Was glaubst du eigentlich, wer du bist? So hieß das Buch, in dem Stevenson auftauchte. Ich erzähle euch, wie ich es in die Hände bekam. Es war die schlimmste Nacht seit dem Tod meines Vaters. Ein schweres Unwetter tobte. Ich warf mich im Bett herum und lauschte dem Geräusch des Regens. Ich konnte nicht schlafen, wollte aber auch nicht wach sein. Ich weiß noch, dass ich aufstand und zuerst in das Zimmer meiner Mutter ging. Dort blieb ich eine Weile und schaute sie an. Sie schlief auf der linken Seite, einen Arm Richtung Fenster ausgestreckt, die Hand offen. Als hätte sie gerade etwas fallen lassen, das sie noch einen Moment zuvor festgehalten hatte. Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass ich noch nie jemanden gesehen hatte, der so einsam schien. Dann ging ich ins Arbeitszimmer. Hier hatte mein Vater gearbeitet und ich war immer zu ihm gegangen, wenn ich ein Problem hatte. Also, wenn ich ehrlich sein soll, an zwei von drei Tagen. Kann schon sein, dass ich ein merkwürdiger Junge bin. Zum Beispiel mag ich nirgendwo mitmachen. Ich mag die meisten Leute nicht und sie mögen mich auch nicht. Daher bleibe ich - egal, was die anderen machen - lieber außen vor. Ihr kennt das ja: Entweder du bist einer von denen, die auf andere schießen, oder du bist die schwarze Mitte der Zielscheibe. Deshalb ist es immer noch besonders witzig, dass diese ganze Geschichte AUSGERECHNET mir passieren musste. Gut, ich war also schon eine Weile im Zimmer meines Vaters, als ich das Buch fand. So einfach war das: Ich schaute mich um und plötzlich war es da. Vorn auf dem Umschlag war ein Foto von einem Jungen, der über einen Zaun springt. Darüber stand der Titel:
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Ich hatte es vorher noch nie gesehen, aber der Titel sprach mich sofort an. Denn genau so sieht doch das Leben fast aller Leute unter zwanzig aus. Die ganze Zeit rennt einer hinter dir her und sagt, ganz egal, was du tust:
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Einer, der dir sagt: Einen Blick riskieren ist erlaubt, aber mehr nicht. Ich schaute mir das Foto auf dem Umschlag genauer an. Der Junge war barfuß. Hinter ihm war eines dieser Holzhäuser zu sehen, die man in Strandnähe baut. Ich fragte mich, warum er über diesen Zaun sprang, ob er vor jemandem fliehen musste oder ob es vielleicht im Haus etwas schrecklich Gruseliges gab. Ich schlug das Buch auf und las: Es kommt darauf an. Mit fünfzehn bist du für manches noch zu jung und für anderes schon zu alt. Was mich angeht, ich war auf jeden Fall alt genug zu begreifen, dass etwas gar nicht existiert, wenn es dein Herz nicht berührt - da kannst du dich noch so anstrengen. Ich kam nach Thailand, weil ich davon überzeugt war und weil der Weg, bis deine Träume Wirklichkeit werden, manchmal viel weiter ist, als du dir vorgestellt hast. Deshalb schreibe ich auch dieses Buch: in der Hoffnung, dass du glauben kannst, was ich dir zu erzählen habe - wer du auch sein magst. Obwohl, ich nehme an, zuerst möchtest du meine eigene Geschichte hören. Einverstanden. Aber ich hoffe, du begehst anschließend nicht den Fehler zu glauben, was du hier liest, sei nur ein Buch. Denn dann sind WIR BEIDE verloren. Deshalb möchte ich, dass du etwas weißt: Wenn du diese Seite gelesen hast, wenn du die Augen hebst, wird der Mensch, den du vorfindest und der meine Geschichte liest, mehr sein als nur du selbst. Na ja, es wäre eine Lüge zu behaupten, das hätte mich nicht beeindruckt. Natürlich dachte ich nicht ernsthaft, dieses Buch könnte
mehr als ein Buch sein. Doch immerhin hatte ich bis zu dieser Nacht kein Buch mit so einem Anfang gelesen. Und das, obwohl ich nur auf eine einzige Art ein Buch lesen kann, ich vertiefe mich völlig hinein bis auf den tiefsten Grund. Ehrlich, ihr könnt mir glauben, wenn mir ein Buch WIRKLICH gefällt, gebe ich mich nicht wie andere damit zufrieden, eine der Figuren zu mögen. Von wegen. Ich muss die Figur
sein, sodass jeder Schlag von mir ausgeführt wird und sie einem Schlag ausweicht, wenn ich mich rechtzeitig ducke. Glaubt mir, manchmal funktioniert es. Das Problem ist nur: Wenn dir das gelingt, fällt dir auf, dass es auch umgekehrt funktioniert, die Figur hat sich auch in dich verwandelt. Also... ganz gleich, was dabei herauskommt, es ist eine Art Mixtur, ich hab keine Ahnung, ob man so weit gehen kann zu sagen, sie besteht fiftyfifty aus ihr und aus dir oder eher, dass jemand Neues dabei herauskommt, jemand, der in Wirklichkeit keiner von beiden mehr ist. Es gelingt tatsächlich hin und wieder. Dann ist es genauso wie mit einer Tätowierung: Sobald du sie auf deinem Arm siehst, weißt du, von jetzt an kommst du nicht mehr drum herum, dass sie da ist. Bevor ich
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? entdeckt hatte, war es natürlich noch nie so weit gekommen. Dennoch wäre es absurd zu glauben, du könntest nach der Lektüre von
Tom Sawyers Abenteuer,
Der Fänger im Roggen oder
Moby Dick so tun, als wärst du immer noch derselbe. Soweit ich weiß, ist Tarzan der einzige Typ auf der Welt, der sich in einen Fluss schwingen kann, ohne dabei nass zu werden. Aber das mit Stevenson war anders. Es ging darum: Ich musste aufhören, ICH zu sein, um mich in IHN verwandeln zu können. Als ich das begriff, erging es mir so wie fast allen Leuten, die riskieren, zu weit zu gehen: Du brichst alle Brücken hinter dir ab, und nie-mand kann dir folgen, aber du kannst auch nicht mehr zurück. Ich hatte keine Wahl und ging den Weg zu Ende, bis zu dem Punkt, an dem man den Grund berührt. Ich sagte mir, dass ich, wenn ich Stevenson sein wollte, NIEMAND ANDERES sein konnte.