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5.0 von 5 Sternen
Einfühlsamer "Taschenkompass" zu Schule und Gesellschaft, 18. September 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Warum muss ich zur Schule gehen?: Eine Antwort an Tobias in Briefen (Gebundene Ausgabe)
„Warum muss ich eigentlich zur Schule gehen?“ fragt Tobias seinen Onkel, als der schon auf dem Bahnsteig steht und gerade in den Zug steigen will. Deshalb bekommt er seine Antwort in Briefen. Hartmut von Hentig hat hier seine Gedanken über die Schule für Tobias und alle anderen großen und kleinen Leser in Briefform zusammengefasst und erzählt ihnen viele Geschichten – aus der eigenen Schulzeit, von ganz normalen und besonderen Schulen, aus anderen Ländern und anderen Zeiten.
Aber was auf den ersten Blick im Klappentext so leicht formuliert ist, erweist sich schnell als großer Anspruch und höchst kompliziertes Unterfangen: Wie erklärt man beispielsweise einem Kind, dass man Ordnungen und Regeln braucht, wenn man mit anderen auskommen will? Wie gelingt diese Beschreibung so, dass Kinder den Wert dieser Regeln selbst erkennen und nutzen wollen - ohne sie als angeordnet zu empfinden? Wie macht man plausibel, dass die gleichen Regeln in der Demokratie auch das Zusammenleben unter den vielen sehr verschiedenen Menschen ermöglichen? Ein großer Anspruch besonders für junge Leser. Werden darüber hinaus auch Erwachsene diese Seiten mit Gewinn lesen können?
Die Briefform, zu Beginn noch fremd, zwingt den Autor, klar und klärend das Wesentliche zu sagen. Hentig erzählt Erlebnisse und entwickelt Gedankengänge, die schnell als gewinnbringend empfunden werden, berühren. Der Autor fühlt sich in den Leser hinein, denkt aber über ihn hinaus und eröffnet neue Sichtweisen. Schon einzelne Kapitelschwerpunkte zeigen, wie konkret, wie einfühlsam und richtungsweisend hier vorgegangen wird. Da geht es um...
- Außenseiter, Sündenbock, Pechmarie - Einander helfen und sich Regeln machen - Sich gegenseitig respektieren und sich an Unterschieden freuen
Aber es geht auch darum, dass Schulen Fehler haben und machen, und dass man damit leichter fertig werden kann, wenn man sie kennt. Auch deswegen kann Schule nicht immer nur leicht sein, nicht nur Spaß machen. Ein anderer Aspekt: „Schule ist gut, wenn man in ihr das lernen kann, was man wirklich braucht, und das ist das, was man nicht schon hat, nicht schon immer tut, nicht ohnehin weiß.“ (S. 30)
Liest man diese und andere Kapitel, so ist man fasziniert, wie treffend hier die komplizierte Welt der Schule erklärt, geordnet und damit zugänglich wird; wie hier am Modell Schule unsere Gesellschaft mit all ihren komplizierten, immer weniger offensichtlichen Zusammenhängen erläutert wird, und daraus Orientierungshilfen entwickelt werden. Am Ende ist klar: In der Schule geht es um mehr als um Mathe-Aufgaben, Englischvokabeln, Notenschnitte – auch, wenn sich diese häufig in den Vordergrund drängen und den Blick für das Ganze leicht so verstellen, dass man den Wald hinter einzelnen Bäumen und schnell wachsendem pädagogischem Unterholz nicht mehr erkennt.
Das Buch ist auch ein wunderbares Vorlesebuch, weil von Hentig einfühlsam von seinen eigenen Erlebnissen in der Schule erzählt. Man empfindet als Leser mit, weil man ähnliches in der eigenen Schulzeit empfunden hat, allerdings längst nicht so ausgeleuchtet, hinterfragt, so gründlich ausgewertet. Der Autor erzählt, wie er als „Neuer“ in verschiedenen Ländern, in denen sein Vater als Diplomat tätig war, Schulen, Lehrer und Mitschüler erlebt hat, und reflektiert diese Erlebnisse und Empfindungen hier mit Hilfe seiner Erfahrungen als Pädagoge und langjähriger Leiter der Bielefelder Laborschule. Das Buch, sagt er, hat er für Kinder geschrieben, die, bitte!, ihre Eltern, Onkel und Tanten, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen und Lehrer daran teilhaben lassen. Für sie, die „Erstadressaten“, bietet es eine Fülle Verständnis- und Orientierungshilfen für das tägliche Leben in der Schule, darüber hinaus wirkt es aber auch wie ein Schlüssel, der die Welt für das Leben nach der Schulzeit erschließen hilft.
