Was hat das große Geld mit uns vor, fragt der Autor im Titel. Hinter dem "großen Geld" steht allerdings nicht die unsichtbare liberale Hand von Adam Smith, die - wie die Apologeten des freien Marktes behaupten - alle Markteilnehmer glücklich und froh macht, sondern reale Menschen. Eigentlich müsste es daher heißen: Was haben die Besitzer (juristisch korrekt: Eigentümer) und die "Finanzbutler" des großen Geldes vor, solange es die Mehrheit in diesem demokratischen Lande mit sich geschehen lässt?
Willkommen in der "schönen neuen sozialen Marktwirtschaft" des 21. Jahrhunderts?
Der Autor macht in seiner Rückblende eine schonungslose Bestandsaufnahme der sozialen Realität und erläutert in verständlicher Sprache, wohin uns die Politik der letzten Jahrzehnte bei Lichte betrachtet geführt hat. Eine Wirtschaftspolitik, die einem deregulierten Finanz- und Kapitalmarkt und dessen kleiner technokratischen Elite keine demokratischen Grenzen entgegensetzt. Eine Sozialpolitik, die unermüdlich davon redet, den Sozialstaates zu erhalten, indem sie den Sozialstaat seit 1975 sukzessive abbaut (reformdeutsch als "Rückbau" bezeichnet, da sich Abbau bei den vielen Bürgern, die über kein "großes Geld" verfügen, äußerst schlecht verkauft).
Das sozialisierungsfreundliche Grundgesetz mit seiner Sozialstaatsklausel und dem verpflichtenden Eigentum, das auch dem Gemeinwohl dienen soll - als Konsequenz aus der gescheiterten Weimarer Republik bzw. dem Trümmerfeld, das der Nationalsozialismus 1945 hinterließ, ist nicht länger Maßstab für den "Sozialstaat". Maßstab für den "modernen" Sozialstaat ist die Agenda 2010, die zwar vor materieller Not und dem Verhungern schützt, aber mit einer gerechten Verteilung des in der Volkswirtschaft erzielten Bruttosozialprodukts und mit "Wohlstand für alle" nichts mehr am Hut hat.
Was das Buch vor allem auszeichnet, ist die Polarisierung des Sachverhalts und der Wechsel der Perspektive.
Auf der einen Seite, so der Autor, steht zum Beispiel die akribische Bedürftigkeitskontrolle und Leistungsrationierung für Arbeits- und Obdachlose durch ein System, dessen Namen auf den ehemaligen Personalverstand der Volkswagen AG, Herrn Peter Hartz, zurückgeht. Einem Spitzenmanager und "Sozialreformer", der bei seinem - im Schnellverfahren abgewickelten - Prozess wegen schwerer Untreue usw. vor Gericht angab, dass er 25.000 Euro monatlich verdienen würde und - weil er "immer fleißig gespart" hätte - damit ein Geldvermögen von mehr als 2,5 Millionen Euro zusammengespart habe.
Auf der anderen Seite wird Steuerhinterziehung in Millionenhöhe und Wirtschaftskriminalität - von einigen medial herausgeputzten Ausnahmen abgesehen - von der deutschen Justiz immer noch als Kavaliersdelikt betrachtet. Die Angeklagten werden wie kleine Hühnerdiebe behandelt, die anschließend ihr "V"ictory-Zeichen in die Kamera halten dürfen.
Belegt durch Anmerkungen und Hinweise geht es inhaltlich weiter um
- unterbezahlte Topmanager und überbezahlte Krankenschwestern
- Armut trotz Arbeit und durch Arbeit
- "mehr Freiheit wagen" und abhängige Subunternehmer als Scheinselbständige
- unbezahlte Mehrarbeit und dem Reichtum der oberen 10 Prozent
- Streikende, die für Hungerlöhne demonstrieren, und dem sozialen Aufstieg für jedermann
- den Verdrängungswettbewerb durch Lohndumping und der "Börse für alle"
- die finanzielle Katastrophe durch Hartz IV und Steuererleichterungen für die Vermögenden
- dem sog. Missbrauch der Arbeitslosen und der Gewinnwarnung für Großspekulanten
- der Vermögenskonzentration in Milliardenhöhe und den Suppenküchen
- Erhöhungen der Verbrauchssteuern für alle bei gleichzeitiger Senkung der Einkommen- und anderer Steuern für Spitzenverdiener
- Erhöhungen der Sozialabgaben für die Arbeitnehmer und die Senkung der Einkommensteuer auf Kapitaleinkünfte
und der Verselbständigung deregulierter Finanz- und Kapitalmärke, die im Sekundentakt Profite in Millionenhöhe erzielen, ohne dass dabei etwas erwirtschaftet/produziert wird und Arbeitsplätze für Menschen geschaffen werden.
Im letzten Kapitel des Buches zeigt der Autor auch Ansätze zur Lösung der Probleme auf. Auf Seite zwar: "Wo nichts unbeantwortet bleibt, bleiben keine Fragen offen. Eben deshalb habe ich gewiss nicht alle einschlägigen Themen rund ums große Geld zur Sprache gebracht."
Bescheidenheit ist eine Zier, heißt es. Angesichts der zunehmenden medialen Volksverblödung im Lande der Dichter und Denker hätte der Autor sein Licht nicht derart unter den Scheffel stellen müssen. Bescheidenheit kennen die Herrschaften des "großen Geldes" schließlich auch nicht. Wasser predigen und Champagner trinken, trifft bei den Herrschaften des großen Geldes wohl eher zu.