Ich habe den Roman auf englisch unter dem Titel 'What was lost' gelesen.
Die Handlung spielt zum größten Teil in einem englischen Einkaufszentrum, nach Vorbild der riesigen amerikanischen Shopping Malls.
Kate ist ein kleines einsames Mädchen, dessen Vater durch einen Schlaganfall gestorben ist und das bei seiner Großmutter aufwächst. Kate spielt gerne Detektivin. Sie streicht den ganzen Tag durch das Einkaufszentrum und beobachtet Leute, macht sich Notizen in ihr Detektivbuch, und zieht ihre Schlüsse. Sie ist in der Lage, sich den ganzen Tag in diesem Zentrum zu beschäftigen, ihr wird es nie langweilig. Ihr Partner ist ein kleiner Stoffaffe.
Dann jedoch ist Kate plötzlich verschwunden.
Dieser Part der Handlung, der ein bißchen traurig und ein bißchen lustig ist, und der einem ein einsames, aber kreatives und sehr bezauberndes Kind nahe bringt, spielt 1984.
Dann macht die Handlung einen Sprung ins Jahr 2003.
Wir sehen Kurt, der ein Security Gard im Einkaufszentrum ist und Lisa, die in einem Plattenladen arbeitet. Lisa lebt mit Ed zusammen, den sie nicht liebt, und hasst ihren Job.
Kurt hat vor ein paar Jahren seine Freundin durch einen Autounfall verloren und hasst es ebenfalls, im Shopping Zentrum zu arbeiten.
Es wird eindrücklich beschrieben, wie diese Zentren fast ausschließlich auf Kundenbedürfnisse abgestimmt werden, wie die Angestellten ausgebeutet und vernachlässigt werden.
Dann sieht Kurt auf einem der Überwachungsbildschirme plötzlich ein kleines Mädchen mit einem Stoffaffen, und Lisa findet hinter einem der Rohre in den Angestellten-Gängen diesen Affen.
Beide haben vor zwanzig Jahren, als sie selbst noch Kinder waren, von Kates Verschwinden gehört. Sie machen sich gemeinsam auf die Suche. Obwohl Kate in diesem Teil der Handlung nicht mehr persönlich vorkommt, ist sie unglaublich präsent.
In diesem Buch sieht man sehr schön, wie einfallsreich, kreativ und neugierig auf das Leben Kinder noch sind, und wie abgestumpft, frustriert, desillusioniert Erwachsene sein können.
Alle drei, Kate, Kurt und Lisa, befinden sich im selben Einkaufszentrum, aber während für Kate eine interessante Beobachtung die nächste jagt, schleppen Kurt und Lisa sich durchs Zentrum und ihren Job wie Verhungerte. Wo ist ihr früheres Ich geblieben, fragen sie sich manchmal? Sind sie nicht ebenso verloren gegangen wie Kate damals? Vielleicht sogar noch mehr?
Obwohl das Buch sich gegen Ende fast zu einer Krimihandlung entwickelt und auch formal so aufgebaut ist, ist es doch kein Krimi, oder zumindest liegt der Focus nicht darauf.
Es geht um Lebensentwürfe und Lebenslügen, um Verzweiflung und Hoffnung, und darum, dass man als Kind noch so viele Träume hat, sich aber später einfach mit seinem Leben arrangiert, und das hinnimmt, was einem vorgesetzt wird.
Ich fand das Buch großartig. Sprachlich und auch von der vermittelten Atmosphäre her. Es hat manchmal einen sehr traurigen Unterton, endet aber hoffnungsvoll.
Irgendein Rezensent schreibt auf dieser Seite, dass die Handlung so lasch sei, dass keine Spannung aufkomme. Die Kritik ist nicht nachvollziehbar. Das Buch ist hochspannend. Es geht nicht nur um die Frage, was mit Kate geschah, sondern besonders und vor allen Dingen um das Verlorengehen im eigenen Leben.