Der Markt mit Büchern zum Thema 'Liebe' ist unübersehbar. Warum sollte man nun ausgerechnet dieses Buch lesen?
1.
Zunächst einmal handelt es sich um eine Anthologie. Eine Vielzahl von Personen melden sich mit jeweils in sich geschlossenen Abhandlungen zu Wort. Das hat den Vorteil, dass der Leser auch eine Vielzahl von Annäherungen an das Thema erfährt; und das jeweils mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten. Es kommen der Papst, Psychologen, Philosophen, Naturwissenschaftler, ein Zen-Meister und viele interessante Menschen mehr zu Wort. Wenngleich tatsächlich alle Beiträge lesenswert sind, sprechen die unterschiedlichen Hintergründe jeweils Verfasser immer auch einen bestimmten Leserkreis an. Mal salopp formuliert: Es ist für jeden was dabei. Das Buch ist also lesenswert, weil es uns einen multiperspektivischen Überblick über das Thema verschafft!
2.
Das Buch verfolgt einen integralen Ansatz. Es mag jene Menschen geben, für die die Liebe das unbeherrschbare Naturereignis ist, bei dem man nur staunend am Wege stehen kann. Es mag aber auch solche geben, für die die Liebe 'brechenbar', 'kategorisierbar', 'erlernbar' und in Entwicklung und Bestand 'beherrschbar' ist. Das Buch wendet sich keinem Extrem zu. Nichts ist schwarz oder weiß, sondern wir erkennen viele Abstufungen von grau. Das Buch ist lesenswert, weil es wissenschaftlichen Ansprüchen und romantischen Vorstellungen gleichermaßen gerecht wird!
3.
Dessen ungeachtet, verstehe ich die Mehrzahl der Beiträge so, dass Liebe als eine Kunst gesehen wird. Und dieser Kunstfertigkeit kann man sich annähern. Dabei wird aber dennoch das Gefühl der Liebe nicht profanisiert. Es werden keine Kategorien um ihrer selbst willen gebildet, in die man dann diese und jene Erscheinung eingruppieren kann. Es wird aber auf Eigenschaften hingewiesen, die bei dem Phänomen Liebe zu beobachten sind und aus denen wir möglicherweise lernen können. Dabei wird nichts verflacht und verwissenschaftlicht, sondern die Tiefe und Wucht dieses Gefühls anerkannt. Das macht meines Erachtens ja gerade den integralen Ansatz aus.
Ich möchte einen Auszug zitieren, der dieses Anliegen auf den Punkt bringt: 'Bei meiner Arbeit geht es nicht darum, ein System aufzustellen, das kontrolliert, wie Menschen zu denken haben. Es geht um das Gegenteil. Zuerst einmal bedeutet ein Verständnis der unterschiedlichen Entwicklungsebenen des Bewusstseins der Menschen nicht, das man Menschen kontrollieren möchte, sondern dass man mit Menschen besser kommunizieren möchte, in dem man ihre Sprache und ihre Werte versteht und so besser in eine Gegenseitigkeit und Resonanz gelangt, um mit ihnen besser einen gemeinsamen inneren Raum teilen zu können. Jede der Entwicklungsstufen ist, per Definition, umfassender, so dass wir durch Entwicklung unsere Fähigkeit zu Bewusstheit, Liebe, Fürsorge und Mitgefühl erweitern. Jede höhere Entwicklungsstufe bedeutet eine Zunahme von Liebe. Das Herz wird größer und immer größer, immer ausgedehnter und ausgedehnter. Das Selbst wird strahlender und leuchtender, und was man tun kann, ist, die eigene Kognition zu erweitern, was bedeutet, dass man immer mehr Perspektiven sehen und einnehmen kann. Das ist die Bedeutung von Kognition, die Fähigkeit zur Perspektiveinnahme, und je mehr Perspektiven man sehen und einnehmen kann, desto mehr kann man lieben. So einfach ist es. Dies ist kein Kopf-Trip, es ist ein Herz-Trip. ' Worum es bei Entwicklung also wirklich geht, ist eine Zunahme der Fähigkeit Liebe zu geben und zu empfangen.' Das Buch will uns mit seinen Beiträgen helfen, zu verstehen und die Fähigkeiten für mehr Liebe zu entwickeln. Das Buch ist lesenswert, weil es uns Wege zeigt, wie wir unsere Fähigkeit zu Lieben verbessern können!
4.
Das Buch enthält auch einen Beitrag des Mitherausgebers Tom Amarque. Bei diesem Verfasser handelt es sich um einen ganz ungewöhnlichen, aber brillanten Denker. In diesem Buch schreibt er über die ungewöhnliche Frage: 'Wann ist Liebe?'. Schon diese Fragestellung macht neugierig. Amarque macht gleich einleitend deutlich, dass er nicht der Frage nachgeht, was Liebe sei, sondern wann sie sei. Die Antwort erhalten wir aus psychologischer und systemtheoretischer Perspektive. Wie sie lautet, soll hier nicht verraten werden. Wen noch weitere der klugen Gedanken dieses Verfassers interessieren, dem sei sein Buch 'Wille - Ein Handbuch zur Steuerung der Evolution' empfohlen. Auch wenn der Titel nicht gerade einladend klingt, so ist das Buch das absolut empfehlenswert. Ausgehend von einer radikal konstruktivistischen Philosophie stellt es das gesamte Weltbild auf den Kopf. Man mag dem folgen oder nicht. In jedem Fall betritt man neue Informationsräume. Ein Staatsrechtsprofessor hat mir mal gesagt, dass man ein wirklich gutes Werk daran erkennt, dass es neue Erkenntnisse bringt und nicht nur das alte Heu zum Trocknen neu wendet. Das Buch ist lesenswert, weil nicht nur bereits Bekanntes mit anderen Worten neu erzählt wird, sondern wir wirklich Neues erfahren!