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Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes.
 
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Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. [Broschiert]

Michael Pauen
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

„Ein flüssiger Stil, interessante Beschreibungen und detaillierte Erklärungen laden nicht nur zum Lesen ein, sondern auch dazu künftige Entwicklungen mit Interesse zu verfolgen.“ (Ö1 )

"Pauens Darstellung überzeugt durch ihre Kombination von historischen und systematischen Argumenten." (Die Welt )

Kurzbeschreibung

Was die Neurowissenschaft wirklich zu sagen hat – und was nicht
Die Fortschritte der Wissenschaft scheinen unser Welt- und Selbstbild immer wieder zu erschüttern. Waren es in den vergangenen Jahrhunderten die Lehren von Kopernikus, Darwin oder Freud, die für fundamentale »Kränkungen« des Menschen verantwortlich gemacht wurden, so sind es heute die Erkenntnisse der Neurowissenschaft, die unser menschliches Selbstverständnis nachhaltig in Frage stellen. Doch worum geht es bei diesen Auseinandersetzungen wirklich? Erliegen die Teilnehmer der aktuellen Debatte um das Bewusstsein und den freien Willen, den uns manche Hirnforscher absprechen möchten, nicht einem grundlegenden Missverständnis? Michael Pauen erzählt die spannende Geschichte eines Jahrhunderte alten Scheinkonflikts und zeigt, dass die Erkenntnisse der Neurowissenschaften uns nicht bedrohen, sondern – ganz im Gegenteil – das Verständnis für zentrale menschliche Fähigkeiten verbessern.

• Warum die aktuelle Hirnforschung kein neues Menschenbild erzwingt
• Widerlegung der Mythen von der »Kränkung« des menschlichen Selbstverständnisses durch Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung
• Auswege aus einem vermeintlich unlösbaren Widerspruch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften

Klappentext

"Ein flüssiger Stil, interessante Beschreibungen und detaillierte Erklärungen laden nicht nur zum Lesen ein, sondern auch dazu künftige Entwicklungen mit Interesse zu verfolgen."
Ö1

"Pauens Darstellung überzeugt durch ihre Kombination von historischen und systematischen Argumenten."
Die Welt

