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Schwere Zeiten für Autoren, wenn Literaturkritiker jetzt auch noch die besseren Romane schreiben. Zumal es dem 46-jährigen Paul Ingendaay mit seinem Debüt Warum du mich verlassen hast" gelingt, den angestaubten Internatsroman zu reaktivieren. Ingendaay bleibt komplett innerhalb der Genre-Konventionen, wenn er seinen Helden die üblichen Pubertätsnöte berichten lässt, die durch den Terror des katholischen Jungeninternats noch gedoppelt werden: schickanierende Brüder und Schwestern, der Spott der Mitschüler und die Abwesenheit von Mädchen. Wenn der 15-jährige Marko wegen der Trennung seiner Eltern verzweifelt oder sich um den kleinen Bruder sorgt, bleibt wegen fehlender Bezugspersonen nur eine Flucht in die Bücherwelt. Fantastisch, wie sensibel und authentisch Ingendaay die Sprache seines pubertierenden Helden austaxiert. Mal spricht Marko mit den Worten seiner religiösen Peiniger, dann imitiert er die literarischen Helden von Robinson Crusoe" bis Der große Gatsby". Da ist es unnötig, dass der Roman zum Ende in eine Krimihandlung mündet. Denn was bitte ist zeitgemäßer, als wenn man auf der Suche nach Sinn beim Nihilismus landet? (cs)
Brigitte 8/06, 29.03.2006
Kein Zweifel: Paul Ingendaay ist eine der schoensten Entdeckungen dieses Fruehlings.
Sueddeutsche Zeitung, 14.03.2006, S. 16
Ein spannender, anrührender und komischer Roman, dessen Lust am Sprachspiel mitreissend und hoechst unterhaltsam ist. 500 Seiten packender Lesestoff.
Die Zeit/Literatur, März 2006, S. 10
Er ist gut, will sagen: detailreich funkelnd, satirisch, lebendig in den zahlreichen Episoden des Internatslebens. Glänzend gelingen die beiden Romanteile, auf die es Ingendaay gewiss am meisten ankommt und in denen das Thema des Romans konzentriert ist: der Übergang von der Kindheit zur unbehüteten Zeit des jungen Erwachsenen.
Frankfurter Rundschau, 08.03.2006, S. 16
Seinen Reiz gewinnt der Roman in der Verschlingung von geheimnisvoll raunender Klosterwelt mit der sozialen Realität der 70er Jahre, angetrieben durch die Fantasie des Erzählers und immer wieder gebrochen mittels augenzwinkernder literarischer Verweise von Joseph Conrad ueber J.D. Salinger bis zu Umberto Eco.
Lesart 1/06, S.22f
Einen Roman, der das Lesen und die Literatur so feiert wie dieser, kann man gar nicht wärmstens genug empfehlen.
Kurzbeschreibung
Marko ist fünfzehn, und es sind die drei wesentlichen Dinge im Leben eines fühlenden Mannes, die ihn davon abhalten, dem altersgemäßen Nihilismus zu verfallen: Mädchen, Bücher und Gott. Die Frage nach Gott drängt sich in einem katholischen Jungeninternat geradezu auf, von Mädchen in sandfarbenen Wollpullovern kann man zumindest träumen, und Bücher, ja Bücher sind es, die für Marko Zuflucht und Überlebensstrategie bedeuten. Auch wenn er dafür von seinen Leidensgenossen Motte, Tilo und Onni immer mal wieder gepiesackt wird. Aber Robinson Crusoe auf seiner Insel mußte sich schließlich auch mit dem begnügen, was ihm vor den Speer lief. Ausgerechnet in dem Jahr, als auch sein kleiner Bruder Robert aufs Collegium kommt, und Markos Verdacht sich erhärtet, daß die Ehe seiner Eltern aus dem Ruder läuft, passieren weitere verstörende Dinge: das geheimnisvolle Buch der Ordnungen taucht auf, die nächtlichen Gespräche mit Bruder Gregor brechen jäh ab und Marko wird, sozusagen aus heiterem Himmel, zum Boten einer schrecklichen Wahrheit
.
