Delius' " Warum ich schon immer recht hatte - und andere Irrtümer. Ein Leitfaden für deutsches Denken" ist vor allem aus drei Gründen lesenswert.
Erstens sind die alphabetisch geordneten Einträge - dies ist vielleicht die Hauptsache - gut geschrieben. Nicht nur der Titel, sondern auch die einzelnen Texte selbst verraten eine Mischung aus durchaus ernstem Engagement und ironischer distanzierter Beobachtung, die das Buch gut lesbar machen.
Zweitens vermittelt die Essaysammlung einen Einblick in die politischen Meinungen eines Autors, der in seinen Romanen immer wieder politische Themen aufgreift. In den im engeren Sinne literarischen Texten wird das Geschehen aber zumeist durch konstruierte Erzähler gebrochen darstellt und bewertet. Gerade wenn man zwischen Autor und Erzählerfigur klar unterscheiden möchte, provozieren die Texte natürlich immer die Frage, wie der Delius selbst zu diesen Fragen steht. Wer etwa "Mogadischu Fensterplatz" oder "Mein Jahr als Mörder" gelesen hat, wird wissen wollen, was der Autor selbst zu den 68ern und zur RAF zu sagen hat. Zu beiden Themen (und zu vielen anderen mehr) finden sich prägnante und differenzierte Stellungnahmen.
Drittens lässt sich das Buch als Antwort auf den rechtsliberalen Kulturkampf gegen das Erbe der 68er lesen. Vor dem Hintergrund einer ganzen Welle von rechtsliberalen Kampfschriften (Alys "Unser Kampf", Fleischhauers "Von einem, der aus Versehen konservativ wurde", Bittrichs "Achtung Gutmenschen!" und vor allem auch "Schöner Denken" von Broder, Joffe und Co.), die zwar oft witzig, inhaltlich aber zumeist undifferenziert gegen 68er, Linke und Grüne herziehen, erinnert Delius auf eine angenehm unaufgeregte Weise daran, dass die Welt nicht so einfach ist, wie Joffe, Broder, Miersch, Maxeiner und Co. sie gerne sehen.
Delius steht etwa den 68ern nicht unkritisch gegenüber. Sie sind für ihn aber auch nicht das größte Problem dieser Gesellschaft. Während die Rechtsliberalen zu wissen meinen, dass Pazifismus, Toleranz und die Kritik an der Atomkraft bestenfalls bloß lächerlich, eigentlich aber höchst schädlich sind, erinnert Delius in jedem der Essays daran, dass die Dinge immer mindestens zwei Seiten haben und dass es neben der von Rechts behaupteten Hegemonie der "Gutmenschen" in Deutschland auch noch andere Probleme gibt: "Daß so viele 'Zeichen' gesetzt werden müssen, ist kein gutes Zeichen. Der Protest, bis hin zu diesen Zeilen, bis zu diesem Büchlein, zeugt von einer Neurose dieser Gesellschaft, die es offenbar nötig hat, um das Selbstverständliche so viel Aufwand zu treiben [...]. 17 Menschen sind in diesem Jahr in Deutschland von Skinheads ermordet worden, zwei Asylbewerber, fünf seit langem hier lebende Ausländer, darunter die drei Türkinnen von Mölln, zehn Deutsch, davon allein sechs oder sieben Obdachlose." (S. 29). Es ist, dies betont Delius expressis verbis, nicht toll, sich über solche Dinge aufzuregen und daran zu erinnern, das so etwas eigentlich nicht passieren darf. Nicht nur die Opfer jedoch lassen diese Erinnerung notwendig erscheinen, sondern vor allem die Front der rechtsliberalen Publizistik, die sich für diese Dinge entweder gar nicht interessiert, oder sich nur darüber lustig macht, dass man sich darüber noch aufregt.
"Warum ich schon immer Recht hatte" ist eine lesenswerte Provokation zum (selbst-)kritischen Denken, überzeugt aber auch als Kompendium, anhand dessen man die politischen Problemfelder der deutschen Politik der letzten 40 Jahre noch einmal Revue passieren lassen kann. Dümmer wird man von der Lektüre nicht.