Verfolgt man die aktuellen Debatten um die vermeintliche Misere des öffentlichen Schulsystems in Deutschland so hat man den Eindruck, vor einem schwer entwirrbaren Knäuel komplexester Faktoren zu stehen, bei dem nur eines gewiss ist: Wir brauchen Forschung, Forschung und noch einmal Forschung, denn offenbar wissen wir zu wenig. Aber stimmt das wirklich? Ganz anderer Auffassung ist der ehemalige Schulleiter und jetzige Professor der Pädagogik, Todd Whitaker. Folgt man ihm, dann braucht man nur "14 Dinge, auf die es wirklich ankommt" - so der Untertitel - zu beachten und schon ist man ein guter Lehrer. Und diese 14 Prinzipien erfolgreichen Unterrichtens leitet er nicht aus komplexen Forschungshintergründen ab, sondern vorwiegend aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, die er in unterhaltsame Geschichten und anregende Fragen kleidet. Herausgekommen ist dabei etwas, das ich als "Anwendung des gesunden Menschenverstandes" bezeichnen möchte. Whitaker belegt nämlich, was beim Wunsch die Schule durch Programme zu optimieren, in Vergessenheit geraten ist: Es kommt stärker auf die Lehrerpersönlichkeit und weniger auf Programme an. Seine in bestem amerikanischen Pragmatismus vorgetragenen und begründeten " 14 Dinge" sind auf den ersten Blick fürchterlich simpel, aber überzeugend und lassen sich im zweiten Schritt auch aus wissenschaftlichen Konzepten begründen.
Ich selbst habe ja in "Prinzipien erfolgreicher Erziehung. (Bad Heilbrunn 2003) einen ähnlichen Versuch unternommen und bin genau wie Whitaker zu 14 Prinzipien (!!!) gekommen - doch anders als er habe ich dazu ca. 100 Klassiker aus Pädagogik und Psychologie verarbeitet, was den Lesern zwar einen komprimierten Überblick erlaubt, aber vielleicht auch von der Konzentration auf die Praxis ablenkt.
Withaker zeigt zu meiner Verblüffung: Man kann auch seriös und hilfreich argumentieren, ohne Fußnotenapparat. Und dies hat - wie ich inzwischen weis - einen Grund: Wenn wir uns auf das besinnen, was uns wirklich wichtig ist, wenn wir unsere eigenen Lehr-Lernerfahrungen in einer vielfältig gemischten Gruppe reflektieren, dann zeigt sich, dass wir über so etwas wie ein verschüttetes "pädagogisches Tiefenwissen" verfügen: Wir alle wissen, wie man eine gute Schule machen kann! Der entscheidende Punkt ist, dass wir dieses intuitive Wissen ernst nehmen und umsetzen. Whitakers Buch ist eine Ermutigung für alle, die nicht auf neue Erkenntnisse und Programmen warten wollen, sondern sich auf den Weg machen, ein "guter" Lehrer bzw. eine "gute" Lehrerin zu werden. Whitaker zeigt: Jeder hat das Potenzial dazu.
Fazit: Erfolgreiches Lehren und Erziehen durch den Blick fürs Wesentliche
Prof.Dr. Olaf-Axel Burow Universität Kassel