Klappentext
Paul Ingendaay hat den großen deutschen Roman seiner Generation und ein sehr persönliches Buch geschrieben: berührend, brillant und witzig erzählt er die Geschichte einer Jugend, in der Freundschaften eine ebenso große Rolle spielen wie die Einsamkeit, David Bowie wie Bach, der Große Gatsby wie Gott.
Über den Autor
Paul Ingendaay, geboren 1961 in Köln, lebt als Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Madrid. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997
Auszug aus Warum du mich verlassen hast von Paul Ingendaay. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wir wohnten in einem Dreierzimmer mit Hühnerleiter, Motte, Tilo und ich. Onni wohnte nebenan bei Ralle und Ernie. Auf
der anderen Seite war jetzt Lucien.
Wenn wir aus dem Fenster guckten, sahen wir die beiden Tennisplätze. Das Collegium war sehr stolz darauf, daß es diese Tennisplätze hatte. Wißt ihr eigentlich, was die kosten, sagte der Präses. Wir wußten es nicht. Aber es machte Spaß, sich bei trockenem Wetter aus dem Fenster unserer alten Bude zu lehnen und den Spielen zuzugucken. Und auch wenn wir nachmittags etwas anderes taten, hörten wir das Tschacktschack der Schläge, das Rutschen der Schuhe auf der krümeligen Asche, das Geräusch, wenn der Ball gegen die Netzkante klatschte, und die Scheiße-Rufe.
In unserem Zimmer standen zwei Betten, zwei unten und eins oben, das hatte Motte, weil er seine Privatsphäre braucht. Insgesamt war unser Leben ziemlich langweilig, auch wenn unsere alte Bude in Ordnung war. Draußen war nicht viel zu machen. Drinnen erst recht nicht. Das Collegium Aureum lag in der Mitte eines großen Nichts, und drumherum lagen Felder.
Kühe mampften ihr Gras. Alle Mädchen, die im Umkreis von zwanzig Kilometern wohnten, hatten sich versteckt, oder die Eltern holten sie von der Straße, wenn wir in die Nähe kamen. Die Eltern waren meistens Bauern. Also, sie fuhren Kartoffeln und Rüben durch die Gegend und wollten nicht, daß ihre Töchter einen Freund haben.
Lucien erzählte mir, daß es in der Gegend von Versailles auch Bauern gab. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß sich die Versailler Bauern so aufführten wie die Collegiumsbauern oder die Bauern in der Gegend von Gleuyn und Hommersum. Einer stellte sich mal mit der Mistgabel an die Hofeinfahrt, damit wir sofort wußten, mit wem wir es zu tun hatten. Ein anderer saß oben auf seinem Traktor und ließ kurz den Motor aufdröhnen. Sie sprachen nicht viel, die niederrheinischen Bauern. Sonntags saßen sie beim Frühschoppen in der Dorfkneipe, hauten mit der flachen Hand auf den Tisch oder klopften sich gegenseitig auf die Schultern. So ungefähr.
Manche hatten noch ein Plumpsklo im Freien, eine Bude aus Holz, in der ihnen im Winter der Hintern abfror. Arme Bauern.
Das Collegiumsgelände war insgesamt gar nicht so klein, aber wenn man daran dachte, daß man nicht wegkam, schrumpfte es plötzlich zu einer Insel zusammen, einer winzigen Insel der Verzweiflung im niederrheinischen Nichts direkt an der holländischen Grenze, ohne Autos, ohne Mädchen, ohne irgend etwas Neues. Auch der graue Himmel darüber war ein großes Nichts. Man konnte um den See latschen, der zum Collegium gehörte, unser altes Baggerloch, und wenn kein Fußball war, taten wir das auch. Aber der See war nur ein bißchen Wasser, das Ufer jede Menge Lehm und Gras, das wars schon. Im Zimmer spielten wir manchmal den Magic Blues, der ging so: Wir taten so, als hörten wir gerade eine irre Musik, aber jeder eine andere, und dann summte und brummte jeder vor sich hin, als würde er seine eigene Musik machen, aber jeder eine andere. Dann wurden wir lauter. Ein starkes Gitarrensolo gab Extrapunkte. Und wer lauter war als die anderen und auch noch Drums und Piano reinbrachte, hatte gewonnen. Ein blödes Spiel. Die Unmöglichkeit meiner Rettung schien mir so augenfällig, daß kein Funke von Hoffnung in meinem Innern zurückblieb.
der anderen Seite war jetzt Lucien.
