Cyrille Offermans Warum ich meine demente Mutter belüge
Kunstmann ISBN 3888974852
Demenz ist eine Gehirnkrankheit, die nicht heilbar ist, und von der zunehmend ältere Menschen betroffen sind. Veränderungen in Charakter und Verhalten sind erste Merkmale, mit denen sich die Erkrankung schleichend bemerkbar macht.
Cyrille Offermans hat den Prozess der Veränderung, den er bei seiner Mutter miterlebt hat, einer kritischen Analyse und Beschreibung unterzogen.
Mit seinen fünf Geschwistern gemeinsam traf er Entscheidungen zur Versorgung der Mutter. Zuletzt mussten sie die Mutter im Pflegeheim unterbringen. Es war ein weiter Weg bis dahin.
Beklemmend lesen sich seine Erinnerungen, in denen er nach langen Jahren des Abstands aufschreibt, wie alles begann.
Unmerkliche Vergesslichkeiten, Misstrauen und eine stete Unrast waren die untrüglichen Anzeichen der beginnenden Charakterveränderungen. Niemand aus dem Geschwisterkreis konnte so recht verstehen, warum die einst liebevolle Mutter grantig und launisch wurde. Man bemühte sich um Konsens und liebevolles Verstehen. Doch alle Geduld hat auch einmal ein Ende, wenn sich so gar keine Besserung zeigt, im Gegenteil: die Geschwätzigkeit und mangelnde Konzentration wurden immer auffälliger.
Als die Mutter schließlich mehr und mehr dem Alkohol zuspricht, auch vergisst, wie viel sie davon pro Tag konsumiert, was häufige Stürze zur Folge hatte, griffen die Kinder zur List und Lüge, um ihren Alkoholkonsum zu reduzieren.
Offermans geht in Details, die dem Unwissenden die Augen öffnen. Da gibt es kleine Nachlässigkeiten, unsinnige Aktivitäten und zuletzt ein immer deutlicher werdendes Missverstehen, das gelegentlich zu ernsten Zerwürfnissen zwischen den Angehörigen und der Kranken führen. Mit klarem Blick und ehrlicher Einsicht kann Offermans sich selbst eingestehen, dass er und seine Familie die Zeichen der Auffälligkeiten zunächst nicht erkannten oder wahrhaben wollten, mit denen sich der Prozess der Demenz ankündigte. Ungeduld und Ärger blieben nicht aus, und mit dem Abstand der Jahre empfindet Offermans Schuldgefühle darüber, dass er mit seinen Reaktionen seiner Mutter nicht immer gerecht geworden ist. Erst allmählich begann er zu begreifen, dass ihr Benehmen ja Ausdruck des geistigen Abbaus war.
Offermans hat mit seinem reflektierten kleinen Büchlein über das Altern seiner Mutter einen blinden Fleck aufgespürt, den viele an der Stelle haben, wo es um den Umgang mit Demenz und alternden Verwandten geht. Niemand will das Vergehen der zwischenmenschlichen Beziehungen zu den nächsten Angehörigen wahrhaben; und tatsächlich ist der Umgang nur sehr schwer zu ertragen, wenn das Nachlassen des Geistes und des Verstehens eine Distanz schafft, mit der man auch die einstmals geliebte Mutter/ den Ehemann oder Vater nur noch schwer erträgt. Die Entfremdung und das Sterben vor dem körperlichen Tod muss bewältigt werden, und das gehört zu einer der schwersten Aufgaben, denen sich unsere moderne Zivilisation zu stellen hat. Offermans hat einen ganz bewussten und eindringlichen Blick hinter die Kulisse familiärer Scham und Ausgegrenztheit zugelassen. Da sich die Entwicklungen hin zur Entpersönlichung in der Regel schleichend vollziehen, ist sein Beitrag umso verdienstvoller und kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Cyrille Offermans, Jahrgang 1945, gilt als vielseitiger und erfolgreicher Essayist auf vielen geisteswissenschaftlichen Gebieten in den Niederlanden.