Über den Autor

MICHAEL PAUEN, geboren 1956, ist Professor für Philosophie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zum Verhältnis von Neurowissenschaften und Philosophie und zu Fragen des Bewusstseins. 1997 erhielt er den Ernst-Bloch-Förderpreis.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Neurowissenschaften und Selbstverständnis
Kaum eine andere Wissenschaft hat in den letzten Jahren soviel öffentliche Aufmerksamkeit erregt wie die Hirnforschung, und es spricht alles dafür, dass dies auch in den kommenden Jahren nicht viel anders sein wird. Der Grund liegt auf der Hand: Die Hirnforschung befasst sich mit den natürlichen Grundlagen derjenigen Fähigkeiten, die uns als Menschen auszeichnen. Ihre Erkenntnisse haben daher einen wesentlich engeren Bezug zu unserem Selbstverständnis als die der klassischen Naturwissenschaften. Es mag sogar so aussehen, als würde die Entdeckung der Natur des Geistes uns erstmals eine wissenschaftliche Antwort auf eine unserer ältesten Fragen liefern: Was ist der Mensch?
Diese Aussicht erweckt Interesse, aber sie ruft auch Ängste wach: Wird eine wissenschaftliche, gar eine naturwissenschaftliche Antwort auf diese Frage nicht zu einer Degradierung des Menschen führen? Müssen wir nicht erwarten, dass damit unser tradiertes Selbstverständnis tiefgreifend revidiert werden muss?
Der Grund für diese Ängste liegt offenbar in einem prinzipiellen Konflikt: Während wir nämlich auf der einen Seite davon ausgehen, dass es in unserer Welt mit rechten naturwissenschaftlichen Dingen zugeht, neigen wir andererseits zu der Vorstellung, dass uns zentrale menschliche Fähigkeiten wie Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Willensfreiheit autonom auch gegenüber der Natur machen: Wie kann man noch von Bewusstsein sprechen, wenn die Naturwissenschaft in unserem Gehirn nur die Aktivitäten einfacher Nervenzellen findet? Wie kann man an der Existenz eines Ich festhalten, wenn weder die Psychologie noch die Neurowissenschaft irgendeinen Beleg für ein solches Ich finden? Schließlich: Welchen Ort soll die Willensfreiheit in einer Welt haben, die vollständig von Naturgesetzen determiniert wird?
Abgesehen davon scheinen es die spezifische Würde des Menschen und seine besonderen Fähigkeiten gar nicht zuzulassen, dass bei ihm eben die Mechanismen wirksam sind, die die nichtmenschliche, ja die unbelebte Natur beherrschen. Das aber würde bedeuten, dass im Gehirn Dinge passieren müssten, die einer wissenschaftlichen Erklärung prinzipiell entzogen sind.
Offenbar geraten wir hier in ein grundlegendes Dilemma von Naturalismus und Menschenbild: Entweder man gibt wichtige Teile unserer wissenschaftlichen Erklärungsansprüche auf und akzeptiert, dass es prinzipiell nicht möglich ist, die natürlichen Grundlagen einiger für unser Selbstverständnis zentraler menschlicher Eigenschaften zu verstehen, oder man hält an den wissenschaftlichen Erklärungs- und Verständnisansprüchen fest und stellt im Gegenzug die Realität jener für unser Selbstverständnis zentralen Eigenschaften in Frage. Die Folgen können dramatisch sein: Der Hirnforscher Wolf Singer etwa prognostiziert einen »Frontalangriff auf unser Selbstverständnis und unsere Menschenwürde« mit weitreichenden Konsequenzen zum Beispiel für unser Rechtssystem, aber auch für den alltäglichen Umgang miteinander.
Singers Zitat lässt erkennen, dass nicht nur die Verteidiger traditionalistischer Vorstellungen von der Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Menschenbild überzeugt sind: Auch die – eher aus den Naturwissenschaften stammenden Skeptiker – glauben an diesen Gegensatz. Uneins sind sich Verteidiger und Skeptiker in einem anderen Punkt: Während die Verteidiger traditionalistischer Auffassungen der Ansicht sind, dass die Wissenschaften früher oder später an eine Grenze stoßen werden, die den Angriff auf unser Menschenbild stoppen wird, gehen die naturwissenschaftlichen Skeptiker von dem Erfolg ihres Programms und damit von einer unvermeidlichen Revision unseres Menschenbildes aus.

