Neue Zürcher Zeitung
Paula Fox: «Was am Ende bleibt»
Wie durch eine gläserne Wand präsentiert sich dem Leser das Stilleben, welches Paula Fox im ersten Absatz ihres Romans scharfsichtig und spröd zugleich entwirft. Ein fast schon ängstliches Stilbewusstsein hat die erlesenen Einzelstücke des Interieurs, die angerichteten Speisen ins gedämpfte Licht der Tiffany-Lampe gerückt, dem ein Ableger ordinärer Neonhelle aus der Küchentür von fern her Konkurrenz macht. Wäre nicht dieser irritierende rechteckige Lichtwurf am Boden: man könnte versucht sein, das Buch beiseite zu legen und das Ehepaar Bentwood allein seinen Baguettescheibchen und sautierten Hühnerlebern zu überlassen.
Statt dessen aber hat einen die 1923 geborene, im deutschen Sprachraum bis anhin kaum bekannte amerikanische Autorin in Bann geschlagen. Nicht häusliche Geborgenheit vermittelt ihre Darstellung; nicht das geschilderte Interieur bestimmt die Atmosphäre, sondern eben jene Positionierung des Lesers ausserhalb, die das Tableau gleichzeitig auf Distanz rückt und schutzlos dem fremden Blick preisgibt; und wo sich wiederum unbequem und verunsichernd nun für den Betrachter selbst in dessen Rücken blind starrende Fenster über verlotterten Hinterhöfen reihen.
Die Bentwoods sind wie ihre Wohnaccessoires beflissen, verbissen demonstrieren Menschen mit Flair; kühne Pioniere, die sich schon frühzeitig in einem jener heruntergekommenen New Yorker Wohnquartiere niedergelassen haben, die dank der zuverlässig funktionierenden Kollusion von Szenegeist und Maklersinn morgen wieder en vogue sein werden. Bereits erheben sich da und dort, mit gereinigten Fassaden und bauschigen Vorhängen, die ersten schmalbrüstigen Bastionen betuchter Neuzuzüger, und die «vom Stadtteilverein gepflanzten» Ahornbäume treiben zaghaftes Grün hervor. Die Flächenbombardements mit Unrat und Müll und die Lärmimmissionen, mit denen sich die eingesessenen Quartierbewohner noch bemerkbar machen, wirken wie ein desperates Rückzugsgefecht. Der «besseren» Zukunft, die sich hier abzeichnet, entzieht Paula Fox' Darstellung freilich mit stummer Insistenz den Boden; wie eine illuminierte Seifenblase scheint das Interieur der Bentwoods immer isolierter über dem Abgrund zu schweben. Eine Strassenkatze verbeisst sich gemein in die Hand Sophie Bentwoods, die dem Tier durchs französische Fenster Nahrung gereicht und es liebkost hat; ein Farbiger verschafft sich Eingang und erleichtert den Ehemann mit charmanter Geste um einige Dollarscheine; Unbekannte haben das gehätschelte Ferienhäuschen verwüstet und beschmutzt. Der langjährige Associé von Sophies Ehemann scheidet aus der gemeinsamen Anwaltspraxis aus und hinterlässt einen Dunst, in dem sich der Weihrauch unverbrüchlicher Selbstgerechtigkeit mit dem üblen Ruch der Intrige mischt. Sophies Mutter verheizt in Kalifornien die Energie ihrer letzten Lebensjahre in einen «abscheulichen kleinen Garten»; Liebe und Freundschaften des Ehepaars sind fadenscheiniger geworden, statt sich zu vertiefen, und von der jungen Generation, die Knöchelreifen und Bänder im Haar trägt man schreibt das Jahr 1970 , werden soignierte Avantgardisten wie die noch keineswegs alten Bentwoods auf die gepolsterte Strafbank des «Establishment» abgeschoben. Der Katzenbiss am Anfang, scheinbar der erste Einbruch in den häuslichen Frieden, markiert vielmehr den Kollaps einer längst ausgehöhlten Existenz.
Eine unheimlich gewöhnliche Geschichte wird hier erzählt: dank Paula Fox' frostklarer Intelligenz jedoch, die den Moment des Zusammenbruchs zur Zeitlosigkeit und damit zum Status quo des Lebens einfriert, auf ungewöhnlich unheimliche Weise.
