24 Denker versuchen zu ergründen: Wer oder was ist Gott? Was können wir wissen, wie Gott definieren?' Wer wäre besser geeignet, dieses exzellente Buch herauszugeben und zu kommentieren, seine Vielfältigkeit zu erkennen, seine Wirkungsgeschichte zu erzählen als der am 12. März 1930 in Mainz geborene Philosophiehistoriker Kurt Flasch? Er weiß, dass Philosophie eine Geschichte hat, dass das menschliche Denken erst in existenziellen Auseinandersetzungen zur großen Form aufläuft. Wahrer Philosophie geht es ums Ganze. Das gilt für den Augenblick ihres Ent-stehens, aber auch, das zeigt Kurt Flasch, für diejenigen, die die alten Texte wieder lesen. 25 Jahre lang war der Autor Ordinarius für Philosophie an der Ruhr-Universität in Bochum. Er ist ein herausragender Kenner der Werke von Augustinus, Meister Eckhart, Nikolaus von Kues u.v.a.. Das Thema seiner provokanten Abschiedsvorlesung im Wintersemester 1994/1995 lautete: 'Warum ich nicht mehr Christ sein kann'. Er ist ehrenvolles Mitglied der ältesten noch bestehenden Akademie der Welt, der 'Accademia Nazionale die Lincei' in Rom. Zahlreiche Auszeichnungen, 2009 'Hannah-Arendt-Preis', 2010 Ehrendoktorwürde der Universität Basel.
Das Buch der 24 Philosophen ist ein aus 24 Thesen bestehendes Kompilat, dessen Quellen u.a. Plotin, Proklos, Pseudo-Dionysius Areopagita, Macrobius, Boethius, Eriugena sind. Der Text gibt die Definitionen von 24 versammelten ungenannten Philosophen über die Frage, was Gott sei, wieder. Einige dieser Definitionen sind zu klassischen Topoi in der mystischen Literatur geworden, etwa die erste Definition: "'Gott ist die Monade, die eine Monade erzeugt, indem sie ihre innere Glut reflektiert'". Kurt Flasch misst dem deutschen Mystiker Meister Eckhart eine besondere Rolle zu. '"Das Buch der 24 Philosophen ist im Werk Eckharts von breiter Präsenz und zeigt sich von hoher inspirativer Kraft: Es vertiefte trinitätsphilosophisch sein Konzept von göttlicher Einheit und Unendlichkeit. Es lieferte die zweifache Fassung des Seinsbegriffs mit der Differenz vom zeitgebundenem ''Sein'' (esse) und ''Über-Sein'' (superesse). Es regte an zu einem vertieften Konzept von Ganzheit und Lebendigkeit; er entnahm dem Buch die Lehre vom Maximum im Minimum, was weit über den kosmologischen Kontext hinaus die philosophische Entwicklung der Koinzidenzlehre des Cusanus bestimmte...Eckhart fand im Buch der 24 Philosophen wichtige Komponenten seines Konzepts von Gott. ''Gott ist nicht das Sein, er steht über dem Sein' (Deus est super ens). 'Gott ist nicht unnennbar, sondern allbenennbar. Nicht innominabile, sondern omninominabile. Gott ist und steht über dem Gegensatz von Sein und Nichts: est superessentialiter. Wer Gott das 'reine Sein' nennt, ist nur ein grober Meister; er bleibt im Vorhof stehen und betritt nicht den Tempel der Gottheit''"..'
Großartig, dass Kurt Flasch Meister Eckharts Unterscheidung von Gott und Gottheit hervorhebt. Wer mit einem persönlichen Gottesbild aufgewachsen ist, tut sich bedauerlicherweise schwer, sich auf die bildlose inwendige Gottheit, den göttlichen Urgrund, einzulassen. Das kleine inhaltsreiche Büchlein ist ein Juwel in der Fülle von theologisch-abstrakten Printerzeugnissen.
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph & Publizist