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Was ist Kritik?
 
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Was ist Kritik? [Taschenbuch]

Michel Foucault , Walter Seitter
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

"Erst in der Rückschau wird deutlich, inwiefern es sich bei Foucaults Vortrag aus dem Jahr 1978 um ein Wegkreuz gehandelt hat. Foucaults Frage nach der Kritik ist eine verschobene Urszene, die über das frühere Werk Rechenschaft ablegt - und die Fäden, die das Spätwerk webt, im noch unverknüpften Zustand zeigt." (Armin Adam, Süddeutsche Zeitung)

Über den Autor

Paul-Michel Foucault, geb. 15. Okt. 1926 in Poitiers, gest. am 25. Juni 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion; studierte Philosophie und Psychologie in Paris. 1952 Assistent für Psychologie an der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Lille; 1955 Lektor an der Universität Uppsala (Schweden). Nach Direktorenstellen an Instituten in Warschau und Hamburg kehrte er 1960 nach Frankreich zurück, wo er bis 1966 als Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand arbeitete. 1965 und 1966 war er Mitglied der Fouchet-Kommission, die von der Regierung für die Reform des (Hoch-)Schulwesens eingesetzt wurde. Nach einer Gastprofessur in Tunis (1965-1968) war er an der Reform-Universität von Vincennes tätig (1968-1970). 1970 wurde er als Professor für Geschichte der Denksysteme an das renommierte Collège de France berufen. Gleichzeitig machte er durch sein politisches Engagement auf sich aufmerksam. 1975-1982 unternahm er Reisen nach Berkeley, Japan, Iran und Polen.

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Format:Taschenbuch
Foucault unternimmt in diesem Vortrag vom Mai 1978 den Versuch, seine Theorie "wahrheits"fähig zu machen, indem er sie in den Kontext eines aufgeklärten Fragens nach unserer Gegenwart stellt. Als Vorbild gilt ihm dabei Kants berühmter Aufsatz "Was ist Aufklärung?" Weiterhin stellt er sein Denken in die Tradition der Frankfurter Schule, zu der er Habermas nicht unbedingt rechnet. Habermas wird von ihm kühn mit Dilthey in einen Topf geschmissen. Beide, so Foucault, würde es um die Frage nach der Legitimation historischer Erkenntnisweisen und ihrer Verbindung mit Herrschaftsweisen gehen. Foucault selbst lehnt diese Vorgehensweise zwar nicht ab, schlägt jedoch eine Alternative vor. Dabei besticht Foucaults Optimismus, den er mit Habermas mehr teilt als mit Adorno. Er sieht sich nicht vor den katastrofischen Endzustand der abendländischen Zivilisation gestellt, sondern geht davon aus, dass wir uns in einem nicht abzuschließenden Prozess der Verhältnisbestimmung von Macht und Vernunft bewegen.

Foucault will nicht über das Problem der "Erkenntnisse" und einer Wahrheitsprüfung in die Frage der Aufklärung einsteigen, sondern "über das Problem der Macht" (30), d.h. die Beantwortung der Frage: Welche Verbindungen, welche Verschränkungen können zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden werden und was hat zu ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft geführt? "Es geht also nicht darum, zu beschreiben, was Wissen ist und was Macht ist und wie das eine das andere unterdrückt oder missbraucht, sondern es geht darum, einen Nexus von Macht und Wissen zu charakterisieren, mit dem sich die Akzeptabilität eines Systems - sei es das System der Geisteskrankheit, der Strafjustiz, der Delinquenz, der Sexualität usw. - erfassen lässt." (33)

Mit Adorno und Horkheimer verbindet Foucault die Frage, wie viel Macht in dem steckt, was wir unter "vernünftig" verstehen, für wie viel Macht die Vernunft verantwortlich zu machen ist. In diesem Sinne ist Kritik die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin." (15) Kritik ist für Foucault im Wesentlichen die Entunterwerfung (désassujettisement) des Subjekts im Kontext (jeu) der Politik der Wahrheit": Freiheit entsteht so an den Grenzen des möglichen Wissens in ebendem Augenblick, in dem sich die Entunterwerfung des Subjekts innerhalb einer Politik der Wahrheit vollzieht, in jenem Moment, in dem eine gewisse Fragepraxis folgender Form beginnt:"[W]as bin den nun eigentlich ich, der ich zu dieser Menschheit gehöre, zu dieser Franse, zu diesem Moment, zu diesem Augenblick von Menschheit, der der Macht der Wahrheit im allgemeinen und der Wahrheiten im besonderen unterworfen ist?" (27)

"Was ist Kritik?" ist so gesehen ein Vorgriff auf Foucaults späte Studien zur Lebenskunst. Hinter all seinen Überlegungen scheint nun die zentrale Frage auf: Wie will ich mich regieren lassen? Es geht Foucault um "eine moralische und politische Haltung, eine Denkungsart, welche ich nenne: die Kunst nicht regiert zu werden bzw. die Kunst nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu werden." (12). Kritik ist für Foucault so gesehen die Artikulationsform einer Vernunft, die sich gegen dogmatische Bevormundung wendet, ohne dabei universale Wahrheitsansprüche jenseits der Macht stellen zu wollen.

"Was ist Kritik" wurde nicht in "Dit et Ècrits" aufgenommen, weil eine Veröffentlichung meines Wissens von Foucault zeitlebens nicht autorisiert wurde. Gleichwohl kommt dem Vortrag die Rolle eines wichtigen Übergangstextes zu. Von nun an nimmt der Begriff "Regierung" für Foucault eine zentrale Rolle ein. Auch gegen Ende seines Vortrages wiederholt er sein Verständnis von "Mündigkeit" als "eines entschiedenen Willens, nicht regiert zu werden". (41) In seiner Vorlesungsreihe "Geschichte der Gouvernementalität" (1977-1979) wird der Begriff der Regierung zentral werden, um seine Machtanalyse auf die Ebene staatlichen Handelns zu heben und in der Vorlesungsreihe "Die Regierung des Selbst und der anderen" (1982-1984) erbeitet er seine hier nur angerissene Frage "Was ist Kritik?" zu einem großangelegten Konzept "aufrichtigen Sprechens in der Politik" (parrhesia) aus.
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17 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Das Thema dieses Buches setzt so hoch an, dass Foucault es nicht sofort nennen möchte und sich ihm über den Umweg der Kritik - der keiner ist - nähert. Sind seine Bemerkungen zur Geschichte der Kritik schon faszinierend, ist das wirkliche Thema von immenser Bedeutung für Foucault in seiner Auseinandersetzung mit der modernen Vernunft. Das Buch müsste 'Was ist Aufklärung?' heissen, eine Frage, der Immanuel Kant sein ganzes Leben gewidmet hat. Foucault nimmt sich ein paar Vorlesungen Raum dafür, und die können allen emfohlen werden, die sich Foucault auch als Bettlektüre wünschen.
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