In keiner anderen Disziplin wird derzeit heftiger am Selbstverständnis des Menschen gerüttelt als in der Hirnforschung. Warum ist das so? Liegt es daran, dass das Objekt der Hirnforschung identisch ist mit dem Subjekt? Einerseits glauben wir, dass es in unserer Welt naturwissenschaftlich zugeht, andererseits neigen wir zu der Vorstellung, dass uns zentrale Fähigkeiten wie Bewusstsein und Willensfreiheit auch gegenüber der Natur autonom machen.
Im ersten Teil des aus zwei Hauptteilen bestehenden Buches erläutert Michael Pauen den Begriff Naturalismus und bezeichnet den Konflikt zwischen Naturalismus und Menschenbild als ein Missverständnis. Menschliche Fähigkeiten werden naturalisiert aber nicht abgewertet. Die Grenze des Erklärbaren verschiebt sich. Das galt in der Vergangenheit so und es wäre naiv, dies für die Zukunft ausschließen zu wollen.
Im zweiten Teil des Buches geht es um systematische Argumente für eine Auflösung des Konfliktes zwischen Naturalismus und Menschenbild. Hier fließen insbesondere die Ergebnisse neurowissenschaftlicher Forschungen ein. Autor Pauen insistiert, dass auch die moderne Hirnforschung, die sich mit dem phänomenalen Bewusstsein, mit dem Selbstbewusstsein und mit der Willensfreiheit beschäftigt, nichts am Menschenbild ändern wird.
Was ist Bewusstsein? Es gibt in dieser Welt nichts Vergleichbares. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass psychische Prozesse faktisch physische Prozesse sind, heißt das nicht, dass wir auch erklären können, wie psychische Prozesse auf der Basis physischer Vorgänge entstehen. Auch wenn das Gehirn vollständig enträtselt ist, fehlt noch immer eine Erklärung dafür, dass sich zum Beispiel Schmerzen so anfühlen, wie sie es nun mal tun. Hinzu kommt, dass wir uns eine Erklärung von Bewusstsein einfach nicht vorstellen können. Bewusstsein ist keine Substanz, sondern lässt sich am ehesten als ein Aktivitätszustand interpretieren.
Selbst wenn es für Bewusstsein eine Erklärung gäbe, wäre damit nicht das Ich erklärt. Oder ist das Ich nur eine Fiktion? Wessen Fiktion? So spricht Thomas Metzinger von einer unhintergehbaren Ich-Illusion, die im Grunde keine ist, weil sie niemandes Illusion ist. Hier spitzt sich die Diskussion zu. Kann man das Ich negieren, nur weil es unvereinbar scheint mit einem naturalistischen Forschungsprogramm?
Auf vierzig Seiten erläutert Michael Pauen seine Thesen zur Willensfreiheit. Er begründet ausführlich, warum sich Freiheit und Determination einander nicht ausschließen. Damit rückt er ab von Thesen bekannter Hirnforscher. Pauen stützt sich auf das Autonomieprinzip und das Prinzip der Urheberschaft, denen man gerecht wird, wenn man unter Freiheit Selbstbestimmung versteht. Nach seiner Auffassung existieren auch (oder gerade) in einer determinierten Welt Handlungsalternativen. So wie es in der Naturwissenschaft Ursachen gibt, orientiert sich menschlichen Verhalten an Gründen. Damit beschreibt er einen Kategoriewechsel, der zu Ergebnissen führt, die dem menschlichen Erleben im Alltag gerecht werden. Freiheit im psychischen Sinne ist nicht gleichzusetzen mit Freiheit im physikalischen Sinne.
Die Frage, ob es jemals eine vollständige naturalistische Erklärung für menschliches Handeln geben wird, ist nicht zu beantworten. Pauen zeigt auf, dass naturalistische Erklärungen nicht am Menschenbild rütteln. Positiv ist anzumerken, dass er nicht polarisiert. Seine Ausführungen sind wohl strukturiert, klar und verständlich. Sie sind von der Vision getragen, dass eine Harmonisierung von Naturalismus und Menschenbild möglich ist.