Das Buch besteht aus zwei Teilen. Zunächst schreibt Peter Janich gegen eine Naturalisierung der Information speziell in den Naturwissenschaften an. Doch nicht nur das: Im Grunde bekommt der ganze Naturalismus sein Fett weg. Und wenn man so will: die Naturwissenschaften gleich mit dazu.
Auch wenn ich in vielen Punkten etwas anderer Meinung bin als der Verfasser: Den Teil fand ich gut geschrieben, bissig, witzig und über weite Strecken auch interessant. Und er hat zum Teil ja auch Recht. Mittlerweile gibt es Bücher (z. B.
Information: Kurze Geschichte in 5 Kapiteln), die darüber spekulieren, ob Information eine weitere physikalische Größe (wie Temperatur, Energie, Entropie etc.) oder auf die Begriffe Energie und Entropie reduzierbar sein könnte, was einigermaßen absurd ist, denn welche Information sollte das Signal einer Luftschutzsirene im Vergleich zu einem Vuvuzela-Blaskonzert in sich tragen?
Peter Janich geht es in erster Linie um die Bedeutung von Information, d.h. um Semantik. Genau dort setzen dann auch seine "methodischen Reparaturen" ab S. 143 (dem inhaltlich zweiten Teil des Buches) an. Leider geht der Versuch ziemlich daneben, da er sich von Annahmen leiten lässt, die meiner Meinung nach in keinster Weise haltbar sind. Ich zitiere mal ein paar Sätze aus seinem Buch:
(146) "Es ist nämlich nicht zu sehen, wie wir lebensweltlich ohne die Möglichkeit auskämen, uns gegenseitig zu informieren. Fast unser gesamtes Wissen beruht nicht auf eigener Erkenntnis, sondern stammt aus Übernahmen von anderen Menschen."
(146f.) "Und dieses Reden ist primär ein Informieren, ein Geben und Nehmen von Wissen und Kenntnis."
Hier fehlte für mich der Hinweis, dass Wissen in dem Sinne keine physikalische Erhaltungsgröße ist: Man kann Wissen replizieren (jemand anderes informieren), ohne dabei davon zu verlieren (anders als bei der Energie), wodurch es zu einem kollektiven Anwachsen des Wissens kommen kann. Oder wie Carsten Bresch es kurz und bündig in
Die Evolution: Was bleibt von Gott? sagt: Replikation ist kein thermodynamischer Begriff.
Doch weiter im Text:
(147) "In diesem Sinne soll hier Kommunikation als Mittel verstanden werden, Kooperation zu organisieren."
(148) "Reden ist Handeln."
(148) "Das heißt, die Rede von Information und Kommunikation soll programmatisch auf menschliche Sprache begrenzt werden, weil nur für sie, und dort methodisch primär, von Bedeutung und Geltung die Rede sein kann."
Dieser letzte Satz ist leider völlig absurd, und spätestens hier hatte mich der Autor dann restlos verloren. Der darin zum Ausdruck kommende schroffe Anthropozentrismus irritierte mich.
Beispielsweise kann eine Mücke meine Körperwärme wahrnehmen. Für sie handelt es sich dabei um bedeutungsvolle Information, denn mit einem Stich könnte sie sich nähren und in der Folge auch fortpflanzen. Schlage ich umgekehrt nach der Mücke, wird sie die Bewegung wahrnehmen und meiner Hand auszuweichen versuchen. Auch meine Handbewegung ist somit bedeutungsvolle Information für sie, denn reagiert sie nicht schnell genug darauf, hat sie ihr Leben verwirkt. Und miteinander kommunizieren tun viele Tierarten auch, Honigbienen etwa per Tanz. Information ist folglich keineswegs etwas, was auf den Menschen oder gar die menschliche Sprache beschränkt ist.
Mersch stellt deshalb in seinem Knol über die Systemische Evolutionstheorie klar, dass
1. semantische Evolution per Evolution entsteht,
2. nur Evolutionsakteure (selbstreproduktive Systeme, die bestrebt sind, ihre Lebensraumkompetenzen zu erhalten und folglich Reproduktionsinteressen besitzen) Signalen eine Bedeutung zumessen können. Voraussetzung für Bedeutung und Bewertung von Daten der Umwelt ist nämlich das Verfolgen von Eigeninteressen.
Und dies unterscheidet dann tatsächlich Computersysteme von lebenden Systemen: Nur Letztere besitzen Reproduktionsinteressen. Insoweit ist manche Kritik Janichs an der Naturalisierung von Information durchaus berechtigt.
Den Ausführungen des Autors mangelt es leider insgesamt sowohl an einem ausreichenden Verständnis von Evolution als auch grundsätzlichen physikalischen Zusammenhängen, was aber gerade bei diesem Thema wesentlich gewesen wäre. Beispielsweise lässt sich zeigen, dass bereits bei der Informationswahrnehmung Energie verbraucht wird. Das hat evolutionär jedoch zur Konsequenz, dass sich Lebewesen auf die Wahrnehmung von Signalen beschränken müssen, die für die Reproduktion ihrer Kompetenzen von Bedeutung sind. Beispielsweise können unsere Augen und Ohren aus diesem Grund nur bestimmte Wellenlängen wahrnehmen, alles andere wäre ineffizient und somit evolutionär von Nachteil gewesen. Erst die soziale Arbeitsteilung und das Erschließen zusätzlicher Energiequellen (Holz, fossil, Kernkraft etc.) haben hier zu einer deutlichen Ausweitung der menschlichen Wahrnehmungs- und Interpretationsfähigkeiten geführt, sodass nun für uns bestimmte Signale von Bedeutung sein können, die wir vorher nicht einmal wahrnehmen konnten.