Der Vorzug, sich an junge Adressaten zu wenden, könnte gleichzeitig zum größten Risiko des Büchleins werden. Durch Titel, Aufmachung und Absicht könnte es von Erwachsenen „nur für ein Kinderbuch“ gehalten werden, - und das wäre jammerschade, denn bei den wirklich guten „Kinderbüchern“ lösen sich bekanntlich diese Grenzen auf. Das wissen wir nicht erst seit Saint Exupérys „Der kleine Prinz“ oder Jostein Gaarders Jugendbuch „Sofies Welt“.
Beides, die einfühlsame Betrachtung eigener Kindheit und die kluge Reflexion, gründend auf den Erfahrungen eines Pädagogenlebens, bietet dieses Büchlein. Deswegen werden es auch Erwachsene mit besonderem Gewinn lesen. Empfehlenswert ist es für alle, die mit Schule und Erziehung zu tun haben. Gern wird man es auch für die eigene Orientierung als Pädagoge nutzen, manche Anregung aufgreifen wollen. Gerne möchte man als Lehrer manches Kapitel in der Klasse vorlesen und anschließend das Vorgelesene mit seinen Schülern vielleicht auch im Hinblick auf konkrete Anlässe besprechen. Gerne würde man es auch in der Lehrerausbildung, bei Fortbildungskursen, in pädagogischen Gesprächskreisen oder in der Elternarbeit einsetzen, oder es mit seinen hundert Seiten als kleines Geschenk nutzen. Lust macht das Buch zu alledem.
Von Hentigs Büchlein ist nicht zuletzt deshalb ein kleines Meisterwerk. Es erklärt, durchleuchtet und erweitert Einsichten in Schule, ihre Hintergründe, Absichten, Stärken und Fehler, zeigt Möglichkeiten auf, über diese Schulwelt die Welt der Erwachsenen zu verstehen. Dies alles schafft es ohne pädagogischen Zeigefinger, einleuchtend. Es macht Mut und ist ein Taschenkompass für die Orientierung in einer schnell sich verändernden Welt der Schule und der Erwachsenen. Zur Lektüre sei es ohne Einschränkungen und Altersbegrenzungen Groß und Klein nachdrücklich empfohlen.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Bei Kindern wenig erfolgreich, 3. Juli 2009
Die Ferien sind zu Ende und Pädagoge Hartmut von Hentig will gerade in den Zug steigen, da fragt ihn sein Neffe Tobias, warum zur Schule gehen müsse. Da sein Onkel keine Zeit mehr hat für eine erschöpfende Begründung, verfasst er die Antwort in Briefen. Mit einfachen Worten und leicht verständlich erklärt der Autor, warum es so wichtig ist, in die Schule zu gehen. Die Geschichten spielen sich in andern Ländern, zu anderen Zeiten und in unterschiedlichen Schulen ab und zeigen sehr anschaulich, dass es beim Schulbesuch nicht nur um das Erlernen von Rechnen, Schreiben und Lesen geht, sondern auch darum, friedlich zusammen zu leben und erfolgreich in einer Gesellschaft zu bestehen.
Obwohl es dem Autor gelingt, komplizierte Zusammenhänge anhand anschaulicher Beispiele zu erklären, ist dieses Buch eher etwas für Erwachsene und eine große Bereicherung für schulgestresste Pädagogen und Eltern. Bei der verkrampften Diskussion in Deutschland über die Bildungspolitik im allgemeinen und den Schule im besonderen, lenkt Hartmut von Hentig den Blick wieder auf das Wesentliche , nämlich die Nutzung der Chance auf Bildung. Dabei verschweigt er nicht, dass Schule und Schulsysteme auch Fehler haben und verbesserungswürdig sind.
Kindern ist der Text viel schwieriger zu vermitteln, was weniger am Inhalt, als an der Sprache und vor allem an der gewählten Briefform liegt. Der Blick des Autors ist zudem stärker in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet und das langweilt die Kinder sehr schnell.
Beim Einsatz im Unterricht, sollte sich die Lehrkraft auf ausgewählte Kapitel beschränken und den Schwerpunkt auf die gemeinsame Diskussion mit den Kindern legen. Dank der vorherigen Beschäftigung mit Hentigs Briefen, ist man dann als Lehrer oder Elternteil optimal für den Schlagabtausch vorbereitet.
Fazit: Ein empfehlenswertes Buch für Erwachsene, das anhand vieler Beispiele aufzeigt, was in der Schule Gelerntes für das Zusammenleben in der Gemeinschaft ausmachen kann. Bedingt empfehlenswert für Kinder.
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