Kurzbeschreibung
Von der Bütt auf die Barrikaden
Mal im Ernst: Die närrische Zeit war schon immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Hildegard Brog erzählt anekdotenreich von der Vielschichtigkeit des tollen Treibens - vom 16. Jahrhundert bis heute entsteht so ein farbenprächtiges Bild des rheinischen Frohsinns, der auch in den Momenten größter Not nie den Humor verloren hat.
Einige Tage im Jahr steht am Rhein die Welt auf dem Kopf! Von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch herrscht der Ausnahmezustand. Seit Jahrhunderten bedeutet die "fünfte Jahreszeit" für Kirche und weltliche Obrigkeit dasselbe Dilemma: Dulden und damit zur Zielscheibe des Spottes werden oder verbieten und zum Feind werden? Besonders schwer mit dem Karneval taten sich solche Machthaber, die von auswärts kamen: Ob Franzosen, Preußen, Briten oder Amerikaner - sie alle hatten ihre Liebe Not mit den fröhlichen und mitunter aufmüpfigen Narren. Und so spiegelt sich in der Geschichte des Karnevals die Geschichte des Rheinlandes wider - bis heute.
Der Verlag über das Buch
Von der Bütt auf die Barrikaden - Karneval am Rhein
Jedes Jahr steht am Rhein die Welt für einige Tage auf dem Kopf. Von einem Millionenpublikum verfolgt herrscht zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch der Ausnahmezustand. "Jecke" Frauen stürmen die Rathäuser und Karnevalsprinzen übernehmen die Macht. Politiker werden in Büttenreden und Fastnachtszügen auf die Schippe genommen. Gestandene Männer und Familienväter ziehen als Jungfrauen verkleidet durch die Straßen von Köln und Umgebung: Es ist Karneval am Rhein.
Woher kommt dieses Bedürfnis, einmal im Jahr die bestehende Ordnung außer Kraft zu setzen? Hildegard Brog ist dieser Frage nachgegangen. Im Mittelpunkt ihrer spannenden Geschichte des rheinischen Karnevals steht das Verhältnis der Karnevalsjecken zu ihren jeweiligen Machthabern. Denn Karneval war und ist viel mehr als reine Maskerade, er ist Spiegel der politischen Macht und Ausdruck wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse. Dabei steckte die Obrigkeit seit jeher in einem Dilemma: Wenn sie den Karneval tolerierte, setzte sie sich seinem Spott aus, wenn sie ihn verbot, stieß sie auf Widerstand und wurde zum Feind.
Die Autorin schildert, wie schon in früheren Jahrhunderten die närrische Zeit alle Regeln außer Kraft setzte, was gerade die Kirche mit sehr gemischten Gefühlen sah. Einerseits wetterte sie im 16. und 17. Jahrhundert gegen das "Teufelswerk", andererseits feierten die Kirchenvertreter selbst fröhlich mit... Als dann die Preußen kamen, stieß rheinische Fröhlichkeit auf zackigen Militarismus. Der Karneval wurde diszipliniert. Bürgerliche Reformer riefen 1823 den ersten Rosenmontagszug ins Leben - der Karneval wurde zum Wirtschaftsfaktor. Die Revolution von 1848 begann im Rheinland während der Karnevalstage - nur ein Zufall? Kein Zufall war es jedenfalls, dass so mancher Abgeordnete in der Paulskirchenversammlung sein rhetorisches Talent vorher als Büttenredner erprobt hatte...
Während die bisherigen Darstellungen über die Geschichte des Karnevals hauptsächlich ethnologische oder kunsthistorische Ansätze formulierten, konzentriert sich Hildegard Brog erstmals auf die politische Bedeutung und subversive Kraft des Karnevals. Und noch etwas: Die Satire ist ein wichtiges Ausdrucksmittel im Karneval. Deshalb wird in diesem Buch ausgiebig davon Gebrauch gemacht. Sollten die Leserinnen und Leser also hin und wieder laut loslachen, so ist das durchaus beabsichtigt.
Die Autorin
Hildegard Brog ist promovierte Historikerin. Die aus der mittelrheinischen Karnevalshochburg Heimbach-Weis stammende Rheinländerin lebt in Köln. Sie arbeitet als freie Autorin, vor allem für den Hörfunk (Radio DRS und WDR) und die Presse (Tages-Anzeiger und Rhein-Zeitung).