Wenn wir aus dem Fenster guckten, sahen wir die beiden Tennisplätze. Das Collegium war sehr stolz darauf, daß es diese Tennisplätze hatte. Wißt ihr eigentlich, was die kosten, sagte der Präses. Wir wußten es nicht. Aber es machte Spaß, sich bei trockenem Wetter aus dem Fenster unserer alten Bude zu lehnen und den Spielen zuzugucken. Und auch wenn wir nachmittags etwas anderes taten, hörten wir das Tschacktschack der Schläge, das Rutschen der Schuhe auf der krümeligen Asche, das Geräusch, wenn der Ball gegen die Netzkante klatschte, und die Scheiße-Rufe.
In unserem Zimmer standen zwei Betten, zwei unten und eins oben, das hatte Motte, weil er seine Privatsphäre braucht. Insgesamt war unser Leben ziemlich langweilig, auch wenn unsere alte Bude in Ordnung war. Draußen war nicht viel zu machen. Drinnen erst recht nicht. Das Collegium Aureum lag in der Mitte eines großen Nichts, und drumherum lagen Felder.
Kühe mampften ihr Gras. Alle Mädchen, die im Umkreis von zwanzig Kilometern wohnten, hatten sich versteckt, oder die Eltern holten sie von der Straße, wenn wir in die Nähe kamen. Die Eltern waren meistens Bauern. Also, sie fuhren Kartoffeln und Rüben durch die Gegend und wollten nicht, daß ihre Töchter einen Freund haben.
Lucien erzählte mir, daß es in der Gegend von Versailles auch Bauern gab. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß sich die Versailler Bauern so aufführten wie die Collegiumsbauern oder die Bauern in der Gegend von Gleuyn und Hommersum. Einer stellte sich mal mit der Mistgabel an die Hofeinfahrt, damit wir sofort wußten, mit wem wir es zu tun hatten. Ein anderer saß oben auf seinem Traktor und ließ kurz den Motor aufdröhnen. Sie sprachen nicht viel, die niederrheinischen Bauern. Sonntags saßen sie beim Frühschoppen in der Dorfkneipe, hauten mit der flachen Hand auf den Tisch oder klopften sich gegenseitig auf die Schultern. So ungefähr.
Manche hatten noch ein Plumpsklo im Freien, eine Bude aus Holz, in der ihnen im Winter der Hintern abfror. Arme Bauern.
Das Collegiumsgelände war insgesamt gar nicht so klein, aber wenn man daran dachte, daß man nicht wegkam, schrumpfte es plötzlich zu einer Insel zusammen, einer winzigen Insel der Verzweiflung im niederrheinischen Nichts direkt an der holländischen Grenze, ohne Autos, ohne Mädchen, ohne irgend etwas Neues. Auch der graue Himmel darüber war ein großes Nichts. Man konnte um den See latschen, der zum Collegium gehörte, unser altes Baggerloch, und wenn kein Fußball war, taten wir das auch. Aber der See war nur ein bißchen Wasser, das Ufer jede Menge Lehm und Gras, das wars schon. Im Zimmer spielten wir manchmal den Magic Blues, der ging so: Wir taten so, als hörten wir gerade eine irre Musik, aber jeder eine andere, und dann summte und brummte jeder vor sich hin, als würde er seine eigene Musik machen, aber jeder eine andere. Dann wurden wir lauter. Ein starkes Gitarrensolo gab Extrapunkte. Und wer lauter war als die anderen und auch noch Drums und Piano reinbrachte, hatte gewonnen. Ein blödes Spiel. Die Unmöglichkeit meiner Rettung schien mir so augenfällig, daß kein Funke von Hoffnung in meinem Innern zurückblieb.