"Die vier Typen der Liebe. Wer zu wem passt und warum" heißt ein Buch, das ich zu Beginn 2010 rezensiert habe. Dass ich bei "Warum es funkt - und wenn ja, bei wem. Wie die Persönlichkeit unsere Partnerwahl beeinflusst" schon nach wenigen Zeilen das dumpfe Gefühl hatte, den Inhalt bereits zu kennen, beruhigt mich ungemein. Offenbar bleibt doch mehr hängen, als ich manchmal denke. Obwohl bei den bibliographischen Angaben nichts darauf hinweist, ist es 1:1 das gleiche Buch. Also las ich die damalige Rezension und überlegte mir, ob ich es noch immer mit vier Sternen bewerten würde. Und ich kam zum Schluss, dass ich sogar deren fünf vertreten könnte, wenn ich meine Ansprüche an wissenschaftliche Beweisführungen etwas herunterschraube.
Zu meinem gespaltenen Verhältnis gegenüber Büchern wie diesem, stehe ich noch immer. Denn einerseits erliege ich der Faszination einfacher Typisierungen, andererseits stoßen mir allzu saloppe Verkürzungen auf. Wenn der Klappentexter die Autorin als eine der weltweit bekanntesten Expertinnen zum Thema Liebe bezeichnet, suggeriert er damit, "bekannt" und "anerkannt" würden sich in der Bedeutung nicht groß unterscheiden. Aber anerkannte Neurowissenschaftler sind bei der Einteilung von Menschen in verschiedenen Persönlichkeitstypen doch wesentlich zurückhaltender als Helen Fisher. Jedenfalls würden sie kaum schreiben, dass sich Dopamin den Entdeckern, Serotonin den Gründern, Testosteron den Wegbereitern und Östrogen den Diplomaten zuordnen lässt.
Die an der Rutgers University lehrende Anthropologin wurde eines Tages angefragt, ob sie als wissenschaftliche Beraterin eines großen Dating-Unternehmen tätig sein wolle. Und wahrscheinlich nahm sie die Einladung nicht nur wegen des Honorars an, sondern fühlte sich auch magisch von der großen Datenbank angezogen. Denn so leicht kommt ein Wissenschaftler nicht dazu, 40'000 Teilnehmer zu befragen, um seine eigenen Theorien zu überprüfen. Da es sich nicht um eine überarbeitete und aktualisierte Ausgabe von "Die vier Typen der Liebe" handelt, bleibt aber offen, ob Helen Fisher ihre Studien den Fachkollegen inzwischen detailliert vorgestellt hat. Daher muss der Leser einfach glauben, dass Helen Fishers Setting und ihre Auswertungen den Anforderungen empirischen Forschung genügen.
Obwohl oder gerade weil die Beweisführung ihrer Thesen populärwissenschaftlichen Charakter haben, ist die Lektüre faszinierend, wozu natürlich auch der Persönlichkeitstest im zweiten Kapitel beiträgt. Wer zu den 52 Aussagen über die eigene Persönlichkeit Stellung bezieht, kann danach einfach auswerten, ob er eher zu den Entdeckern, Gründer, Wegbereitern oder Diplomaten gehört. Aber wenn Helen Fisher sich schon gerne auf die Neurowissenschaften beruft, hätte sie ihre Leser vor Testbeginn zumindest darauf aufmerksam machen müssen, wie stark Selbst- und Fremdeinschätzung bei bestimmten Themen auseinanderklaffen und welche Methoden es gibt, die Fehlerquote wenigstens teilweise einzuschränken. Aber ich stimme der Autorin zu, dass solche Tests Anhaltspunkte zum eigenen Persönlichkeitstyp geben können, falls man beim Ausfüllen nicht allzu sehr an seine Karriere, den Chef oder Wunschpartner denkt. In meinem Fall hielten sich die Korrekturen in engen Grenzen, als ich meine eigene Einschätzung mit denen verglich, die andere von mir machten.
Wer seinen Persönlichkeitstyp kennt, kann nach einem Übergangskapitel, in dem die Typenlehre historisch verteidigt wird, erfahren, zu welchen Verhaltensmustern sein Typ neigt. Den meisten Lesern wird es allerdings schwer fallen, sich der selektiven Wahrnehmung entziehen zu können. Und viele werden es wahrscheinlich so handhaben, dass sie zuerst im Anhang nachschauen, welcher Typ am besten zu ihnen passt. Weil die Autorin sicher nichts dagegen hätte und ein solches Vorgreifen die Lektüre des Buches spannender macht, möchte ich dies sogar empfehlen.
Mein Fazit: Wie weit die Forschungsarbeiten der Autorin auch wissenschaftlichen Kriterien genügen, wird sich zeigen, wenn sie in detaillierter Form in Fachpublikationen erscheinen. Immerhin kann Helen Fisher dank ihrer Beratungstätigkeit für ein Dating-Unternehmen auf so viele Daten zurückgreifen, dass ihre Hauptaussagen wahrscheinlich zutreffen. Jedenfalls hat mich die Lektüre ihres Buches sehr viel mehr überzeugt als die Werke von Autoren, die vorwiegend ihrer eigenen Beobachtungsgabe vertrauen oder ihr ideologisches Menschenbild mit angelesenen Versatzstücken aus den Neurowissenschaften legitimieren wollen.