Hans Küng hat im Sommersemester 2009 an der Universität Tübingen neun Vorlesungen "Was ich glaube" gehalten, die großen Zuspruch gefunden haben. Dies ist erstaunlich, da sonst theologische Vorträge eher in kleinen Kreisen stattfinden. Außerdem hat Küng ja seine theologischen Überzeugungen schon reichlich publiziert und auch autobiografisch vieles beschrieben. So bleiben Wiederholungen nicht aus. Gleichwohl ist interessant, quasi die Summe eines langen Lebens überblicken zu können. Dabei darf man keinen Seelenstriptease erwarten. Zwar spricht Küng naturgemäß immer wieder von sich und seinen Leistungen, aber er reflektiert dies sehr stringent an den zehn Stichworten, die sein Buch strukturieren.
1. Er beginnt mit dem Grundvertrauen, das allein zu einem gesunden Glauben führen kann. Mit großer Souveränität hat sich Küng gegen ungesunde oder krankmachende Formen von Kirchlichkeit durchsetzen können und seinen eigenen Weg gefunden. Dies konnte er sogar dem Papst Paul VI. ins Gesicht sagen, als dieser um Vertrauen bat. Küng antwortete: Ich habe Vertrauen zu Ihnen....., aber nicht zu allen, die um Sie herum sind."
Lebensvertrauen ist gut, Lebensfreude ist besser. Mit diesem Satz beginnt das zweite Kapitel, in dem er sich mit Lebensfreude und Glück auseinander setzt. Hier wendet er sich vor allem gegen Nihilismus und Zynismus heutiger Intellektueller. Er kreiert das neue Wort Hämismus". Solche destruktiven Lebenseinstellungen hat er sogar in Fakultätssitzungen erlebt. Ein Gegenmittel ist die Freude an der Natur und an Tieren. So kann er sogar der kosmischen Religiosität etwas abgewinnen.
Im dritten Kapitel reflektiert er nicht nur seinen eigenen Lebensweg, sondern auch den der Menschheit. Überhaupt gelingt es Küng immer wieder, sehr gelehrte Abschnitte einzuflechten, etwa wenn er sich Gedanken über die Evolution macht. Selbstverständlich wird auch das Weltethos noch einmal ausführlich dargestellt. Auch hier gilt: Viele Lebensentscheidungen lassen sich aber nur gegen Widerstand durchsetzen. .... Ich habe versucht, wo immer möglich, zwischen dogmatischer Sturheit und anpasserischer Weichheit einen Weg zu finden, der Beständigkeit mit Anpassungsfähigkeit verbindet." S. 94
Im vierten Kapitel beschäftigt sich Küng mit dem Lebenssinn. Eigene Krisen und Erfahrungen des Sinnverlustes stellt er ungeschminkt dar. In Auseinandersetzung mit Nietzsche stellt auch Küng seine Fragen und möchte sich mit der Sinnlosigkeit in dieser Welt nicht abfinden: Es muss uns genügen, für das Hier und Heute einen Sinn im Leben zu finden. Und den muss jeder Mensch, jeder Mann und jede Frau für sich selber finden, im eigenen größeren oder kleineren Lebenskreis. Ein jeder Beruf kann, unabhängig von der Position, zu echten Berufung werden, die Befriedigung und Erfüllung zu schenken vermag. Engagement im Ehrenamt - auf sozial, karikativ oder politisch - kann sinnstiftender sein als mancher Broterwerb." S. 124
Als Theologe fügt Küng noch die Frage nach dem Lebensgrund hinzu. Da geht es nun wirklich um die Gottesfrage, um die Funktion von Religionen und ihrer Kritik, wobei sich Küng für eine Spiritualität mit Rationalität" entscheidet. Die Aversionen gegen die Philosophie, wie in der protestantischen Theologie seit Martin Luther immer wieder zu beobachten, war meine Sache nicht." S. 140
