Kirchhoff zeigt sich mit diesem Buch - ganz offen und direkt gesagt - im Grunde seines Wesens als nicht-genuiner Denker; er ist stattdessen ein Repetierer und Kritiker, also einer, der liest, darüber nachdenkt und dann wiederholt, kritisiert und mit ein paar eigenen Gedanklein würzt. Namentlich sind es vor allem - die üblichen Verdächtigen wie Bateson, Grof, Sheldrake, Duhm ... nicht mitgerechnet - Wilber, Bahro und Heinrichs, bei denen er sich bedient.
Während Ken Wilber im Stile eines perfektionistischen Transzendentalphänomenologen - man könnte ihn den Husserl des New Age nennen - bis in den Exzess hinein differenziert und ziseliert, während Bahro, streng marxistisch geschult, in seinem Jahrhundertbuch "Die Logik der Rettung" mit der fast beängstigenden Energie des "Umwerters aller Werte" die sechsstufige "Tektonik des Verderbens" immer tiefer auslotet und über das Industriesystem, die Kapitaldynamik, die Europäische Kosmologie, das Patriarchat und schließlich die Conditio Humana den exterministischen Reaktor auseinander nimmt, um daraus ein theoretisch umsetzbares politisches Programm zu basteln, und während der eigensinnige und wenig bekannte Johannes Heinrichs mit seiner "Öko-Logik" und dem "Sprung aus dem Teufelskreis" immerhin selbstdenkend seine realpolitisch realisierbare "Viergliederung des sozialen Systems" entwirft, nimmt Kirchhoff Versatzstücke dieser Impulse lediglich auf, kritisiert sie (dort wo Wilber "nicht tief genug" ist etc.), übersetzt sie ins eigene Verständnis, verflacht sie sprachlich oder kreiert eigene "kritische" Vokabeln (Erde/ERDE, "Integrale Tiefenökologie", Gaia und Demeter, Eleusis etc.). Das klingt nach was, bringt aber nicht viel und steht zwei, drei Abstraktions- und Konzentrationsstufen unter seinen Vordenkern und der notwendigen Diskussionshöhe.
So erfährt man eine Menge darüber, was man alles müsste, aber wenig, wie! Permanent wird nach mehr Tiefe oder Höhe oder Weitblick usw. gerufen, ohne sie selbst, eigenständig entsprechend auszuloten. Als relativer Eigenbeitrag und Erweiterung des Bahroschen Ansatzes dürfte die Beschreibung der ökologischen Krise als "psycho-kosmologische Krise" noch durchgehen, aus der sich dann ein neues Kosmos- und Erdverständnis ergeben müsste. Hier offenbart sich allerdings auch die Hegelianische Grundfigur dieses wenig strukturierten, eklektischen Buches, nämlich im sich selbst bewusst werdenden Geist = Erde oder - von mir aus - ERDE. Das sich selbst reflektierende Subjekt/Objekt (ERDE oder eben Hegelscher Geist) manifestiert sich selbstredend aber stillschweigend in der Person des Autors höchstselbst.
Außerdem verwechselt Kirchhoff immer wieder die eigentliche Seinsebene mit der Sprachebene, weshalb er insbesondere Wilbers und mythologisches Vokabular wie einen Fetisch benutzt und abstrakte Begriffe zu real existierenden Wesen erklärt, um mit ihnen nach seinem Bilde hantieren zu können. So wird der Wille zur Veränderung leider verschlissen, von seinen hochfliegenden Bahnen hart auf die Erde zurückgeholt. Gut als Gegenteil von gut gemeint - zu viele wollen, aber nur wenige können. Freilich, das schließt nicht aus, dass man jede Menge nachdenkenswerter Einzelideen findet, dafür garantieren ja die Quellen schon. Auch scheut sich Kirchhoff nicht, wissenschaftsproblematische Themen ohne Scheu anzugehen - die Geomantie etwa -; leider ausgerechnet dort nicht immer kritisch genug.
Das alles ändert nichts daran, dass man besser gleich die Originale und Klassiker liest!
Apropos: Wie man Gustav Fechners "Zend Avesta" nicht kennen kann, wenn man sich mit dem Willen der Erde auseinandersetzt und noch dazu seitenlang Jünger zitiert, der Fechner mehrfach bespricht, bleibt ein Rätsel - oder sollte das ein Fehler mit Methode sein?
PS: Kurze Anmerkung zu meinem elogischen Vorredner "Matthias Fersterer". MF ist Redakteur für Kultur und Gesellschaft bei der Zeitschrift "OYA. Anders denken. Anders leben". Die wiederum wird vom "Zukunftswerk Klein Jasedow" gemacht, welches wiederum sich auch für den "DrachenVerlag" verantwortlich zeichnet. Und dort, hier schließt sich der Kreis, erscheinen auch Jochen Kirchhoffs Werke.