kunst, Musik u. a. Erkenntnistheorie und Logik gelten noch heute als angestammte Gebiete der Philosophie wie das Streben an sich, jenseits der Physik, Wahres im Transzendenten zu erkennen. Die Aufgabe der Philosophie wird zunehmend ein Kommunikationsprozess sein, ein interdisziplinärer Schmelztiegel zur Erweiterung des Wissens, der Erkenntnis und des ethischen Handels in und mit diesen ohne die Fragen der Metaphysik und Religion außer Acht zu lassen. Im Sinne Russells ist auch Jaspers Empfehlung, Philosophie so zu betrachten, steht doch auch er für die Einheit des Ichs mit der Welt als Ganzes. Sein lebenslanges Streben gilt einer Weltphilosophie, die alle Menschen im Kantschen Sinne zum ewigen Frieden anleitet in der Fähigkeit, eins zu werden mit der Welt.
"Unser Zeitalter ist das der Simplifikationen. Die Schlagworte, die alles erklärenden Universaltheorien, die groben Antithesen haben Erfolg" (327). Wie wahr scheint diese Aussage angesichts der immer flacher werden Diskussionen und der zunehmend bildhaften Meinungsbildung ohne Tiefgang. So ist denn das vorliegende Jaspers-Lesebuch eine motivierende Hilfe bei der eigenen Erkenntnis von der Welt, vom Denken, vom menschlichen Sein und von der modernen Gesellschaft wie vom Ich (Selbst) in ihr. Ein Wesensmerkmal von Jaspers ist, fertige Antworten zu verweigern. "Wer nicht mehr staunt, fragt nicht mehr. Wer kein Geheimnis mehr kennt, sucht nicht mehr" (123). Vielmehr fordert er auf, sich die "volle Offenheit für das an den Grenzen des Wissens sich unwißbar Zeigende" (Ibid) zu erhalten, auch wenn das Erkennen an dieser Grenze aufhört, so ist es unverantwortlich, auf das Denken zu verzichten. Deshalb lässt er in seinen Werken den Leser an seinem Fragen und Suchen nach Antworten als Denkprozess teilhaben.
Karl Jaspers, ein Zirkel vom Selbstporträt zur Weltphilosophie. Das ist der Mensch! "Wo es ihm wirklich ernst wird, da ist sein Wagnis und Schicksal, woraufhin und wodurch er leben will". Die Weisheit der Aufforderung am Tempel des Apollon in Delphi zeitigt ungeahnte Ewigkeit; die ewige Gegenwart im Fluss der Dinge. Erkenne dich selbst! Werde, der du bist!