....wurde doch herr bergmann als erziehungswissenschafter und kinderpsychologe hoch gelobt in vielen rezensionen und insbesondere als lohnenswerte gegensicht zu winterhoff gehandelt. so habe ich mir dieses buch zugelegt in der hoffnung auf fachlich fundierte gegenargumente gegen die von bergmann so betitelte "gehorsamspädagogik". hierin wurde ich weitestgehend enttäuscht, wobei das erste kapitel, in dem er sich mit der gehorsamspädagogik auseinander setzt, mir trotzdem noch am besten gefiel, weil es am handfestesten war. immerhin zitiert er andere autoren, wenn auch nicht die quellen direkt.
er plädiert in diesem kapitel im gegensatz zu winterhoff für einen liebevollen umgang mit kindern, nennt auch wichtige fakten (s.u.), die mühe der fundierung (forschungsergebnisse mit quellen) macht er sich aber ebenso wenig wie winterhoff, somit bleibt es vielmals bei behauptungen. auch wenn die meisten dinge, die er angibt, mir persönlich zusagen, ist das eben - wie bei winterhoff - nur eine subjektive meinung, wenn sie nicht belegbar ist. trotzdem möchte ich einige der sachverhalte erwähnen, die er angibt (spielen fördert intelligenz, kreativität, wut des kindes spiegeln als eigenen wert, ständiges "nein" nimmt den kindern die lust am entdecken und neugierig sein, gute selbstfürsorge wichtig für die eltern, körpersprache als wichtige informationsquelle für kinder, .....).
allerdings hat das buch für mich eine große schattenseite: das niveau schwankt in meinen augen eheblich, was mich zu der frage führte, was herr berghoff eigentlich ausbildungstechnisch ist: pädagoge, psychologe, therapeut mit welcher ausbildung?
es steht auf dem buchrücken "kinder - und familientherapeut", das ist aber kein geschützter begriff, so dass es keine rückschlüsse auf die absolvierte ausbildung zulässt. die frage bewegte mich zunehmend deshalb, weil ich verständnis für die sichtweise von herrn bergmann entwickeln wollte, das funktionierte aber nicht,da ich keinen roten faden fand:
- mal hatte ich das gefühl, einem prediger zu lauschen ("....das wir keinen einzigen Blick auf unser Kind richten. Ist sein Spiel nicht vielleicht auch kostbar?" s. 71)
- mal, dem gespräch zweier mütter / väter vor der schule zuzuhören ("an Schulen herrscht ein Rauchverbot....das versteht sich doch von selbst, das macht jeder Handwerksmeister, jeder Hausmeister, jeder Vater so. Wiese brauchen diese Lehrer dafür einen Coach?"S.33),
- mal hatte ich den eindruck, er sei pädagoge (situation im café, in der dem kind, welches einfach nur ein "nein" für ein stück kuchen hören müsste direkt eine lange lektion verpasst wird und ihm somit auf dauer vielleicht die lust auf café's vergeht),
- mal dachte ich an eine vergrätzte mutter, wenn er die mittel der emotionalen erpressung mit anschließendem kontaktabbruch huldigt (S. 89 "Ihr Sohn wirft ihnen wieder ein rüdes 'blöde Kuh' an den Kopf...Sie antworten nicht...Sie .....sagen ...:'Ich habe dich so lieb und so redest du mit mir!' Und dann wenden Sie sich ganz ruhig zur Seite und gehen weg. Keine Ermahnungen hinterher, keine Erklärung, nicht davon. Sie stehen einfach auf und verlassen den Raum").
ein ganz großes fragezeichen hatte ich dann im kapitel mit den "tricks", in dem er immer wieder "tricks" empfiehlt, um mit dem kind keinen streit zu bekommen. das fand ich nicht nur ärgerlich sondern zuweilen sehr manipulativ und in mir stieg die frage auf, was besser ist: eine gute oder eine böse hexe. die gute, die einen einwickelt, ohne dass man es merkt oder die böse, die einen richtig böse behandelt. zu einer entscheidung kam ich nicht, ich muss aber sagen, dass ich beim lesen dieses kapitels dachte, dass die winterhoff'sche offenheit (in meinem bild die "böse hexe") immerhin die chance beinhaltet, sich klar abzugrenzen.
dieses kapitel hat für mich die guten dinge aus den ersten kapiteln wirklich deutlich verblassen lassen. zum einen beschreibt er die (klein)- kindliche welt auf eine weise, die ich oft nicht nachvollziehen konnte (ein 2 jähriges kind soll stolz darauf sein, dass der vater die bedienung herbeischnipsen kann), zum anderen finde ich die dortigen tipps, auf die er sehr stolz zu sein scheint, eher bedenklich.
immer wieder rät er dazu, mit tricks situationen abzufedern, damit die kids nicht traurig / wütend werden (situation im supermarkt, in der die tochter, die joghurts möchte, mit heringsdosen abgelenkt wird S 153) und bleibt nebulös im trost ("Ach mein Kind, es ist aber auch so unendlich schwer, groß zu werden" ... meine meinung dazu: nein, es ist schwer zu erkennen, dass man nicht alles haben kann!). diese "trickserei" rechtfertigt er damit, dass auch wir erwachsenen uns kreativ durch's leben bewegen müssen. ich denke, dass er hier manipulation / vernebelung / verwirrung mit kreativität gleichsetzt. das sehe ich insbesondere im bezug auf kinder anders. kinder brauchen eben zuverlässige eltern und sollten keine sorge haben, gerade wieder "ausgetrickst" (man könnte es böse auch anders nennen) zu werden.
es bleibt für mich als fazit: auf weitere bücher bin ich im moment nicht neugierig, die guten passagen findet man fundierter und bei gleichbleibenderem niveau bei anderen autoren (juul, maaz, miller), der rest ist zu wenig mein geschmack.