Eine Geschichte der Kränkungen?
Die neurowissenschaftliche Forschung unserer Tage würde sich damit lückenlos einer Entwicklung einfügen, die bereits vor mehr als einem Jahrhundert von Friedrich Nietzsche beobachtet worden ist:
»Ach, der Glaube an seine [des Menschen; M. P.] Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangabfolge der Wesen ist dahin – er ist Thier geworden, Thier, ohne Gleichniss, Abzug und Vorbehalt. … Seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene gerathen – er rollt immer schneller nunmehr aus dem Mittelpunkte weg – wohin? in’s Nichts? … alle Wissenschaft, … ist heute darauf aus, dem Menschen seine bisherige Achtung vor sich auszureden, wie als ob dieselbe nichts als ein bizarrer Eigendünkel gewesen sei.«
Nietzsche artikuliert eine bis heute sehr weit verbreitete Vorstellung, die immer wieder in den unterschiedlichsten Variationen wiederholt worden ist. Ihr zufolge führt die Entwicklung der Wissenschaften spätestens seit dem Zerbrechen des Ptolemäischen Weltbildes zu einer fortwährenden Degradierung des Menschen. Sigmund Freud wird wenig später von einer Geschichte der »Kränkungen« des menschlichen Narzissmus durch Kopernikus, Darwin und insbesondere durch seine, Freuds eigene Theorie sprechen.
Träfen diese Vorstellungen zu, dann wären wir längst in dem von Nietzsche prognostizierten »Nichts« angekommen und die immensen Fortschritte, die gerade die Wissenschaften vom Menschen seither erzielt haben, hätten uns jegliche Achtung vor uns selbst ausgetrieben. Genau dies ist jedoch nicht der Fall: Die Kopernikanische Kränkung ist ein reiner Mythos, und auch von einer Kränkung durch Darwin und die moderne Biologie kann keine Rede sein. In Wirklichkeit hat sich unser Menschenbild in seinen Grundzügen als erstaunlich stabil erwiesen, ja es sieht so aus, als hätte sich das Bewusstsein der besonderen menschlichen Würde seit Nietzsche trotz aller Rückschläge eher noch verstärkt. In jedem Falle haben wir uns zumindest soviel Achtung und Würde bewahrt, dass die Prognose ihres Verlusts bis heute für erregte Diskussionen sorgen kann.
Tatsächlich, so lautet die zentrale These dieses Buches, beruht die Vorstellung eines Dilemmas von Naturalismus und Menschenbild auf einem prinzipiellen Missverständnis, ich werde im Folgenden von einem »naturalistischen Missverständnis« sprechen. Es gibt also keinen prinzipiellen Konflikt zwischen Naturalismus und Menschenbild – ganz im Gegenteil: Weit entfernt davon, die zentralen menschlichen Fähigkeiten in Frage zu stellen, erklärt der Naturalismus nur, wie sie zustande kommen. Die Entdeckung der Natur des Geistes verschafft uns die Aussicht auf ein besseres Verständnis der für uns zentralen Fähigkeiten. Das bedeutet auch, dass der Unterschied zwischen dem Menschen und der außermenschlichen Natur durch eine wissenschaftliche Erklärung nicht etwa nivelliert wird, vielmehr helfen uns die Wissenschaften, diesen Unterschied besser zu erfassen.

Ein historisches Argument
Stützen kann sich diese Behauptung zunächst einmal auf historische Beobachtungen. Bis weit ins 19. Jahrhundert gelten naturalistische Erklärungen wichtiger menschlicher Fähigkeiten als ausgeschlossen; stattdessen beruft man sich auf übernatürliche Ursprünge. Das Leben verdankte sich einer speziellen Lebenskraft, der höhere Rang des Menschen gegenüber dem Tier wurde darauf zurückgeführt, dass der Mensch in einem eigenen Akt von Gott geschaffen worden sei, und die geistigen Fähigkeiten des Menschen wurden als das Produkt einer immateriellen Seelensubstanz betrachtet.
Die Fortschritte in Biologie und Hirnforschung führen dazu, dass praktisch alle diese Auffassungen innerhalb des 19. Jahrhunderts aufgegeben werden müssen. Hätte Nietzsche Recht, dann hätte es damit auch zu einer fundamentalen Revision des Menschenbildes und zu einer Degradierung des Menschen kommen müssen. Genau dies ist jedoch ganz offensichtlich nicht geschehen: Unser Menschenbild hat sich gegenüber dem des frühen 19. Jahrhunderts nicht grundlegend geändert, und wenn es sich geändert hat, dann ist es allenfalls anspruchsvoller geworden. In jedem Falle aber halten wir fest an den prinzipiellen Unterschieden zwischen Steinen, Tieren und Menschen. Was sich...

