Das Buch besteht zum größten Teil aus Transkripten jener Demonstrationsübungen, die Fritz Perls in seiner Zeit in Esalen (1964 - 1969) gemacht hat. Esalen bei Big Sur, etwa 300 km von San Franzisko entfernt: Das war, wie die Herausgeber im Vorwort erklären, zu dieser Zeit ein Mekka der Hippie- und Gegenkultur und Fritz Perls war ein Teil dieser Gegenkultur. Das war Flötenspielen und Nacktbaden, das war Weintrinken und Jointrauchen, das war Bewusstseinserweiterung und Zen-Meditation, das war Encounter- und Gestalttherapie. Auf Seite 64 sind zwei Photos wiedergegeben. Eines zeigt eine Folk-Band (u.a. mit Mama Cass von den Mamas and Papas und Arlo Guthri), eines Fritz Perls eben dort beim Festival mit einer jungen Musikerin. So wird diese Atmosphäre von Esalen etwas greifbarer.
Wie liefen die Seminare ab? Die Transkripte zeigen, dass Perls v.a. mit Träumen arbeitete, mit der Technik des "leeren Stuhles" und mit der Bewusstmachung von Körperhaltungen. Perls Arbeit mit Träumen unterscheidet sich ziemlich deutlich von der psychonanlytischen Traumdeutung. Gedeutet wird nämlich gar nichts. Der Teilnehmer erzählt den Traum (in Gegenwartsform) und wird dann von Perls aufgefordert, in verschiedene Traumelement zu schlüpfen, sich auf den "leeren Stuhl" zu setzen und aus dieser Perspektive zu erzählen. So tritt die Person mit Teilen von sich selbst in einen Dialog. Diese Teile (Traumelemente) müssen nicht Personen sein. Das können auch Dinge sein wie Eisenbahnschienen sein oder Körperteile wie ein Mund oder sogar auch nur die "Stimme". Die Idee dahinter ist, dass diese Elemente abgespaltene Persönlichkeitsanteile darstellen, die durch die Arbeit am Traum bewusst werden und so wieder integriert werden können.
Die Transkripte zeigen aber auch noch anderes: Trotz der Beteuerungen von Perls, dass nicht "Technik", sondern "Haltung", "Beziehung", "Kontakt" in der Gestalttherapie die Hauptrolle spielen, zeigt sich doch eine ziemlich mechanische Abfolge in diesen Demonstrationen. Und trotz der Beteuerungen, dass der Patient die Arbeit mache, zeigen sie einen sehr steuernden und direktiven Perls. Zwar werden die Teilnehmer aufgefordert, ihre eigenen "Skripts" (Drehbücher) zu entwickeln und doch folgen sie dabei sehr subtil einem "Megaskript" von Perls. Das wird erst richtig deutlich, wenn man die Transkripte hintereinander liest.
Von Theorie hält Perls in jenen Jahren nichts. Es geht nicht um theoretische Einsicht, sondern um Erfahrung und Erlebnis und um spontane "Mini-Satoris" (Aha Erlebnisse). Deshalb gibt es in diesem Buch und in diesen Transkripten von ihm auch keine theoretische Antwort auf die Frage, was Gestalttherapie sei, sondern immer wieder nur Demonstration von ihr. Das halte ich durchaus für legitim und für konsistent mit dem Ansatz, im Hier und Jetzt und in der Begegnung zu arbeiten. Es hat aber auch den Geruch der Beliebigkeit und der Immunisierung gegen Kritik. Das fanden wohl auch die Herausgeber, weshalb sie in einem knappen aber doch informativen Nachwort einen solchen Überblick zur Verfügung stellen.
Summa summarum: Das Buch ist keine ausführliche Einführung in die Gestalttherapie. Es ist keine Darstellung all ihrer Richtungen und Nebenrichtungen, ihrer prägenden Vertreter und ihrer Weiterentwicklungen. Es ist eine Sammlung von Original-Transkripten von Fritz Perls Therapien/Demonstrationen aus seiner Zeit in Esalen. Und da Fritz Perls für die Gestalttherapie in etwa die Bedeutung hat, die Sigmund Freud für die Psychoanalyse hat, ist es schon aufregend, nachzulesen, wie er (zu dieser Zeit, an diesem Ort) gearbeitet hat. Wer allerdings an einem Überblick interessiert ist, ist sicherlich mit einem anderen Buch besser bedient.