Frode Grytten öffnet dem Leser in 25 Episoden einen flüchtigen Blick auf das Leben von Menschen, deren Schicksale, Leidenschaften und Träume nicht unterschiedlicher sein könnten. Wenige Sätze genügen dem Autor, um den Leser in die Geschichten hineinzuziehen. Beeindruckend, wie er seinen Figuren Leben einhaucht: nicht anhand ausufernder Beschreibungen, sondern aus ihren Handlungen und ihrem Gedankenfluß heraus. Mit einfacher Sprache schafft er eine dichte und authentische Atmosphäre, so als würde man in einen gut gemachten Kurzfilm einsteigen. Weiter beeindruckt mich die große Bandbreite unterschiedlicher Charaktere. Grytten kann sich anscheinend in jeden beliebigen Typus hineindenken, unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialer Stellung.
Der Verlag hat „Roman“ auf den Buchumschlag gedruckt... bitte verleidet Euch nicht das Lesevergnügen mit falschen Erwartungen. Denn die Episoden enwickeln keine zusammenhängende Erzählung. Einzige Gemeinsamkeit der Protagonisten: sie leben in der Arbeitersiedlung der norwegischen Kleinstadt Odda. Nur sehr selten kreuzen sich ihre Wege.
Auch der Titel „Was im Leben zählt“ kann irritieren. Zusammen mit den zärtlich schnackelnden Wellensittichen auf dem Cover mag der Eindruck entstehen, hier werde eine wohlig-heitere Geschichte mit melodramatischem Happy- End erzählt. Stattdessen gilt für die Episoden, was der Autor eine seiner Figuren sagen läßt: „Jetzt sind wir da, wo (..) alle Filme, Fortsetzungsromane und Popsongs aufhören und das wirkliche Leben beginnt.“
Das wirkliche Leben – bei Grytten häufig skurille Geschichten, die unvermutete, bisweilen tragische Wendungen nehmen. Und die Charaktäre sind entweder schräge Vögel oder Durchschnittsbürger in Krisen- und Umbruchsituationen. Tragik, (schwarzer) Humor und versöhnliche Elemente halten sich meist die Waage. Nur im letzten Drittel überwiegen dunkel getönte Episoden, bei denen mir der Plot ein kleines bißchen zu gewollt erscheint; die plötzlichen Wendungen ereignen sich etwas zu unvermittelt. Aber das sind Nuancen.
Auf die Frage „Was im Leben zählt“ liefert Grytten keine Allgemeingültigkeit beanspruchende Sinnstiftung. Was im Leben zählt, ist das Leben selbst - mit all seinen Höhen und Tiefen, mit seinem trivialen Alltag ebenso wie mit den kostbaren Momenten.
25 erzählerisch dichte Kleinode, die man am besten häppchenweise, nicht mehr als 3 bis 4 Episoden hintereinander, genießt.