Auszug aus Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. von Michael Pauen. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Neurowissenschaften und Selbstverständnis
Kaum eine andere Wissenschaft hat in den letzten Jahren soviel öffentliche Aufmerksamkeit erregt wie die Hirnforschung, und es spricht alles dafür, dass dies auch in den kommenden Jahren nicht viel anders sein wird. Der Grund liegt auf der Hand: Die Hirnforschung befasst sich mit den natürlichen Grundlagen derjenigen Fähigkeiten, die uns als Menschen auszeichnen. Ihre Erkenntnisse haben daher einen wesentlich engeren Bezug zu unserem Selbstverständnis als die der klassischen Naturwissenschaften. Es mag sogar so aussehen, als würde die Entdeckung der Natur des Geistes uns erstmals eine wissenschaftliche Antwort auf eine unserer ältesten Fragen liefern: Was ist der Mensch?
Diese Aussicht erweckt Interesse, aber sie ruft auch Ängste wach: Wird eine wissenschaftliche, gar eine naturwissenschaftliche Antwort auf diese Frage nicht zu einer Degradierung des Menschen führen? Müssen wir nicht erwarten, dass damit unser tradiertes Selbstverständnis tiefgreifend revidiert werden muss?
Der Grund für diese Ängste liegt offenbar in einem prinzipiellen Konflikt: Während wir nämlich auf der einen Seite davon ausgehen, dass es in unserer Welt mit rechten naturwissenschaftlichen Dingen zugeht, neigen wir andererseits zu der Vorstellung, dass uns zentrale menschliche Fähigkeiten wie Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Willensfreiheit autonom auch gegenüber der Natur machen: Wie kann man noch von Bewusstsein sprechen, wenn die Naturwissenschaft in unserem Gehirn nur die Aktivitäten einfacher Nervenzellen findet? Wie kann man an der Existenz eines Ich festhalten, wenn weder die Psychologie noch die Neurowissenschaft irgendeinen Beleg für ein solches Ich finden? Schließlich: Welchen Ort soll die Willensfreiheit in einer Welt haben, die vollständig von Naturgesetzen determiniert wird?
Abgesehen davon scheinen es die spezifische Würde des Menschen und seine besonderen Fähigkeiten gar nicht zuzulassen, dass bei ihm eben die Mechanismen wirksam sind, die die nichtmenschliche, ja die unbelebte Natur beherrschen. Das aber würde bedeuten, dass im Gehirn Dinge passieren müssten, die einer wissenschaftlichen Erklärung prinzipiell entzogen sind.
Offenbar geraten wir hier in ein grundlegendes Dilemma von Naturalismus und Menschenbild: Entweder man gibt wichtige Teile unserer wissenschaftlichen Erklärungsansprüche auf und akzeptiert, dass es prinzipiell nicht möglich ist, die natürlichen Grundlagen einiger für unser Selbstverständnis zentraler menschlicher Eigenschaften zu verstehen, oder man hält an den wissenschaftlichen Erklärungs- und Verständnisansprüchen fest und stellt im Gegenzug die Realität jener für unser Selbstverständnis zentralen Eigenschaften in Frage. Die Folgen können dramatisch sein: Der Hirnforscher Wolf Singer etwa prognostiziert einen »Frontalangriff auf unser Selbstverständnis und unsere Menschenwürde« mit weitreichenden Konsequenzen zum Beispiel für unser Rechtssystem, aber auch für den alltäglichen Umgang miteinander.
Singers Zitat lässt erkennen, dass nicht nur die Verteidiger traditionalistischer Vorstellungen von der Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Menschenbild überzeugt sind: Auch die - eher aus den Naturwissenschaften stammenden Skeptiker - glauben an diesen Gegensatz. Uneins sind sich Verteidiger und Skeptiker in einem anderen Punkt: Während die Verteidiger traditionalistischer Auffassungen der Ansicht sind, dass die Wissenschaften früher oder später an eine Grenze stoßen werden, die den Angriff auf unser Menschenbild stoppen wird, gehen die naturwissenschaftlichen Skeptiker von dem Erfolg ihres Programms und damit von einer unvermeidlichen Revision unseres Menschenbildes aus.