Angela Schader -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Angela Schader zeigt sich vor allem von dem Kontrast beeindruckt, der darin liegt, dass Fox hier einerseits "eine unheimlich gewöhnliche" Geschichte erzählt, andererseits aber durch ihre beinahe kalte Distanz den bevorstehenden Kollaps einer Idylle mit einem unheimlichem Unterton erahnen lässt. "Wie durch eine gläserne Wand" beobachte Fox hier, wie sich das Ehepaar Bentwood in seinem New Yorker Szeneviertel gemütlich eingerichtet habe, bis ein Katzenbiss das Ende der "illuminierten Seifenblase" einläutet. Ein Buch, das der Rezensentin offensichtlich das Blut in den Adern hat gefrieren lassen.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Was am Ende bleibt
OT Desperate Characters OA 1970 DE 2000Form Roman Epoche Moderne
Ohne Pathos, doch mit großer Eindringlichkeit erzählt Paula Fox in Was am Ende bleibt, wie ein glücklich wirkendes, gut situiertes Paar mittleren Alters nach einer Reihe eher kleiner Katas-trophen vor den Scherben seines Lebens und seiner Beziehung steht.
Inhalt: Geschildert werden drei Tage im Leben von Sophie und Otto Bentwood. Gut 40 Jahre alt, seit 15 Jahren verheiratet und kinderlos, führen die beiden ein wohl geordnetes Leben in einem Backsteinhaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Er ist erfolgreicher Anwalt, sie hat früher als Drehbuchautorin und Übersetzerin gearbeitet, allerdings seit einiger Zeit die Lust daran verloren. Als Sophie am Freitag eine streunende Katze füttert, wird sie in die Hand gebissen. Otto erzählt, dass sein Kompagnon Charlie Russel die seit Jahren gemeinsam geführte Kanzlei verlassen hat ein Ereignis, auf das er mit Trotz, Wut und Hilflosigkeit reagiert. In der Nacht darauf kommt unerwartet Charlie vorbei, der Otto sprechen möchte, dann aber mit Sophie in eine Bar geht. Charlie beklagt sich über Ottos Gefühllosigkeit; Sophie lässt sich dazu hinreißen, von einer Affäre zu erzählen, die sie vor fünf Jahren hatte. Gegenüber einer Bekannten, die sie am Tag darauf besucht, erklärt Sophie ihre depressive Verfassung mit ihrem Nichtstun. Ihre Stimmung verdüstert sich weiter, als sie nach ihrer Rückkehr nach Hause mit Charlies Frau Ruth telefoniert und mit ihrem Vorschlag, sich über alles auszusprechen, auf Ablehnung stößt. Beim Abendessen beklagt sich Otto über Charlies Illoyalität. Danach gehen beide ins Krankenhaus, weil Sophies Hand immer noch geschwollen ist und sie Angst hat, sich mit Tollwut infiziert zu haben. Sophie bekommt eine Spritze und erhält die Auskunft, dass der Vorfall meldepflichtig sei. Otto fängt das Tier und bringt es ins Tierheim. Von dort soll bis Montagmittag ein Anruf kommen, sofern die Katze tollwütig ist. Am Sonntag fahren Otto und Sophie nach Long Island und machen die Entdeckung, dass in ihrem Sommerhaus eingebrochen wurde und die Einrichtung verwüstet ist. Am nächsten Tag ruft statt des Tierheims Charlie an. Er ist verzweifelt, so wie Otto und Sophie, die sich trotz allen Überdrusses aneinander und ihres untergründigen Hasses in ihrer Verzweiflung umarmen.
Struktur: In klarer, nüchterner Sprache und chronologischer Folge erzählt Fox, was Otto und Sophie in den drei Tagen widerfährt, und setzt dabei äußere Ereignisse und innere Verfassung parallel. Nach dem Katzenbiss reagiert Sophie mit gesteigerter Sensibilität und Nervenanspannung auf den Müll auf den Straßen, einen Steinwurf in das Haus eines befreundeten Paars oder einen Anrufer, der am Telefon schweigt. So entsteht mit nur wenigen Pinselstrichen das triste Bild vom Zerfallsprozess einer Gesellschaft und einer Mittelschichtsehe, in der beide Partner den Zumutungen der Welt nicht gewachsen sind und bemerken müssen, wie sehr sie sich voneinander entfernt haben.
Wirkung: Was am Ende bleibt ist der erfolgreichste Roman von Paula Fox. Er wurde 1971 verfilmt, stand bei der Wiederentdeckung der Autorin in den 1990er Jahren in den USA im Zentrum der Aufmerksamkeit und fand auch in Deutschland eine große Leserschaft. B. Be.
