Neue Zürcher Zeitung
Literatur
Die Zukunft der biologischen Forschung
tlu. 1943 hielt der Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger am Trinity College in Dublin eine Vortragsserie unter dem Titel «Was ist Leben?». Die Vorträge wurden später zu einem Buch zusammengefasst, das auf die Begründer der modernen Molekularbiologie einen wichtigen Einfluss haben sollte. Für Jim Watson, Entdecker der DNA-Doppelhelix, soll das Buch der entscheidende Einfluss gewesen sein, der ihn dazu bewogen hat, sich mit der Struktur von Genen zu beschäftigen. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Vortragsreihe wurde 1993 am Trinity College eine Konferenz veranstaltet, zu der namhafte Forscher aus einer Vielzahl von Disziplinen eingeladen wurden. Ihre Vorträge sind zusammen mit weiteren ausgewählten Artikeln vor zwei Jahren in Buchform erschienen. Seit kurzem liegt nun die deutsche Ausgabe vor.
Schrödinger hatte in seinen Vorträgen versucht, die grundlegenden Prozesse der Biologie mit der Physik und der Chemie zu vereinen. Im Zentrum seiner Betrachtungen standen zwei Themen: das Wesen der Vererbung und die Thermodynamik lebender Systeme. Die von ihm formulierten Ideen haben nachfolgende Generationen von Wissenschaftern inspiriert und sind auch heute noch Gegenstand kontroverser Diskussionen, die im vorliegenden Buch etwa von Stephen Jay Gould, Eric D. Schneider, James J. Kay und Stuart A. Kauffman weitergeführt werden. Spekulativ und deshalb besonders interessant sind die Beiträge, in denen Forscher sich über die Zukunft der biologischen Forschung auslassen: Manfred Eigen zu der Risokobewertung von Forschung, John Maynard Smith zum Ursprung der menschlichen Sprache, Lewis Wolpert zu den allgemeingültigen Prinzipien der Embryonalentwicklung, Jared Diamond zur Evolution der menschlichen Kreativität oder Roger Penrose über die Gründe, warum wir zum Verständnis von Geist eine neue Physik brauchen. Das Buch richtet sich an den wissenschaftlich Interessierten; da die Beiträge aus der Feder von Biologen, Physikern und Chemikern stammen, dürften den Lesern und Leserinnen je nach fachlicher Ausrichtung einige Beiträge leichter zugänglich sein als andere. Dieses Buch macht deutlich, wie sehr die Forschung profitieren kann, wenn grundlegende Fragestellungen interdisziplinär angegangen werden.
Kurzbeschreibung
In der Nachfolge von Erwin Schrödingers einflußreichem Buch "Was ist Leben?" stellen sich in diesem Band - 50 Jahre später - führende Biologen und Physiker erneut jener Schlüsselfrage der Biologie. Ihre Antworten überspannen ein Themenspektrum von der chemischen Evolution bis zur Chaostheorie, von der Entwicklungsbiologie bis zur Physik des Bewußtseins. Sie gewähren nicht nur faszinierende Einblicke in das Denken bedeutender Wissenschaftler unserer Tage, sondern zeigen auch, wohin sich die Biologie in den nächsten 50 Jahren entwickeln könnte. Zu den Autoren zählen die Nobelpreisträger Manfred Eigen und Christian de Duve, Biologen wie Stephen J. Gould und Jared Diamond und Physiker wie Roger Penrose und Hermann Haken.