Eine Geschichte der Kränkungen?
Die neurowissenschaftliche Forschung unserer Tage würde sich damit lückenlos einer Entwicklung einfügen, die bereits vor mehr als einem Jahrhundert von Friedrich Nietzsche beobachtet worden ist:
»Ach, der Glaube an seine [des Menschen; M. P.] Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangabfolge der Wesen ist dahin - er ist Thier geworden, Thier, ohne Gleichniss, Abzug und Vorbehalt. ... Seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene gerathen - er rollt immer schneller nunmehr aus dem Mittelpunkte weg - wohin? in's Nichts? ... alle Wissenschaft, ... ist heute darauf aus, dem Menschen seine bisherige Achtung vor sich auszureden, wie als ob dieselbe nichts als ein bizarrer Eigendünkel gewesen sei.«
Nietzsche artikuliert eine bis heute sehr weit verbreitete Vorstellung, die immer wieder in den unterschiedlichsten Variationen wiederholt worden ist. Ihr zufolge führt die Entwicklung der Wissenschaften spätestens seit dem Zerbrechen des Ptolemäischen Weltbildes zu einer fortwährenden Degradierung des Menschen. Sigmund Freud wird wenig später von einer Geschichte der »Kränkungen« des menschlichen Narzissmus durch Kopernikus, Darwin und insbesondere durch seine, Freuds eigene Theorie sprechen.
Träfen diese Vorstellungen zu, dann wären wir längst in dem von Nietzsche prognostizierten »Nichts« angekommen und die immensen Fortschritte, die gerade die Wissenschaften vom Menschen seither erzielt haben, hätten uns jegliche Achtung vor uns selbst ausgetrieben. Genau dies ist jedoch nicht der Fall: Die Kopernikanische Kränkung ist ein reiner Mythos, und auch von einer Kränkung durch Darwin und die moderne Biologie kann keine Rede sein. In Wirklichkeit hat sich unser Menschenbild in seinen Grundzügen als erstaunlich stabil erwiesen, ja es sieht so aus, als hätte sich das Bewusstsein der besonderen menschlichen Würde seit Nietzsche trotz aller Rückschläge eher noch verstärkt. In jedem Falle haben wir uns zumindest soviel Achtung und Würde bewahrt, dass die Prognose ihres Verlusts bis heute für erregte Diskussionen sorgen kann.
Tatsächlich, so lautet die zentrale These dieses Buches, beruht die Vorstellung eines Dilemmas von Naturalismus und Menschenbild auf einem prinzipiellen Missverständnis, ich werde im Folgenden von einem »naturalistischen Missverständnis« sprechen. Es gibt also keinen prinzipiellen Konflikt zwischen Naturalismus und Menschenbild - ganz im Gegenteil: Weit entfernt davon, die zentralen menschlichen Fähigkeiten in Frage zu stellen, erklärt der Naturalismus nur, wie sie zustande kommen. Die Entdeckung der Natur des Geistes verschafft uns die Aussicht auf ein besseres Verständnis der für uns zentralen Fähigkeiten. Das bedeutet auch, dass der Unterschied zwischen dem Menschen und der außermenschlichen Natur durch eine wissenschaftliche Erklärung nicht etwa nivelliert wird, vielmehr helfen uns die Wissenschaften, diesen Unterschied besser zu erfassen.

