In den letzten drei Tagen, als ich diesen Roman von 1989 las, habe ich oft genug während der Lektüre ungläubig innegehalten und mir das Bild des Autors auf der Rückseite meiner Ausgabe angesehen. Es zeigt das lachende Gesicht eines Mittdreißigers, unverkennbar japanischer Abstammung. Sobald ich mich aber erneut auf das Buch konzentrierte und den Faden der Geschichte wieder aufnahm, sah ich ein völlig anderes Gesicht vor mir, aus einer anderen Zeit, einer anderen Schicht, einer anderen Kultur: das Gesicht eines Mittsechzigers, nobel, vornehm und sehr sehr zurückhaltend - der Erzähler des Romans, Stevens, ein engli-scher First-Class-Butler. Das Buch ist in der ersten Person geschrieben, und die Täuschung ist perfekt: Bis in die subtilsten sprachlichen Nuancen hinein hat der Autor es geschafft, das altmodische Englisch eines nicht nur gesellschaftlich feinstgeschliffenen Menschen zu kopieren, sondern auch noch durch die Wörter hindurch einen Menschen zu porträtieren, der der Sprache entspricht, die er spricht: kultiviert, streng, extrem zurückgenommen, unlebendig in erschreckendem Ausmaß. Wie so viele Romane, handelt auch dieser von einer Reise, und wie bei den meisten Reisen, die die Literatur schildert, ist die tatsächliche Reise nur ein Bild dafür, daß jemand einen inneren Weg geht, hin zu Erinnerungen, Sehnsüchten, Träumen und Gefahren. Und oft ist der Reisende am Ende der Reise ein anderer geworden, meist gegen seine eigene Intention. So auch in diesem Fall. Der Erzähler will überhaupt nicht reisen (ebenfalls ein sehr häufiges literarisches Motiv), vielleicht, weil er ahnt, daß in der Unterbrechung seines Alltags Schmerzhaftes auf ihn wartet. Dem Butler Stevens, der da gegen Ende seiner Laufbahn und weit im Leben stehend, an der Schwelle des Alters, durch England fährt, ergeht es nicht anders: gegen seinen Willen kommt er in den Notaten, die den Roman bilden, zur (dauernden? verändernden?) Erkenntnis, daß er sein Leben einer Berufsauffassung gewidmet hat, die ihn zum Gefühlsautisten machte und ihm eine mögliche Liebe verwehrte. In einer erschreckenden Passage stirbt Stevens' Vater, Hilfsbutler unter seinem Sohn, gerade in dem Moment, als ein großes gesellschaftliches Ereignis zu organisieren ist. Stevens zeigt das, was er "Würde" nennt: er verläßt das Lager des Sterbenden und geht seiner Pflicht nach - und er fühlt inneren Triumph dabei, weil er bewiesen hat, daß er ein "großer Butler" ist, der seinem Herrn auch dann unter Verleugnung aller Gefühlsregung dient, wenn in ihm eine Welt zusammenbricht. Das ist ein seltsam anrührender Roman, auch ein anstrengender. Man wird während des Lesens in die innere Welt eines Menschen gezogen, den man nicht mag, nicht mögen kann, der mit seiner gefühlsverneinenden Rolle eins geworden ist. Dennoch beginnt man diesen Menschen, der mit anderen immer äußerst korrekt und gerade deswegen äußerst unmenschlich umgeht, zu verstehen. Und es zerreißt einem das Herz, wie dieser Mann ohne merkliches Aufbäumen die Liebe seines Lebens durch seine wahnsinnige Berufsauffassung verhindert. Dieses Buch ist nicht nur wegen seiner literarischen Qualitäten lesenswert. Es ist eines jener Bücher, die Augen öffnen können, die wieder aufmerksam machen auf die Bedeutung des heutigen Tages und auf die Bedeutung des Mutes zur Nähe. Wir sind sterbliche Wesen - etwas, was wir gerne verdrängen und vergessen. Aber das Bewußtsein von Altern und Tod kann etwas anderes, viel Schöneres und Wertvolleres bewirken als Angst, Ungeduld und Erschrecken: es kann bewirken, daß wir im Angesicht der Tatsache, daß unsere Zeit kostbar ist, den Auftrag des Lebens annehmen, Freude und Schwere eines jeden Tages zu leben und für uns und andere das oft genug mühsame und leidvolle Dasein des Menschen zu erleichtern und schöner zu machen. Stevens steht vor der Tür zum Zimmer der Haushälterin, Miss Kenton. Er weiß, daß sie da drinnen ist, daß sie einsam ist, daß sie weint. Er weiß es, weil er sie liebt. Und er geht nicht zu ihr, um sie zu trösten. Jahrzehnte später erinnert er diese Szene, und das ist sein todtrauriger, immer noch das eigene Versäumnis mühsam überspielender Kommentar: "[...] man hatte doch das Gefühl, eine nieendende Anzahl von Tagen, Monaten, Jahren verfügbar zu haben, in denen man mit den Kapricen in der Beziehung zu Miss Kenton ins Reine kommen könnte; eine unendliche Anzahl von zukünftigen Gelegenheiten, bei denen man die Wirkung dieses oder jenes Mißverständnisses lindern könnte. Sicherlich gab es nichts, was damals anzeigte, daß solch offensichtlich kleine Ereignisse ganze Träume unrettbar und für immer zerstörten." Carpe diem, wieder einmal und immer wieder.