Antisemitismus beginnt nicht erst mit öffentlicher Herabsetzung und organisierter Verfolgung, Antisemitismus ist Judenfeindschaft in allen Formen und Ausprägungen, die im Alltag ihren Anfang nimmt: mit grundlosem Argwohn, mit beleidigenden Witzen, durch Ausgrenzung, durch das Gerücht, das sich als Gewissheit ausgibt. (S. 235) Dies schreibt Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung und Professor für Geschichte an der TU Berlin, im letzten Kapitel seines Buches Was ist Antisemitismus? Er wendet sich damit gegen die Meinung, Antisemitismus zeige sich primär in physischer Gewalt gegen Juden.
In seinem Werk, unterscheidet er vier Grundphänomene von Antisemitismus: 1. die religiöse Form, den christlichen Antijudaismus, 2. den anthropologisch und biologisch argumentierende(n) Antisemitismus, 3. den sekundären Antisemitismus nach dem Holocaust und 4. den Antizionismus (S. 19f).
Anschließend an die Grundtypenbestimmung analysiert Wolfgang Benz Briefe von Bürgern, die an den Zentralrat der Juden in Deutschland gesendet wurden. Dabei konstatiert er, dass sich darunter vermehrt Schreiben befinden, in denen sich, latent oder vordergründig, antisemitische Haltungen zeigen. Häufig wenden sich diese direkt gegen die Zentralrats-Vorsitzenden.
Benz gibt einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der Judenfeindschaft bis hin zum modernen Antisemitismus. Interessant sind die Exkurse zu Sigmund Freuds Psychoanalyse und zum Konstrukt der Holocaust-Industrie. Dabei demontiert er die gängigen Vorwürfe einer Überlegenheit von Juden bei der Entstehung der Freudschen Psychoanalyse und wendet sich gegen die Ansichten des amerikanischen Politologen Norman Finkelstein, der mit seinem 2001 erschienenen Buch, Holocaust-Industrie, Furore in Deutschland machte.
Weiterhin beleuchtet der Autor die Affäre Möllemann, die im Wahlkampf 2002 einen Antisemitismus-Streit entfachte. Möllemann hatte behauptet, es existiere ein Verdikt, Kritik an Israel zu üben und es bestehe eine zionistische Lobby (S. 146).
Benz wendet sich energisch dagegen, die Juden für die Kriegsführung im Nahen Osten verantwortlich zu machen, denn damit setze man die gesamte jüdische Gesellschaft mit der israelischen Regierung gleich, was keineswegs der Realität entspreche.
Das Protokoll der Weisen von Zion, das am weitesten verbreitete antisemitische Pamphlet (S. 175), wurde schon im August 1921 von einer Untersuchungskommission der Times als Fälschung entlarvt. Doch trotz allem finden die Schriften im Internet rege Verbreitung und werden von judenfeindlichen Zeitgenossen weiterhin als wahre Quelle postuliert.
Wolfgang Benz geht in seinem Werk nicht nur auf das Problem des Antisemitismus in Deutschland ein, sondern bezieht sich auf empirische Studien, die den Gesamtraum Europa untersuchen. Außerdem zeigt er die spezifische Entwicklung des Antisemitismus in der Schweiz und Österreich auf, da diese in entscheidenden Punkten von der Entwicklung des zeitgenössischen Antisemitismus in Deutschland zu unterscheiden ist.
Insgesamt ist das Buch Was ist Antisemitismus? all denjenigen zu empfehlen, die sich primär für die heutige Entwicklung in Deutschland und Europa interessieren. Die einfache Sprache und die logische Argumentation machen es leicht, den Gedankengang von Wolfgang Benz nachzuvollziehen. Daher kann es auch als Einstieg in das Thema gelesen werden.
Wer eine rein geschichtliche Darstellung bevorzugt, der sei auf Werner Bergmanns Geschichte des Antisemitismus verwiesen, die sich ebenso durch die gute Lesbarkeit auszeichnet.