Ein historisches Argument
Stützen kann sich diese Behauptung zunächst einmal auf historische Beobachtungen. Bis weit ins 19. Jahrhundert gelten naturalistische Erklärungen wichtiger menschlicher Fähigkeiten als ausgeschlossen; stattdessen beruft man sich auf übernatürliche Ursprünge. Das Leben verdankte sich einer speziellen Lebenskraft, der höhere Rang des Menschen gegenüber dem Tier wurde darauf zurückgeführt, dass der Mensch in einem eigenen Akt von Gott geschaffen worden sei, und die geistigen Fähigkeiten des Menschen wurden als das Produkt einer immateriellen Seelensubstanz betrachtet.
Die Fortschritte in Biologie und Hirnforschung führen dazu, dass praktisch alle diese Auffassungen innerhalb des 19. Jahrhunderts aufgegeben werden müssen. Hätte Nietzsche Recht, dann hätte es damit auch zu einer fundamentalen Revision des Menschenbildes und zu einer Degradierung des Menschen kommen müssen. Genau dies ist jedoch ganz offensichtlich nicht geschehen: Unser Menschenbild hat sich gegenüber dem des frühen 19. Jahrhunderts nicht grundlegend geändert, und wenn es sich geändert hat, dann ist es allenfalls anspruchsvoller geworden. In jedem Falle aber halten wir fest an den prinzipiellen Unterschieden zwischen Steinen, Tieren und Menschen. Was sich verändert hat, sind nicht die Unterscheidungen selbst, sondern die Erklärungen für diese Unterschiede: Wir bemühen keine übernatürlichen Ursprünge mehr, sondern beziehen uns auf wissenschaftliche Theorien über die zugrundeliegenden natürlichen Prozesse, die uns im Allgemeinen zu einem besseren Verständnis der fraglichen Fähigkeiten führen.
Im Grunde ist dies nicht weiter verwunderlich: Wie hätten sich die Theorien von Biologie und Hirnforschung etablieren sollen, wenn sie keine angemessenen Erklärungen für die zentralen menschlichen Fähigkeiten geliefert hätten? Solche Erklärungen treten zwar an die Stelle der tradierten Berufung auf übernatürliche Ursprünge, doch die Existenz der zu erklärenden Fähigkeiten dürften sie kaum in Frage stellen: Eine Theorie, die die Existenz des Lebens abstreitet, hätte sich schwerlich als Erklärung für die vitalen Fähigkeiten von Organismen etablieren können.
Mehr noch. Offenbar sind biologische Erklärungen der Unterschiede zwischen Lebewesen und unbelebten Objekten in der Regel informativer als etwa der Verweis auf die Lebenskraft ; ähnliches gilt für die Seele oder einen göttlichen Schöpfungsakt. Solche übernatürlichen Merkmale liefern nur auf den ersten Blick klare Unterscheidungskriterien, tatsächlich ist ihr Erklärungswert denkbar gering.
Wenn die Naturwissenschaften uns also zu einem besseren Verständnis der relevanten Unterschiede führen, dann entfällt der Grund für die Annahme, diese Wissenschaften stünden in einem prinzipiellen Konfliktverhältnis zu unserem Menschenbild. Damit klärt sich das naturalistische Missverständnis: Die Annahme eines prinzipiellen Gegensatzes von Naturalismus und Menschenbild ist einfach falsch.
Die bisherige Geistes- und Wissenschaftsgeschichte bietet also offenbar keinen ernsthaften Ansatz für die Annahme einer prinzipiellen Unvereinbarkeit von Naturalismus und Menschenbild. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte zeigt aber, wie der Eindruck einer solchen Unvereinbarkeit und damit das naturalistische Missverständnis zustande kommen kann: Solange angemessene naturalistische Theorien über die Grundlagen zentraler menschlicher Fähigkeiten nicht nur faktisch fehlen, sondern außerhalb des Vorstellungsbereiches liegen, muss der Rückgriff auf übernatürliche Erklärungen einfach sehr naheliegend erscheinen. Dann aber weckt der Naturalismus, der solche übernatürlichen Erklärungen bestreitet, fast zwangsläufig den Verdacht, er negiere auch die Existenz dieser Fähigkeiten. So muss man den Eindruck haben, dass La Mettrie mit seiner These vom Menschen als einer Maschine die geistigen Fähigkeiten in Frage stelle, die die Theoretiker des 17. und 18. Jahrhundert auf eine immaterielle Seele zurückgeführt hatten: Maschinen verfügen nun einmal nicht über geistige Fähigkeiten.
Entscheidend ist, dass sich die Grenzen naturalistischer Erklärungen innerhalb der Wissenschaftsgeschichte verschieben. Der wissenschaftliche Fortschritt führt immer wieder zur Entwicklung von Erklärungsansätzen, die wenige Generationen zuvor nicht vorstellbar waren. Sobald angemessene naturalistische Theorien für bestimmte Fähigkeiten verfügbar werden, löst sich der Gegensatz von Naturalismus und Menschenbild zumindest für diese Fähigkeiten auf - meist allerdings nur, um an einer anderen Stelle wieder aufzutauchen.

Ein systematisches Argument
Natürlich lassen sich die historischen Beobachtungen nicht ohne weiteres auf die Gegenwart übertragen: Wir können nicht davon ausgehen, dass sich die Grenzen auch weiterhin immer weiter verschieben und das naturalistische Missverständnis sich auch in Zukunft immer wieder auflösen wird. Es mag sein, dass einige der für uns zentralen geistigen und volitionalen, also willensbezogenen Eigenschaften prinzipiell nicht auf natürliche Prozesse zurückzuführen sind, und zwar ganz unabhängig von allen historisch bedingten Einschränkungen unseres Vorstellungsvermögens.
Ausräumen lässt sich das Missverständnis nur durch eine systematische Auseinandersetzung, die zeigt, dass solche prinzipiellen Schwierigkeiten nicht existieren. Wohlgemerkt: Auch dies bedeutet nicht, dass das naturalistische Projekt erfolgreich sein wird; es heißt nur, dass es keine prinzipiellen Gründe gibt, die einen solchen Erfolg ausschließen. Im Folgenden möchte ich die Kernpunkte eines solchen systematischen Argumentes am Beispiel der

Willensfreiheit kurz skizzieren.
Das Problem der Willensfreiheit bildet zweifellos einen der Schwerpunkte der Diskussion über die Grenzen des Naturalismus. Vertreter traditionalistischer Auffassungen gehen ebenso wie viele Neurobiologen davon aus, dass nur solche Handlungen frei sind, die nicht durch Naturgesetze und natürliche Prozesse determiniert sind. Ein Zurückführen freier Handlungen auf natürliche Prozesse scheidet für sie aus. Wenn sich unsere Handlungen beziehungsweise die ihnen zugrunde liegenden neuronalen Prozesse naturalistisch erklären lassen, sind wir nicht frei, sind wir dagegen frei, gibt es keine umfassenden naturalistischen Erklärungen. So behauptet der Kognitionsforscher Wolfgang Prinz, dass die »Idee eines freien menschlichen Willens ... mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren« sei.
Zur Diskussion stehen hier die Maßstäbe, die man sinnvollerweise auf freie Handlungen anwenden kann. Die von Prinz und vielen anderen vertretene Position unterstellt die Unvereinbarkeit von Freiheit und Determination, doch diese Unterstellung wird sich als unzutreffend herausstellen. Freiheit lässt sich am besten als Selbstbestimmung verstehen, und Selbstbestimmung wird durch Determination nicht eingeschränkt. Eine Aufhebung der Determination führt immer nur zu einer Zunahme von Zufall und damit zur Abnahme der Selbstbestimmung: Wenn eine Handlung nicht determiniert ist, dann kann sie auch nicht durch den Handelnden determiniert sein. Je geringer das Maß an Determination, desto höher das Maß an Zufall und desto geringer der Einfluss des Handelnden. Der Gegensatz von Freiheit und Determination löst sich damit auf: Es kommt nicht darauf an, ob eine Handlung determiniert ist, entscheidend ist vielmehr, wie sie determiniert ist. Ist sie durch den Handelnden selbst bestimmt, dann ist sie selbstbestimmt und damit frei.
Der Konflikt von Naturalismus und Menschenbild entfällt auch an dieser Stelle. Ähnliches, so werde ich in diesem Buch zeigen, gilt für die beiden anderen Brennpunkte der gegenwärtigen Debatte: Zum einen geht es dabei um das Problem des Bewusstseins, insbesondere des sogenannten phänomenalen Bewusstseins. Es wird sich herausstellen, dass es die oftmals behauptete prinzipielle Kluft zwischen den qualitativen Eigenschaften von Gefühlen oder Farbempfindungen einerseits und unseren neurobiologischen Erklärungen andererseits nicht gibt. Zum zweiten geht es um das Problem von Selbst und Selbstbewusstsein: Irren wir uns nicht ganz gewaltig, wenn wir uns ein »Ich« zuschreiben? Die Antwort lautet: Wir irren uns nicht! Tatsächlich können wir den Fortschritt naturalistischer Erklärungen auch in diesen Fällen beruhigt abwarten, ohne eine fundamentale Revision unseres Menschenbildes befürchten zu müssen.