Pressestimmen
Hajo Steinert, Focus
»Paula Fox schreibt wirklich meisterhaft... Sie beobachtet scharf und subtil Dinge, Gesichter, Atmosphäre; sie zeichnet ihre Figuren mit leiser Ironie, ohne in die Karikatur abzugleiten. Seit erzeugt Spannung im Alltäglichen, ohne irgendeines grellen Effekts zu bedürfen. Lauter kleine Katastrophen verdichten sich zur düsteren Idylle einer Mittelstandsehe.«
Der Spiegel
»Carvers, Updikes, Salters Gesellschaftskritik erscheint grobschlächtig gegen den psychologischen Feinsinn dieser Autorin, gegen ihre behutsame indirekte Schilderung des sozialen Verfalls.«
Gert Ueding, Die Welt
»Eine unheimlich gewöhnliche Geschichte wird hier erzählt: dank Paula Fox‘ frostklarer Intelligenz jedoch, die den Moment des Zusammenbruchs zur Zeitlosigkeit – und damit zu Status quo des Lebens – einfriert, auf ungewöhnlich unheimliche Weise.«
Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung
»Das kleine, elegische Meisterwerk verdient in der Tat in jeder Zeile das Attribut Weltliteratur.«
Peter Henning, Focus
»Ein knappes Meisterwerk.«
Hellmuth Karasek, Literarisches Quartett
Kurzbeschreibung
Psychogramm einer Ehe: Seit fünfzehn Jahren verheiratet, beruflich erfolgreich, kinderlos, wohlsituiert, sind Sophie und Otto Bentwood der Inbegriff eines arrivierten Ehepaars der gehobenen Mittelschicht New Yorks. Unausgesprochen, und doch in jedem Satz spürbar, sind die unterschwelligen Spannungen, die unter der glatten Oberfläche der scheinbar harmonischen Beziehung arbeiten. Erste Risse werden sichtbar, als Ottos Geschäftspartner im Streit aus der gemeinsamen Anwaltskanzlei ausscheidet. Obgleich Otto den Vorfall herunterzuspielen versucht, greift die berufliche Krise mehr und mehr auf seine Ehe über.
Sophies Unbehagen, ihre vage Angst vor einem Erstarren der Beziehung wie vor möglicherweise einschneidenden Veränderungen, verdichtet sich zu einem akuten Gefühl der Bedrohung. Mehrere halbherzige Ausbruchversuche enden in der Sackgasse, die Situation bleibt auf beklemmende Weise in der Schwebe. Ob die Krise eine rasch überwundene Episode sein wird, oder ob sie droht, die berufliche und private Existenz des Paares zu zerstören, bleibt offen.
Die Wiederentdeckung von Paula Fox 1971 zuerst erschienenem Roman war in den USA eine literarische Sensation. Das Buch wurde als eines der wichtigsten amerikanischen Werke des 20. Jahrhunderts gefeiert. Nun liegt das schmale Meisterwerk endlich in deutscher Übersetzung vor und hat auch hierzulande seinen Siegeszug bei Lesern wie Kritikern angetreten.
Der Verlag über das Buch
»Paula Fox schreibt wirklich meisterhaft... Sie beobachtet scharf und subtil Dinge, Gesichter, Atmosphäre; sie zeichnet ihre Figuren mit leiser Ironie, ohne in die Karikatur abzugleiten. Seit erzeugt Spannung im Alltäglichen, ohne irgendeines grellen Effekts zu bedürfen. Lauter kleine Katastrophen verdichten sich zur düsteren Idylle einer Mittelstandsehe.« Der Spiegel
»Carvers, Updikes, Salters Gesellschaftskritik erscheint grobschlächtig gegen den psychologischen Feinsinn dieser Autorin, gegen ihre behutsame indirekte Schilderung des sozialen Verfalls.« Gert Ueding in Die Welt
»Eine unheimlich gewöhnliche Geschichte wird hier erzählt: dank Paula Fox frostklarer Intelligenz jedoch, die den Moment des Zusammenbruchs zur Zeitlosigkeit und damit zu Status quo des Lebens einfriert, auf ungewöhnlich unheimliche Weise.« Angela Schader in Neue Zürcher Zeitung
»Das kleine, elegische Meisterwerk verdient in der Tat in jeder Zeile das Attribut Weltliteratur.« Peter Henning in Focus
»Ein knappes Meisterwerk.« Hellmuth Karasek im Literarischen Quartett»Fabelhaft. Hoch beachtlich und sehr lesenswert.« Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett