Hans Kelsen geht die beiden führenden Theoriebildungen über die Gerechtigkeit an, wie ein routinierter Kirmesboxer übermütige Teenager, die sich zu ihm in den Ring trauen. Ohne erkennbare Mühe streckt er erst die metaphysischen (namentlich religiösen) Gerechtigkeitstheorien nieder, denen er nachweisen kann, dass sie das Problem der Relativität von Werten nicht lösen können. "Wissenschaftliche" Gerechtigkeitsheorien folgen den metaphysischen auf die harten Bretter, denn sie sind auf bereits gesetzte Aussagen über Recht und Unrecht angewiesen.
"Wenn wir aus der geistigen Erfahrung der Vergangenheit irgend etwas lernen können, ist es dies, dass die menschliche Vernunft nur relative Werte begreifen kann," schlussfolgert Kelsen aus dieser philosophischen Rauferei. Und das Erstaunliche ist: dass diese Erkenntnis ausreicht, um doch so etwas wie eine Lösung anzubieten: Toleranz ("Toleranz bedeutet Gedankenfreiheit"). Diesen Text hätten wir von Kindergarten bis zum letzten Schultag lesen lesen und wieder lesen sollen. Warum liest in unserer Demokratie keiner Kelsen? Man sollte. Dringend. Denn hier ist der Anwalt der Demokratie, als der Kelsen auftritt, kein verhuschter Bürokrat, sondern ein wahrer Bud Spencer (der übrigens von Juristen Carlo Pedersoli gespielt wurde).