Praktische Folgen
Will man die Konsequenzen der Neurowissenschaften für unser Selbstverständnis beurteilen, dann muss man auch die praktischen Folgen berücksichtigen.
Praktische Konsequenzen ergeben sich insbesondere aus Anwendungen der neurowissenschaftlichen Forschung in der Medizin, der Pharmakologie und der Neuroprothetik. Schon heute sind Neuroimplantate und Neuroprothesen verfügbar, die den Ausfall bestimmter Hirnaktivitäten kompensieren können. Neben technischen Weiterentwicklungen auf diesen Gebieten ist auch zu erwarten, dass mit steigenden Kenntnissen über neurochemische Zusammenhänge auch wirksamere Psychopharmaka verfügbar werden. Probleme resultieren vor allem aus der Verwendung dieser Präparate durch Gesunde: Medikamente, die zur Bekämpfung von kognitiven Defiziten entwickelt wurden, können nämlich von gesunden Personen zur Steigerung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit verwendet werden. Dies geschieht in größerem Ausmaße heute bereits mit Ritalin, einem Medikament, das vor allem zur Bekämpfung der Hyperaktivität von Kindern eingesetzt wird.
Ich werde einige Vorschläge machen, um einen akzeptablen Gebrauch solcher Hilfsmittel und Medikamente von Formen des Missbrauchs abzugrenzen. Eine zentrale Rolle wird dabei der Begriff der Person spielen.
Auch diese weitreichenden praktischen Konsequenzen zeigen noch einmal, dass wir es bei den Fortschritten der Hirnforschung mit einem substantiellen Umbruch zu tun haben - ähnlich wie er sich mit der Entwicklung der Biologie im 19. Jahrhundert vollzogen hat.
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass solche Umbrüche Befürchtungen auslösen und dass die Protagonisten der Veränderungen mit weitreichenden und zum Teil spektakulären Prognosen auftreten. Die Ankündigung der Befreiung von langgehegten Illusionen, aber auch die Rede von tiefgreifenden Kränkungen, die der bislang in seinen selbstverliebten Illusionen befangene Mensch von den Wissenschaften zu erwarten hat, gehören seit einem Jahrhundert zur Rhetorik der Auseinandersetzungen, die solche Umbrüche begleiten.
Tatsächlich hat es solche grundlegenden Kränkungen in der Vergangenheit nicht gegeben, und nichts spricht dafür, dass wir uns in Zukunft auf sie einstellen müssen: Der behauptete Gegensatz von Naturalismus und Menschenbild existiert einfach nicht. Natürlich werden wir unsere Vorstellungen von uns selbst in einigen Punkten korrigieren und verändern müssen. Insgesamt ist jedoch zu erwarten, dass wir Zug um Zug besser verstehen werden, welche Motive uns antreiben, welche Mechanismen unserem Selbstbewusstsein zugrunde liegen und wie sich bewusste von unbewussten Prozessen unterscheiden. Möglich ist ein solches Verständnis nur, wenn wir ein gemeinsames Bezugssystem haben, in das wir die für den Menschen charakteristischen Fähigkeiten ebenso einordnen können wie alle anderen Naturphänomene. Die Unterschiede werden dadurch nicht aufgehoben - ganz im Gegenteil: Unterschiede können erst in einer verständlichen Weise expliziert werden, wenn wir über ein solches gemeinsames Bezugssystem verfügen.
Die endgültige Antwort auf die Frage, was der Mensch ist, wird also noch weiter auf sich warten lassen. Besonders beunruhigend ist dies nicht, weil wenig dafür spricht, dass unsere bisherigen Vorstellungen von uns selbst irgendwann einmal fundamental revidiert werden müssten. Das liegt auch daran, dass diese Vorstellungen nicht einfach eine schöne Erfindung sind, sondern das härteste Experiment über sich ergehen lassen mussten, das man sich denken kann: unser alltägliches Handeln. Wäre unser Menschenbild wirklich so verfehlt wie oft behauptet, dann müssten wir immer wieder scheitern, wenn wir uns und unsere Mitmenschen als verantwortungsfähige, bewusste und selbstbewusste Subjekte behandeln. Dies ist jedoch nicht der Fall. Im Allgemeinen bewähren sich diese Annahmen erstaunlich gut, ja, es sieht so aus, als hätten sie in den letzten Jahren sogar noch weiter an Bedeutung gewonnen.

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