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Auszug aus Was auch passiert: D'r Zoch kütt. Die Geschichte des rheinischen Karnevals. von Hildegard Brog. Copyright © 0. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Aus Kapitel 5: Vielleicht war es Zufall, dass die Revolution 1848 im Rheinland ausgerechnet während der Karnevalstage ausbrach, aber es war kein Zufall, dass eine ganze Reihe von Männern, die nun in politischen Ämtern saßen, in den Jahren vor der Revolution im Karneval aktiv gewesen waren. Es zeigte sich, dass der Karneval eine gute Plattform war, um sich mit der Staatsmacht auseinanderzusetzen und um politische Ideen unter das närrische Volk zu bringen. Von dieser Instrumentalisierung des Karnevals für politische Zwecke soll hier die Rede sein. Glaubt man seinen Biografen, begann das politische Engagement des Bonner Professors Gottfried Kinkel mit dem Ausbruch der Revolution am 25. Februar 1848 in Paris. Vier Wochen später, am 20. März, war er der Hauptredner der großen Revolutionsveranstaltung in Bonn. In Wien war inzwischen Fürst Metternich gestürzt und in Preußen die Zensur aufgehoben worden. Mit der schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand bestieg Kinkel die Rathaustreppe, wo er eine flammende Rede hielt und dazu aufrief, die errungenen Freiheiten mit starker Faust zu verteidigen. Gottfried Kinkels rhetorisches Talent war nicht über Nacht entstanden. Vorausgegangen waren jahrelange Übungen - als Büttenredner im Karneval! Bereits in der ersten wiedererlaubten Session 1842/43 war der Bonner Professor dabei. Ihn provozierte die polizeiliche Überwachung der Karnevalssitzungen. Um die Zensur zu umgehen, stieg er immer ohne schriftliches Manuskript in die Bütt. Zum Schrecken des Komitees und zur Schulung seiner rhetorischen Fähigkeiten übte er sich in freier Improvisation: "Stark zog immer die Ständesatire... Dazu kam nun mit alles unterdrückender Wucht in den letzten Jahren vor dem März die politische Anspielung, und hier breitete ich meine Force aus. Der Schöppenrat, der stets vor Angst fieberte, der Karneval möchte verboten werden, geriet oft in blassen Schrecken, wenn ich die Tribüne bestieg, denn die sonst übliche Censur der Reden wußte ich stets zu umgehen, indem ich, auf Geistesgegenwart und Sprechübung vertrauend, nichts vorher aufschrieb, dagegen jedes Intermezzo, jede Störung und jeden Beifall zur Anknüpfung von Impromptus ausbeutete.... In dieser schwersten aller Redegattungen, wo oft der gewandteste Sprecher, der witzigste Kopf dennoch den Ton verfehlt und grausam durchfällt, machte ich meine letzte und feinste Kunstschule durch... Ein guter Prediger, Deklamator und Sachwalter zu sein, das ist Kleinigkeit gegen den guten Karnevalsredner." Gottfried Kinkels ungewöhnliche Rhetorikschulung hätte ins Auge gehen können, denn die Komiteeversammlung in Bonn hatte ihre behördliche Erlaubnis 1842 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. persönlich erhalten. Sie wurde jedes Jahr neu erteilt und nur unter bestimmten Auflagen, nämlich dass "darin alle politischen Anspielungen, so wie Blosstellungen von Persönlichkeiten und Äußerungen... unterbleiben müssen." Der Landrat sollte sicherstellen, "daß die Komité-Versammlungen... polizeilich überwacht werden." Der Zensor saß also im Saal. Im Übertretungsfall wäre die Bonner Karnevalsgesellschaft sofort verboten worden und dann wäre Schluss gewesen mit lustig! Aber die preußische Zensur hatte auch ihre Grenzen. Jenseits davon, zum Beispiel in Augsburg, konnten über den Karneval Dinge gesagt werden, die im Rheinland nicht möglich waren. Von dieser Freiheit machte Gottfried Kinkel Gebrauch und betätigte sich in den Jahren 1844 und 1845 als Karnevals-Berichterstatter: "Auch in diesem Jahr, wie immer, ist das Volksfest von den verschiedensten Seiten scharf kritisirt und angegriffen worden, und hat doch seinen blühenden Erfolg gehabt. Nicht bloß der Pietismus empört sich besonders von protestantischer Seite gegen diese aus den heidnischen Saturnalien herstammende Lustigkeit, nicht bloß die Philisterei ergrimmt bei dem Gedanken einer officiell angenommenen und feierlich erklärten Narrheit, ohne zu bedenken, daß der Geusenbund, der die Niederlande frei gemacht hat, auch am Anfang ein Narrenspiel gewesen ist." Das waren deutliche Worte. Kinkel revanchierte sich für die Feindseligkeiten, die er von kirchlicher Seite, nicht zuletzt wegen seiner Ehe mit einer geschiedenen Katholikin, erdulden musste. Als Professor der Theologie verursachte seine Teilnahme an einem Karnevalskomitee großen Ärger. Das Bonner Presbyterium erteilte ihm eine Rüge: Narrenkappe und Talar passten nicht zusammen. Eine Zeit lang besuchte er keine Sitzungen mehr. Aber vom Schreiben karnevalistischer Texte ließ er sich nicht abhalten, auch wenn die Obrigkeit darauf allergisch reagierte. In diesen Jahren trat Kinkels politische Gesinnung bereits deutlich hervor. Er schrieb den Text zu einem viel gesungenen Karnevalslied, dem "Bürgerlied". Darin ging es um die Verschmelzung aller Stände und Gewerbe zu einem Volk. Der Klassenkampf hielt Einzug in den Karneval.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.