Dieses Buch erzählt aus der Ich-Perspektive den ca. 30 Jahre währenden Lebensabschnitt des Kunsthistorikers Leo Hertzfeld (geschrieben ist der Roman von einer Frau!!!) als ca. 35 Jährigen bis zu seinem ca. 65. Lebensjahr. In dieser Zeit lernt er seine spätere Frau Erika und den Maler Bill Wechsler kennen, sowie dessen Frau Lucille und Violet, die später Bills Lebensgefährtin wird.
Der Roman ist in drei Abschnitte gegliedert, die im Deutschen überraschenderweise jeweils von einem anderen Übersetzter transkribiert wurden und sich dennoch bruchlos zu einem Ganzen fügen. Es ist schon eine Zeit lang her, daß ich den Roman gelesen habe. Dennoch bleibt der Eindruck immer noch sehr stark und frisch in Erinnerung.
Im ersten Abschnitt des Buches haben mich vor allem die phantastische Beschreibungen der Kunstwerke von Bill fasziniert. Mit einer solchen beginnt das ganze Buch. Leo beschreibt detailfreudig das Bild, das ihn gefangen nimmt, so daß er es kauft, obwohl der Maler völlig unbekannt ist. Er sucht diesen Maler auf und Leo findet eine Entsprechung dessen, was ihn berührt hat, in dem Menschen, der dieses Bild erschaffen hat. Es entwickelt sich eine tiefe Männerfreundschaft zwischen Leo und Bill. Da die beiden Frauen sich ebenfalls gut verstehen, ziehen beide Ehepaare privat ins gleiche Haus übereinander. Beide Paare bekommen einen Sohn, Leo und Erika einen Matthias (Matt) und Bill und Lucille einen Mark.
Hat man den ersten Teil zu Ende gelesen, wundert man sich über die Harmonie und das Glück von Leo und Erika und die Leichtigkeit, mit der auch die Trennung Bills von Lucille wegen der unkonventionellen Violet im Zusammenleben der beiden Familien weggesteckt wird. Es ist scheinbar nichts passiert, auf jeden Fall nichts Aufregendes, nur das "normale" Leben in einem fest umschriebenen Umfeld. Ich habe diesen Teil sehr gerne gelesen und empfand jede Einzelheit so genau getroffen, daß ich mich - im Gegensatz zu manchem anderen Leser, wie ich aus anderen Kritiken entnehme - keine Sekunde gelangweilt habe.
Der zweite Teil beginnt mit fünf Worten, und mit einem Schlag ist alles anders. Alle Harmonie und alle früheren Sicherheiten sind ausgelöscht. Was passiert, darf man wirklich nicht erzählen, da man sonst die Wirkung dieses Schocks abmildert, der dem Fortgang des Romans eine völlig unerwartete Richtung gibt. Leos Beziehungen verändern sich radikal und Bill wird für ihn noch wichtiger.
Im dritten Teil bekommt der Roman wieder eine völlig andere Wendung und beschreibt auf meheren Erzählebenen das Leben in innerlich haltloser Fluktuation. Zum einen in der Kunstszene, die ohne jede kritische Haltung, statt dessen ganz dem Diktat der Mode unterworfen die abstrusestens Richtungen zur Kunst erklärt und entsprechend selbstherrliche Künstler und deren Exhibitionismus fördert. Zum anderen in der sensiblen Darstellung von Bills Sohn Mark, der überraschenderweise ohne Aufbau einer persönlichen Werteskala erwachsen geworden ist, keinerlei Verantwortung für sein Leben zu übernehmen vermag und so quasi unschuldig ins kriminelle Milieu abgleitet. Des weiteren in der Beschreibung Leos von sich selbst, der nach dem Verlust seines Freundes in eine völlig anders geartete, ihm fremde Welt gestoßen wird, dort nicht ohne Blessuren davonkommt, aber mit einem unvoreingenommen Erstaunen davon erzählt, so daß dies den Leser tief berührt.
Man wundert sich am Ende, wie das harmonische soziale Gefüge von Leo mit klaren gesellschaftlichen und moralischen Standpunkte sich in diese haltlose, unbekannte Welt verwandeln konnte, in der er herumgestubst wird und keinen wirklichen Ausweg findet. Ich selbst schwebte am Ende des Romans verwundert in einer Haltlosigkeit,in der ich mich hohl und inhaltslos fühlte. Zugleich konnte ich zu meinem großen Erstaunen erstmalig von innen heraus eine erschreckende Entwicklung in unserer Gesellschaft nachvollziehen, die in New York sicherlich ausgeprägter ist als in Europa und der ich bisher verständnislos gegenüber stand, nämlich wie es ist, ein sinnentleertes Leben zu führen.
Siri Hustvedt bietet keine Lösungen für dieses Problem an, aber ihr umfassendes Einfühlungsvermögen zeigt Ursachen auf und läßt Raum, um fruchtbar über entsprechende Probleme nachzudenken. Siri Hustvedt ist ein ganz hervorragender gesellschaftskritischer Roman gelungen. Uneingeschränkt empfehlenswert!