Warum lebten unsere Vorväter und -mütter hunderttausend Jahre als Nomaden und wurden vor etwa zehntausend Jahren plötzlich sesshaft, und das nahezu überall auf der Welt? Waren sie müde? Gab es kein Wild mehr? Josef Reichholf schöpft aus dem Vollen seines reichen Hintergrundwissens und setzt sich zum Ziel, plausible Gründe für die Entwicklung des Ackerbaus und für die Sesshaftigkeit zu geben. Das ist ihm gelungen. Die nüchterne Analyse führt zu rauschenden Gelagen.
* Plausible Gründe *
Die Ursache darin, dass der Mensch sesshaft wurde und mit dem Ackerbau begann, lag im Überschuss; nicht in einer Not. In der Not hätten auch die wenigen Körner wilder Gerste die Menschen nicht ernährt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es in den Gegenden, in denen der Mensch sesshaft wurde, genügend Wild gab. So viel, dass man von einem erlegten Großwild eine ganze Sippe ernähren konnte. Dies musste gefeiert werden, das Essen diente auch der Zusammengehörigkeit und der Kommunikation. Es ist anzunehmen, dass zumindest den Schamanen bekannt war, dass manche vergärte Beeren und Körner von Wildgräsern eine berauschende Wirkung haben. Gerste wurde als Kulturpflanze Jahrtausende vor dem Ackerbau nachgewiesen. Die ersten Darstellungen zeigen Getreide in Zusammenhang mit Getränken, nicht mit Brot. Es spricht vieles dafür, dass die ersten "Immobilien" nicht Häuser, sondern Kultstätten waren. Bewusstseinsverändernde Drogen sind mit Kultstätten und Kulthandlungen weltweit und bis heute verbunden (der Autor, der aus dem katholischen Bayern stammt, denkt natürlich auch sofort an Weihrauch). Durch den Anbau von Getreide für berauschende Getränke war es möglich, Getreidebrei als Ausgangsstoff für größere Mengen an Getränken herzustellen. Einen Überschuss dieses Breies dann bei Gelegenheit (oder durch Zufall) zu backen, ist wohl kein großer Schritt mehr gewesen.
Der Ackerbauer hat sich letztlich gegenüber dem Jäger durchgesetzt, da pro Fläche sehr viel mehr Menschen ernährt werden können. Pro Kilogramm Fleisch wird nämlich mehr als das zehnfache an Nahrung und Energie verbraucht als pro Kilogramm Getreide. Von Nahrung in Form von Getreide könnten auch heute alle Menschen, und noch etliche Milliarden mehr, leben. Die Rückseite der Erfolgsstory ist allerdings, dass die frühen Ackerbauern Abhängige gewesen sein dürften, welche die Felder auf Auftrag hin bestellten. Sie waren wohl Arbeitskräfte, die sklavengleich das zu erzeugen hatten, was die Herrscher- und Priesterkaste beanspruchte, nämlich Getreide für berauschende Getränke.
* Manche Details sind spekulativ, insgesamt aber ist die Idee stimmig *
Insgesamt ergibt sich ein plausibles Bild. Allerdings sind einzelne Teilargumentationen bislang nicht belegt, lassen sich nicht belegen oder mögen angreifbar sein (Josef Reichholf ist bekannt dafür, dass er dazu auffordert, ihn auf Widersprüche oder Verbesserungen hinzuweisen). Nicht halten lässt sich meiner Ansicht nach beispielsweise der Aspekt, dass das Entstehen von Sprache in die Zeit direkt vor der Sesshaftigkeit falle. Zwar ist es einleuchtend, wenn er argumentiert, dass die Sprache die Vorbedingung darstelle für die Praktizierung des Transzendenten durch die Schamanen. Dies muss aber nicht heißen, dass die Sprachfähigkeit erst vor wenigen zehntausend Jahren entstanden ist. Der von ihm erwähnte genetische Stammbaum, nach dem das Entstehen von Sprache auf etwa 30.000 Jahre datiert wurde, scheint überholt zu sein. Wie Ruth Berger in "Warum der Mensch spricht" darlegt, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass unsere Vorfahren bereits vor fast zwei Millionen Jahre begannen, Sprache zu entwickeln.
* Ein ideenreiches Buch *
Der Steinzeitjäger steckt noch heute in uns. Wir feiern gemeinsame Feste, bei denen das Trinken wichtiger ist, als das Essen. "Wo sich die Gruppe von dem Kundigen (Schamanen, Medizinmännern, Priestern, Weisen Frauen, Hexen etc.) wohl dosiertem Drogengenuss hingeben kann, entsteht ein heiliger Ort", sagt der in München lehrende Professor. Das Münchner Oktoberfest kann er nicht gemeint haben. Dort servieren weder Schamanen noch Hexen die Maß Bier, sondern Kellner und Kellnerinnen, und der Biergenuss ist oft *nicht* wohl dosiert. Trotzdem, irgendwie scheint von solchen Festen eine merkwürdige Faszination auszugehen. Dieses ideenreiche Buch könnte eine Erklärung geben.