Martin Mosebach darf mit Recht als einer der besten Schriftsteller deutscher Sprache gelten. Die Nominierung seines neuesten Romans für den Deutschen Buchpreis 2010 ist nur ein Hinweis dafür. Dennoch ist er, vielleicht gerade weil er so schreibt, wie er schreibt, umstritten. Nicht nur im Feuilleton, sondern auch bei den Lesern. Viele Menschen können bei Schriftstellern einfach nicht unterschieden zwischen dem, was sie schreiben und dem, wie sie leben, was sie denken und vor allem glauben.
Obwohl in dem vorliegenden neuen Roman von Religion an keiner Stelle expressis verbis die Rede ist, werden viele Kritiker die Tatsache, dass Martin Mosebach ein gläubiger Katholik ist, ein Anhänger der lateinischen Messe, zum Anlass nehmen, auch bei diesem Buch den Finger eher nach unten zu halten.
Und tun ihm dabei wieder Unrecht. Denn "Was davor geschah" ist ein Gesellschaftsroman, der das Lebensgefühl einer bestimmten Schicht Anfang des 21. Jahrhunderts in einer Sprache beschreibt, die an Thomas Mann erinnert und dessen Sprachkunst durchaus ebenbürtig ist.
Denn er erfasst das Milieu,das er beschreibt, so detailgetreu und genau, dass sich viele Leser an irgendeiner Stelle wiederfinden können.
Der 35-jährige Ich-Erzähler beginnt auf die Frage seiner neuen Partnerin, "was davor geschah" ( eine oft für den Beginn von Beziehungen tödliche Frage), mit einer sich über 330 Seiten und insgesamt 33 Kapitel hinziehenden Geschichte, als er über etwa ein halbes Jahr als Dauergast bei den Festen der Familie Hopsten Falkenstein im Taunus nicht nur versuchte, mit der Tochter des Hauses, Phoebe, anzubändeln, sondern auch die anderen Menschen, die im Hause Hopsten aus- und eingingen beobachtete und einschätzte.
Es ist die gehobene Gesellschaft Frankfurts, die da literarisch gekonnt porträtiert und gleichzeitig auch hintersinnig aufs Korn genommen wird. Da ist neben der gastgebenden Familie Hopsten der alte Schmidt-Flex, Minister im Ruhestand mit vielen Beziehungen, sein Sohn Hans-Jörg, von dem der Alte nicht viel hält, dessen junge Frau Silvi, die den Wein lieber mag, als ihr gut tut.
Rosemarie Hopsten ist die ungekrönte Herrscherin des Hauses. Ihr Mann Bernward spielt alles mit. Bis es zu erheblichen Störungen in dem einst so stabilen Gefüge kommt. Dabei spielt Salam eine wichtige Rolle, halb Libanese, halb Österreicher, ein windiger Geschäftsmann und Frauenheld.
Wie eine Patience deckt Mosebachs Erzähler die Karten auf bis zum Ende des Buches. Manches muss er erfinden, anderes schlussfolgern, vieles hat er selbst miterlebt. Seine neue Partnerin unterbricht ihn manches Mal mitten in der Erzählung; er lässt sich aber nicht beirren und folgt geduldig seiner Handlung bis zum Ende, an dem auch klar wird, wer die Frau ist, die den 35-järhrigen von seinem Schwarm Phoebe abgebracht hat.
Mosebachs Sprachkunst ist außergewöhnlich. Schon lange habe ich bei einem Buch nicht mehr gedacht: wie schön kann Sprache sein. Die Lektüre ist ein geradezu sinnliches Vergnügen.