Ein Aufreger - ich kann mir nicht erklären, wie man für solch einen Text auch noch einen Literaturpreis bekommen kann. Die Geschichte (wenn man das denn überhaupt so nennen darf, denn der Plot ist sehr dürftig) spielt in den späten 70er Jahren. Ein deutlich vergreister alter Mann, der während des Zweiten Weltkriegs offenbar als Wachmann unterwegs war, zieht in ein ziemlich verwahrlostes Haus, das er von einem Unbekannten geerbt hat. Er vertreibt sich die Zeit damit, seine Nachbarn zu beobachten und verständnislos deren Leben und Händel zu überdenken, bis er eines Tages im Keller des Hauses einen Mann entdeckt, den er nach wenig Recherche für einen gesuchten Terroristen hält. Er vermutet, daß einige der übrigen Hausbewohner den Fremden im Keller töten wollen oder das bereits getan haben - zeitlich ist die Abfolge nicht ganz klar, weil der Protagonist geistig nicht mehr ganz beisammen ist, Erinnerungslücken und generell Schwierigkeiten mit seiner Zeiteinteilung hat. Immer wieder scheinen bruchstückhaft Bilder aus seiner Vergangenheit auf, die den Leser darauf schließen lassen, daß er als Soldat und Lageraufseher tätig war.
Im Text ist lapidar die Rede von einem Durchgangslager im Osten, in den Erinnerungsfetzen tauchen jedoch Szenen beiläufiger Vernichtung auf: Gefangene, die im Winter in selbstgegrabenen Erdlöchern hausen müssen; Menschen, die so hungrig sind, daß sie verfaulende Pferdekadaver und Baumrinde essen.
All diese Schnappschüsse aus der Vergangenheit und einer hoffnungslosen, umweltverseuchten Gegenwart setzen sich am Ende zusammen zu einem Schuldeingeständnis. Der Alte geht in den Keller, um nach der möglichen Leiche zu suchen, stürzt dort beim Durchsuchen von Erinnerungsstücken und wird sich plötzlich bewußt, daß er schuldig ist, schuldig, schuldig, schuldig.
Das klingt mir nicht nach dem authentischen Bild eines Weltkriegsteilnehmers, sondern nach der zusammengestückelten Weisheit einer Bundesbürgerin, die nicht weiß, wovon sie redet und ihren literarischen Phantasien, wie man einen bösen Nazi zur Selbsterkenntnis bringen kann, freien Lauf läßt. Es ist schmalzig. Es fühlt sich unecht an. Nirgendwo besteht eine nachvollziehbare Motivation, es gibt keine Charakterentwicklung - ja, nicht einmal einen eindeutigen Charakter. Nur einen alten Mann, der sich selbst einnäßt, der in einem verseuchten Park spazierengeht und von seinen Opfern träumt, von denen nicht ganz klar ist, ob und inwiefern sie denn wirklich seine Opfer gewesen sein sollen. Definitiv nicht preiswürdig und definitiv nichts, was man gelesen haben muß.