So versucht er also den Dingen auf den Grund zu gehen. Seine Gedanken gipfeln in dem Satz: Der ewige Gott verleiht allem Zeitlichen Grund und Sinn, und für einen aufgeklärten Glauben an Gott braucht man sich heutzutage nicht mehr zu entschuldigen. Doch - wie wäre es, wenn am Ende heraus käme, dass ich mich in meinem Glauben getäuscht habe? Dann hätte ich, das ist meine Überzeugung, dennoch ein glücklicheres Leben mit Gott gelebt als ohne ihn." S. 159
Im sechsten Kapitel beschäftigt er sich mit dieser religiösen Grundlegung, die er Lebensmacht" nennt. Es ist der Platz, um sich auch mit mystischer Spiritualität auseinander zu setzen. Hier bringt Küng seine Beobachtungen aus östlichen Religionen ein. Küng hält an dem Glauben an einen Schöpfergott fest. Wir können Gottes Macht und Herrlichkeit und seine Vorsehung" immer erst im Nachhinein erkennen. Wenn ich auf mein Leben zurück schaue, dann kann ich im Nachhinein, im Nach-Sehen" erkennen, dass und wo ich besonders gehalten und geführt war. Das muss mir genügen und es genügt mir auch". S. 201
Im siebten Kapitel stellt er nun verschiedene Lebensmodelle vor, wie sie sich in den unterschiedlichen Religionen heraus gestellt haben. Immer selbstkritisch analysiert er auch das christliche Modell", das gewissermaßen Jesus verkörpert hat. Von außen gesehen, sozusagen religionswissenschaftlich, gibt es verschiedene Heilswege, verschiedene wahre Religionen. Aber von innen gesehen, also für mich als glaubenden Christen, gibt es nur die eine wahre Religion: die christliche, für welche die anderen nur mit Vorbehalt wahre Religionen sind." S. 232
Im achten Kapitel stellt sich Küng der alten Frage nach dem Leid. Die bisherigen Antworten der Theodizee sind unbefriedigend. Aber auch die protestantische Kreuzestheologie ist fragwürdig. Auch in größter Not will Küng sein Vertrauen im Glauben an Gottes Gnade behalten. Das ist ur-evangelisch, und weil es ur-evangelisch ist, ist es auch ur-katholisch..." S. 260
Schließlich geht es Küng um Lebenskunst. Hier wagt er sich auf das Gebiet von Eros und Agape, schreibt von Frieden durch Rechtsverzicht und Macht zugunsten Anderer. Er fordert Konsum mit Maß" und Erziehung im gegenseitigen Respekt". Nicht einmal den Sport und Fairness" klammert er aus. Natürlich möchte er auch Gesundheit ohne Gesundheitswahn". Und zum Ende macht er sich Gedanken über die Kunst des Sterbens. Kaum ein Thema, das Menschen bewegt, wird ausgelassen.
Im letzten Kapitel zur Lebensvision wird Küng noch einmal ausgesprochen gesellschaftskritisch. Er wehrt sich gegen Ideologien und Fortschrittsgläubigkeit, kämpft für ein globales Ethos als neues Paradigma für eine friedliche Weltpolitik und gerechte Weltwirtschaft. Zu seinen Visionen gehören nicht nur die Einheit der Kirchen, sondern auch der Frieden der Religionen und die Gemeinschaft der Nationen. Seine letzte Vision aber ist die Antwort auf die Frage: Was geschieht mit mir? Ich hoffe darauf, dass es auch für mich einmal eine Auflösung aller Widersprüche und ein Dasein in Harmonie, Frieden und Glück geben und mir an meinem Ende das zuteil wird, was in der ganzen christlichen Tradition die Vision schlechthin, die Visio beatifica", die selig machende Schau" genannt wird." S. 314
Es ist in der Tat ein sehr persönliches Buch, das zum Weiterdenken anregt.