Die gute Nachricht vorneweg: Man braucht nicht lange, bis man das Buch durch hat. Auch wenn es fast 300 Seiten umfasst, ist man spätestens nach einer Stunde fertig - was nicht nur an dem mehr als übersichtlichen Satzspiegel, an den immer wieder eingestreuten, eine ganze Seite in Anspruch nehmenden Sinnsprüchen und den großzügig verteilten Leerseiten liegt, sondern auch an der mittlerweile zu Frau Höhlers Markenzeichen gewordenen Redundanz: diesem bemerkenswerten Überreichtum an Worten, der sich ergötzt an immer neuen Bildern, immer neuen Metaphern, immer neuen Vergleichen, immer neuen Beispielen - für immer wieder das Gleiche.
Denn die Quintessenz dieses Konvoluts ist schnell formuliert: Vertrauen ist gut, Vertrauen wärmt, Vertrauen macht das Leben schöner, Vertrauen macht alles einfacher und löst unsere Probleme. Das Misstrauen ist der Feind, ist hässlich, negativ, zerstörerisch.
Bei so viel rhetorischer Wucht bleibt allerdings einiges auf der Strecke: Begriffliche Klarheit etwa, Differenzierungsvermögen und logische Kohärenz. Die Vernunft kommt nur im engen Verbund mit dem Attribut "kalt" vor, und die Ratio (es gab einmal Zeiten, in denen sie hoch im Kurs stand!) ist nur noch "rechnend". Wie sollten Vernunft und Ratio da noch bestehen gegen das "Lächeln der Sieger" (so der Titel des Schlusskapitels), das sich eins weiß mit dem zum metaphysischen Grundprinzip erhobenen Vertrauen - dem alles wärmenden, alles beglückenden, alles heilenden Vertrauen?
Was aber macht der Leser, der gerade von Sachbüchern in erster Linie Vernunft erwartet und nachvollziehbare Begründungen? Für den Vernunft nicht kalt und Ratio nicht rechnend sind, sondern die Gewähr für jede Art von sinnvoller Kommunikation, ja für die Konstruktion von Sinn überhaupt? Ein Leser also, der nicht nur immer wieder aufs Neue beschrieben haben möchte, wie schön doch alles wäre, wenn wir nun endlich wieder vertrauten, sondern der (ach wie "kalt" und "rechnend"!) gerne auch einmal erfahren hätte, was die Autorin denn nun genau unter Vertrauen versteht und wie sie sich dessen Abhandenkommen erklärt. Doch damit wird er nicht fündig.
Auch wenn der Klappentext mächtig auf die Pauke haut mit der Versicherung, die "Beweiskette" sei verblüffend schlüssig, die die Autorin uns vorlegt: "dass Misstrauen und Kontrollrituale immer zu schlechteren Ergebnissen führen als der mutige Sprung ins Vertrauen." Doch leider beweist Frau Höhler gar nichts, sondern sie behauptet nur, sie analysiert nichts, sondern sie malt sentimentale Bilder von lächelnden Babys und treusorgenden Müttern, sie klärt nichts, sondern sie verschleiert. Und am Ende ist alles ein dünner begrifflicher Brei, dessen Würze auf einen Teelöffel gepasst hätte.
Der Leser, der sich nahrhaftere intellektuelle Kost versprochen hat, steht vor der unangenehmen Alternative, sich entweder von Höhlerschen Sirenengesängen so gründlich einlullen zu lassen, dass er schließlich selbst beseligt lächelnd auf die Straße stolpert und den nichts ahnenden Mitmenschen zu umarmen droht wie Friedrich Nietzsche weiland das geschundene Pferd. Oder er schüttelt sich frei von dem Strom der immer gleichen Bilder von einer am Vertrauen genesenden Welt und legt das Buch zur Seite mit einem Geschmack auf der Zunge wie nach zu viel Zuckersirup; und sehnt sich nach den zwar deutlich trockeneren, aber längerfristig erheblich nahrhafteren Betrachtungen eines Niklas Luhmann zum gleichen Thema, der mit deutlich weniger Worten ein Vielfaches an Inhalt entwickelt, an Inhalt, der das Gehirn nicht vernebelt, sondern das Verständnis erhöht. Oder von mir aus auch eines Reinhard Sprenger, der zwar auch immer wieder sehr feuilletonistisch schreibt, der aber wenigstens die Dinge einigermaßen strukturiert zu Ende denken kann.
Fazit: Das Thema Vertrauen ist ein Modethema, und das Buch wirkt, als wollte der Verlag mit einem weiteren Fließbandprodukt seiner Bestsellerautorin am Markt teilhaben, bevor er wieder verlaufen ist und dem nächsten Modethema Platz macht. Schade, denkt der Leser und ärgert sich über den Aufwand an Zeit und Geld, den ihn dieses Buch gekostet hat.