So einfach könnte man das Fazit von Professor Reichholfs neuem Werk über die Gründe für die Sesshaftwerdung des Menschen zusammenfassen.
Ausgehend vom Auftreten der ersten aufrecht gehenden Australopitecinen im inneren Afrikas über die Eiszeitjäger der damaligen mitteleuropäischen Tundra bis zu den ersten Ackerbauern im fruchtbaren Halbmond Kleinasiens reicht die mehrere Millionen Jahre abdeckende Argumentationskette des Autors, welche er mit Belegen aus den verschiedensten Bereichen und einem überreichen Fundus an komplexen Daten und Zusammenhängen sowie teilweiße viel Liebe zum Detail zu stricken versteht. Auch wenn diese Beweiskette zuweilen nicht immer stringent oder unbedingt einleuchtend erscheinen mag und es einige Sprünge und Bezugnahmen auf vorher bereits abgehandeltes gibt, so ist alleine schon der Umfang der rangezogenen Themenkomplexe beeindruckend.
Infrage gestellt wird dabei die "orthodoxe Lehrmeinung", der Mensch sei aufgrund äußerer Umstände und Anpassungsdrucks, d. h. aufgrund der Klimaumschwungs am Ende der letzten Eiszeit gezwungen gewesen sich anzupassen und neue Nahrungsressourcen zu erschließen, also sein Überleben als Ackerbauer zu sichern.
Dem hällt Reichholf entgegen, der Mensch sei schon evolutionär bedingt aufgrund seiner Biologie eher ein "Fleischfresser", dem pflanzliche Kost nur als Beilage dient, und unsere Spezies habe im Laufe ihrer langen Entwicklungsgeschichte schon mehrere, z. T. sogar drastischere Klimaumschwünge er- bzw. überlebt ohne ihre gesamte Lebensweise so drastisch infrage zu stellen oder gar ändern zu müssen.
Anstelle dieser "klassischen" äußeren Umstände sieht er hier eher innere Umstände am Werk: die Entstehung des abstrakten Vorstellungsvermögens und damit auch eines transzendenten Bewusstseins vor ca. 40.000 Jahren, welches zur "Erfindung" der Religion führte. Um an diesen transzendenten Erfahrungen teilhaben zu können, hätten die Menschen nun den Rausch, ausgelöst durch allerlei verschiedene Drogen, für sich entdeckt. Eine Hauptrolle habe dabei von Anfang an der Alkohol, gewonnen in überreifen, vergorenen Beeren, gespielt. Dessen Kenntnis wiederum hätten die weiträumigen Wanderungen ural- altaischer Volksgruppen gegen Ende der letzten Eiszeit aus Zentralasien über den halben Globus, u. a. über die Beringstraße nach Amerika, verbreitet.
Und nun das revolutionär- neue an der These: nicht aus der Not, sondern aus dem Überfluss heraus wurde die Sesshaftigkeit geboren. Gerade nicht Nahrungsknappheit, sondern im Gegenteil Überschuss hätten an der Schwelle zur Jungsteinzeit dazu geführt, dass die Menschen Zeit und Muße hatten neue Formen des fröhlichen Beisammenseins in Form neuer religiöser Kulte zu pflegen, wodurch das Gemeinschaftsbewußtsein gestärkt wurde, wie es z. B. in den frühen Kultanlagen um Göbekli Tepe herum zum steingewordenen Ausdruck kommt. Dabei sei nun eben schon damals, wie heute bei "Massenevents" eben meist auch noch, das Bier in Strömen geflossen. Als Belege hierfür dienen die massenhaft aufgefundenen Becher und Töpfe, der erst spät mögliche Nachweis des Brots, die langsame Ausbreitung der bäuerlichen Lebensform und vor allem die Ineffizienz des frühen Ackerbaus und der noch "wilden" Getreidesorten, deren benötigter Aufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zu den erbrachten Erträgen gestanden hätte.
Ist die "Spaßgesellschaft" also überhaupt keine Erfindung unserer Tage, sondern womöglich ein uraltes kulturelles Erbe, welches unsere Zivilisation von Anbeginn an maßgeblich geformt und geprägt hat?
Man kann Reichholfs Buch sicherlich kontrovers diskutieren und für jedes seiner Argumente zehn Gegenargumente heranziehen, es ist nichtsdestotrotz amüsant zu lesen und ermöglicht einem immer wieder faszinierende neue Einblicke in vermeintlich zuvor schon Altbekanntes.
Denn letztlich ist es eben doch, wie der Autor zum Schluss selbst betont: der wissenschaftliche Diskurs lebt vom Aufwerfen neuer Theorien und der kritischen Auseinandersetzung mit ihnen.