Mich hat das Buch von Michael Winterhoff nachhaltig beeindruck, das Lesen fällt leicht und der Autor spricht einem auf (fast)jeder Seite aus dem Herzen! Die Analyse, dass die zu früh praktizierte Partnerschaftlichkeit in der Kindererziehung zum Verlust der für Kinder so wichtigen Hierachie, Orientierung und Autorität führt, hat mich zu einem Überdenken meiner bisherigen Sichtweise Kindern gegenüber geführt. Dass unsere Kinder letztendlich Symptomträger unserer kranken Wohlstandsgesellschaft sind, wird einem schmerzhaft vor Augen geführt, ebenso der Appell, dass die Verantwortung und die Macht, die Kinder aus ihrer Misere zu befreien, alleine bei den Erwachsenen liegt. Das Buch ist ein gutes und wichtiges Buch genau zur richtigen Zeit!
Es besteht allerdings die Gefahr, seinen Inhalt falsch und einseitig auszulegen. Natürich ist es nicht im Sinne es Autors, in Zukunft wieder im autoritären Frontalunterrichtsstil zu unterrichten und seine Kindern im Befehlston zu unterweisen. Aber welche handfesten Handlungsvorschläge gibt Michael Winterhoff ganz konkret zum Umgang mit unseren Kindern? Gewiss, sein Buch will kein neuer Erziehungsratgeber sein, sondern will wachrütteln und bewusst machen. Dieses Anliegen wird brilliant erfüllt. Doch wie bewältige ich die von Winterhoff am Ende seines Buches geforderte Entwicklung neuer Strategien? Bei der Suche nach dem konkreten "Wie?" lande ich als Lehrerin und dreifache Mutter doch wieder bei Klassikern wie "Kinder fordern und heraus" von Dreikurs (meine persönliche "Erziehungs-Bibel") oder "Das kompetente Kind" oder "Die kompetente Familie" von Jesper Juul. Diese Autoren schreiben sich die Partnerschaft und die Anerkennung der Persönlichkeit der Kinder von Geburt an auf die Fahne und das zu Recht. Denn letztendlich ist es doch die sinnvolle Auslegung von Partnerschaft im Sinne von Gleichwürdigkeit, Achtung vor dem Kind, Respekt, Verantwortung und Aufrechterhaltung der Ordnung, die den Kindern von Beginn an Orientierung gibt. In diesen von Winterhoff so angeprangerten Büchern der "Modernen Pädgogik" geht es nicht um eine Partnerschaft, die den Kindern volle Befehlsgewalt und Entscheidungsfreiheit gibt. Ganz und gar nicht. Auch dort wird ohne wenn und aber gefordert, dass es die Erwachsenen sind, die sich abgrenzen müssen und Festigkeit in der eigenen Entscheidungen zeigen müssen, die handeln sollen ohne zu reden, zu erklären oder zu diskutieren, die ihre Macht anerkennen müssen und ihre Führungsrolle nicht scheuen dürfen. Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung und das gilt sowohl für die Erwachsenen wie für die Kinder.
Wir müssen nur wieder lernen, diese guten Erziehungsratgeber richtig zu verstehen und anzuwenden. Dann werden wir trotz oder gerade wegen partnerschaftlicher Erziehung die Probleme, die Winterhoff beschreibt, mit unseren Kindern nicht haben!
Für mich greift daher die Auslegung von partnerschaftlicher Erziehung, wie Winterhoff sie darlegt, zu kurz. Seine Betonung der so wichtigen Hierarchie kann ebenso falsch verstanden werden, wie Bücher der "Modernen Pädagogik" und zieht die Gefahr nach sich, in alte autokratische Muster zu verfallen. Und das produziert ebenso Tyrannen, wie die nur auf Verständnis ausgerichtete und als Entscheidungsfreiheit der Kinder missverstandene und zu früh praktizierte Partnerschaftlichkeit.
Der Autor betont zwar, dass er so nicht verstanden werden möchte. Durch das Fehlen echter Handlungsalternativen läuft Micheal Winterhoff aber Gefahr, dennoch missverstanden zu werden. Diese Erkenntnis verleiht dem Buch mit etwas Abstand betrachtet einen etwas faden Beigeschmack.
Als pädagogisch differenziert denkender Leser sollte man nach der Lektüre dieses guten Buchen achtsam seine Erziehungsstrategien überdenken, aber sich nicht voreilig von der Richtigkeit der "modernen", auf Partnerschaftlichkeit ausgelegten Pädagogik-Literatur verabschieden. Es ist eben alles eine Frage des Maßes!