Glücksratgeber und Beziehungsbücher gibt es inzwischen so viele, dass man sich wundert, weshalb die Scheidungsraten noch immer so hoch sind. Eine Erklärung ist, dass allzu viele Autoren überrissene Forderungen an ihre Lesern stellen und Konfliktlösungsstrategien vorschlagen, die den Realitätstest nicht bestanden haben. Es kann also nichts schaden, Rezepte und Theorien wissenschaftlich auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen. Und genau in diesem Punkt unterscheidet sich der Ratgeber von Guy Bodenmann und Caroline Brändli angenehm von vielen Konkurrenzprodukten. Denn die beiden Autoren näherten sich dem Geheimnis glücklicher Beziehungen von zwei verschiedenen Seiten, glichen dann ihre Beobachtungen ab und formulierten schließlich den gemeinsamen Nenner.
Den wissenschaftlichen Part nimmt vorwiegend Guy Bodenmann ein, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Er ist zudem Gründer des Paartrainings "paarlife" und Therapeut. Caroline Brändli ist Psychologin und Redaktorin bei der Neuen Luzerner Zeitung mit Schwerpunkt Leben, Psychologie und Lifestyle. Selbstverständlich spricht auch sie nicht einfach aus dem Bauch heraus, sondern nimmt immer auch Bezug auf vorhandenes theoretisches Wissen. Aber dank ihrer journalistischen Arbeit weiß sie, wie solches Wissen in die Alltagssprache übersetzt werden kann.
Die beiden Autoren stellen gleich zu Beginn klar, was Wunschträume und was Realitäten sind. Wer weiterhin an der Idee einer problemfreien Beziehung festhalten will, wird auch mit dem besten Ratgeber der Welt scheitern. In das Projekt "Wir" muss man investieren, wie das zweite Kapitel klar macht. Daher wird auf dreißig Seiten vorgestellt, welche Investitionen sich lohnen und welche den Gewinn eher schmälern. Im dritten Kapitel erfahren die Leser, wie sich eine gute Atmosphäre schaffen lässt. Und ein Fazit ist, dass die besten Schmiermittel der Liebe die kleinen Aufmerksamkeiten sind. Zudem gibt es Tipps zu einer offenen und fairen Kommunikation, die sich befolgen lassen und nicht auf ideologischem Boden gewachsen sind. Das vierte Kapitel widmet sich der Frage, wie man Unterstützung gibt und bekommt. Das ist deshalb wichtig, weil der Alltag oft ein Beziehungskiller ist, Kleinigkeiten uns oft nicht loslassen und emotionale Selbstöffnung alles andere als einfach ist. Kräftegleichgewichte werden im Kapitel "Toleranz und Fairness" behandelt. Und die letzten drei Kapitel widmen sich noch den Fragen, wie wir auf dem Boden der Realität bleiben, der Sexualität Raum geben können und Verbindlichkeit fördern.
Da die Grundregeln gelingender Paarbeziehung in kulturell vergleichbaren Regionen kaum voneinander abweichen, ist dieses Buch zweier Schweizer Autoren auch für Leser aus Deutschland oder Österreich ein nützlicher Ratgeber. Nur bei den Adressen und Links im Anhang wird die Leserschaft aus der Schweiz stärker gewichtet. Die Literaturliste ist etwas vom wenigen, das mich nicht restlos überzeugte, weil empfehlenswerte Titel fehlen, dafür aber englische Artikel aus psychologischen Fachzeitschriften Aufnahme fanden. Immerhin ist J.M. Gottman aufgeführt.
Mein Fazit: Ein Beziehungsratgeber, der praxisnahe Tipps und wissenschaftliche Beobachtungen verbindet, verständlich formuliert, mögliche Formen gelingender Partnerschaften aufzeigt, schön gestaltet ist und viele Übungen enthält. Das Geheimnis glücklicher Beziehungen können zwar auch die beiden Autoren nicht ganz lüften, kommen ihm aber erstaunlich nahe.