Aus der Amazon.de-Redaktion
Nachdem die Wissenschaftler über Jahrhunderte hinweg ihrem Prinzip der Vereinheitlichung treu bleiben konnten, ist es ihnen bis heute doch nicht gelungen, eine allumfassende, im wahrsten Sinne des Wortes universale Weltformel aufzustellen.
Auch der Autor widmet sich seit zwanzig Jahren dem Problem, Quanten- und Relativitätstheorie zu vereinen. Er kommt zu der Erkenntnis, daß das Problem in der historisch bewährten methodischen Vorgehensweise begründet liegt, mit der die Gesamtheit durch das Verständnis ihrer Bausteine beschrieben wird. Die theoretische Physik befindet sich seiner Ansicht nach an einem Punkt, wo auch diese grundlegenden Bausteine, die Naturgesetze, wie alles andere im Universum auch, als Produkt einer evolutionären Entwicklung aufgefaßt werden müssen.
In einer eindrucksvollen Rechnung macht Smolin zu Beginn seines Buches klar, welche Bedeutung die Dimensionen des atomaren Maßstabs für die Entwicklung und Lebensdauer von Sternen haben. Seine Zahlenspiele zur Wahrscheinlichkeit der "zufälligen" Entstehung unseres Universums machen deutlich, daß die Existenz aller Dinge das Ergebnis eines evolutionären Prozesses sein muß. Die Aufstellung einer kosmologischen Theorie, die Relativitätstheorie und Quantenwelt vereint, ist Smolins Ansicht nach nur eine Frage der Zeit. Allerdings erfordert sie den Mut, sich von den liebgewonnenen Prinzipien des "radikalen Atomismus" und der "Ein-Beobachter-Objektivität" zu lösen. Es gilt also, sich mit den Wechselwirkungen zwischen den Dingen zu beschäftigen, ohne daß deren Eigenschaften, die nicht objektiv, also ohne Bezugsrahmen beschreibbar sind, einen Einfluß haben.
Lee Smolins Vorstellungen zur evolutionären Entwicklung des Kosmos künden von einem Wandel, vielleicht sogar einer Revolution unseres Weltbildes. Es ist ein spannendes und sehr persönliches Buch -- immer wieder streut Smolin autobiographische Geschichten in seine komplexen Gedanken. Dabei verfügt er über die einzigartige Gabe, auch komplizierte physikalische und philosophische Strukturen vielseitig zu durchleuchten und so nachvollziehbar und verständlich zu machen. Ein faszinierendes Buch! --J. Schüring
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Literatur
Lebendiger Kosmos
Spe. Unser Wissen über das Universum ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. In den Grundzügen verstehen wir heute, wie kurz nach dem Urknall Materie entstanden ist, wie sich diese allmählich zu Galaxien und Galaxienhaufen verdichtet hat und wie sich in diesen Galaxien später Sterne gebildet haben. Selbst die Frage, was vor dem Anfang war, ist heute unter Astronomen kein Tabu mehr. Warum unsere Welt allerdings so beschaffen ist, wie wir sie wahrnehmen, warum in ihr Voraussetzungen erfüllt sind, ohne die es den Menschen nicht gäbe, darauf weiss auch die moderne Kosmologie keine schlüssige Antwort.
Immerhin gibt es heute aber Forscher, die vor diesen philosophisch anmutenden Fragen nicht Reissaus nehmen. Der Physiker Lee Smolin ist einer von ihnen. In seinem vor kurzem erschienenen Buch «Warum gibt es die Welt?» versucht Smolin einen Brückenschlag zwischen Physik und Biologie. Nur wenn man den Kosmos als evolutionäres System betrachtet und die physikalischen Gesetze selbst als das Produkt eines Evolutions- bzw. Selbstorganisationsprozesses auffasst, wird seiner Meinung nach plausibel, warum sich in unserer Welt eine komplexe Ordnung entwickeln konnte, die schliesslich auch das Leben auf der Erde möglich gemacht hat.
Wenn Kosmologen heute auf die Warum-Fragen noch keine Antworten wissen, so führen sie als Entschuldigung gerne das Fehlen einer fundamentalen Theorie der Elementarteilchen und ihrer Wechselwirkungen an. Wenn es gelingen sollte, Quantentheorie und Relativitätstheorie zu einer «Theory of everything» zu verschmelzen, so würden damit auch die Rätsel des Universums gelöst. Diesen Optimismus teilt Smolin nicht. Selbst wenn es gelingen sollte, die fundamentalen Zusammenhänge zu erkennen, die allem Geschehen in dieser Welt zugrunde liegen, bezweifelt Smolin, dass damit auch die Frage beantwortet wäre, warum ein Elementarteilchen genau die Masse besitzt, die es besitzt, und eine Kraft genau die ihr eigene Stärke hat. Es lassen sich durchaus Welten vorstellen, in denen zwar die fundamentalen Gesetze die gleichen sind wie in unserer Welt, nicht aber die Parameter der Teilchen und der zwischen ihnen wirkenden Kräfte. Diese Welten hätten nicht das Geringste mit der unsrigen gemein. Selbst minimale Abweichung der Parameter von den uns geläufigen Werten hätte eine Welt ohne Sterne und mithin auch ohne Menschen zur Folge.
Wer aber hat dann die «richtige» Auswahl der Parameter unter Myriaden von Möglichkeiten getroffen? An göttliche Fügung will Smolin nicht glauben. Statt dessen «entwirft» er ein Universum, in dem die physikalischen Parameter einer natürlichen Selektion unterworfen sind. Dass vieles von dem, was Smolin schreibt, höchst spekulativ ist, wird ihm in Anbetracht des Themas wohl niemand vorwerfen können. Entscheidend ist, mit welcher Ernsthaftigkeit der Autor zu Werke geht. Hier schreibt einer, der nach reiflichen Überlegungen zu dem Schluss gekommen ist, dass unsere heutige Sichtweise des Universums viel zu kurz greift.
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