Ich hab's mir gekauft - meine Kinder sollen mit diesem Buch auch mal die andere Seite von dem hören können, was sie bisher übers Elternhaus erfahren haben. Gleichsam auch als Ergänzung oder Zusatz zu schulischem Stoff. Klar, Kinder sollten etwas richtig verstehen, um später auch eigene, ausgewogene Entscheidungen treffen zu können.
Solcher kind- und jugendgerecht dargelegter Stoff ist gerade in einer Zeit interessant, in der - seit "Richard Dawkins" - Stimmen laut werden, die suggerieren: Kinder religiös zu erziehen käme einer "Misshandlung" gleich. Gut. In unserer Gesellschaft kann jeder denken und meinen was er will. Liest man das Buch aber mit obigen Gedanken im Sinn und stülpt sich die gleiche Intoleranz über, stellt sich die Frage, ob es hier nicht auf die gleiche "Vergewaltigung" an Kindern und Jugendlichen hinaus läuft?
Bas Haring stellt im Buch die Evolutionstheorie als eine feststehende Tatsache heraus, und zwar so, dass niemand auf die Idee kommt weiteres zu hinterfragen. "Die Botschaft der Evolutionstheorie ist, dass man keinen Schöpfer benötigt, um Dinge zu erschaffen" schreibt Haring (148). Er vermittelt es der Jugend so, als wüßte er es ganz genau - so als könne man es jederzeit experimentell bestätigen. Unter der Überschrift "Vom Nichts zum Einzeller" wird es wie folgt formuliert: "Wenn du dieses Molekül mit den richtigen Zutaten in eine Dose steckst, dann reagiert dieses Molekül auf die Zutaten, indem es sich selbst vervielfältigt......Im Laufe der Zeit wurden diese Moleküle auch immer komplizierter und schlossen sich mit anderen Molekülen zusammen...Nach ein paar Hundert Millionen Jahren entstanden echte Zellen - relativ komplizierte Arbeitsverbände von an sich leblosen Teilchen. So ist das also vor sich gegangen, der Schritt vom Nichts zum Einzeller. Und jetzt ist die Geschichte rund" (49).
Rund ist die Geschichte nur für den Autor, nicht unbedingt für jeden anderen. Spätestens seit dem "Millerexperiment" weiß man, was in der "Dose" passiert. Aber das sollte man Kindern lieber vorenthalten. Vielleicht fragen die nach oder ziehen gleich andere Schlüsse. Geschichten erzählen kann man eben viel und die gibt's im Buch ohne Ende. Dabei ist es gerade auch die grobe Unwissenheit, die genutzt wird, um etwas logisch erscheinen zu lassen, sowie das Selbstverständnis, mit dem gegenwärtigen Wissenstand der Weisheit letzten Schluss zu besitzen. Unter dem Kapitel "Nutzlose und unpraktische Eigenschaften von Pflanzen und Tieren" verweist der Autor z.B. auf den scheinbar unpraktischen Verlauf der Speiseröhre des Wals und die Nutzlosigkeit des Blinddarms: "Wirklich zu gar nichts nütze, so ein Blinddarm. Total unpraktisch, das ist alles" (63-64). Dies 2003 noch unbedenklich so zu schreiben - wirklich erstaunlich!
Starke inhaltliche Vereinfachungen können eben auch über vieles hinwegtäuschen. Hier bleibt im Buch die eigentlich Problematik im Verborgenen: Leisten ungelenkte Prozesse die Entstehung der komplexen Vielfalt in der Natur? Können beobachtbare Prozesse in der Natur - etwa die Variationen bei Finkenschnäbeln, die entstandenen Resistenzen bei Bakterien, die Rückbildung bestehender Strukturen unter Insekten usw. eine Rolle dabei spielen, wenn es um die Entstehung neuer Baupläne und Strukturen geht?
Na ja, es liest sich auf jeden Fall gut das Buch, deswegen gibt es auch den zweiten Stern für den Schreibstil. Wer es Jugendlichen unkritisch so überlässt, handelt zumindest nicht ausgewogen. In einer Zeit, in der der Darwinismus mehr denn je auf dem Prüfstand steht, wäre es sicher durchaus angebracht, die Argumente der anderen Seite in Betracht zu ziehen. Aber das muss wohl jeder selber entscheiden.