Eine der erstaunlichsten Aussagen des Buches steht für mich auf Seite 250. Nach hingebungsvoller Kleinarbeit, auf denen die in Sprachwissenschaften, Biologie, Anthropologie und verschiedenen Sprachen ausgewiesene Autorin Thesen und Fakten klug sortiert und gegenübergestellt hat, kommt sie zu einer Schlussfolgerung, die sie als eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Buches bezeichnet: "Es gibt eben tatsächlich keine scharfe Grenze zwischen Tierkommunikation und Sprache."
Um ehrlich zu sein, alles andere hätte mich überrascht; ich staune, dass dies betont werden muss. Die lebende Welt hat sich kontinuierlich über Jahrmillionen entwickelt, immer Neues auf Altem aufbauend. So haben sich Körperformen entwickelt und spezialisierte Organe. So ist auch der Körper des Menschen entstanden. Dennoch tun manche so, als ob Gehirn und Geist nicht von dieser Welt wären. Die Evolution ginge so zu sagen nur bis zum Halse; dränge jedenfalls nicht bis unter die Schädeldecke vor. Was Ruth Berger hier ausbreitet, ist eine einleuchtende und in manchen Details überraschende Geschichte darüber, wie Sprache entstanden sein dürfte. Und sie zeigt, dass unser Gehirn zwar während der Menschheitsgeschichte enorm gewachsen, aber immer noch ein klassisches Wirbeltiergehirn geblieben ist. Es arbeitet mit uralten Lernstrategien, die aber von intelligenten Tieren im Kern ebenfalls beherrscht werden.
*Der Blick über den Tellerrand lohnt*
Imponierend ist, aus wie vielen Blinkwinkeln Ruth Berger das Problem beleuchtet. Die Suche nach den Ursprüngen der Sprache könnte ein Musterbeispiel interdisziplinären Erkenntnisgewinns sein, wenn nur die beteiligten Forscher noch intensiver über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt hätten. So ist es vielleicht nur jemand Außenstehendem, in diesem Fall einer Autorin von Science-Fiction- und historischen Romanen, vorbehalten, Fachdünkel zu überwinden und ein stimmiges Bild in klarer Sprache zu entwerfen. Die kleinen Seitenhiebe und der bisweilen etwas schnoddrige Stil machen Spaß zu lesen. Wie Ruth Berger diverse zunächst glaubhaft erscheinende Theorien im Handumdrehen wieder relativiert, zeigt ihre breite Fachkenntnis.
Etliche Fachrichtungen kommen zu Wort. Die Anatomie trägt Knochenformen bei, die Genetik Gene und Datierungen, die Archäologie Werkzeugkultur und alternative Datierungen, die Anthropologie Datierungen von Intelligenz und Lernfähigkeit, die Verhaltensforschung kommunikatives Verhalten von Menschenaffen und anderen Tieren, die Neurologie Gehirnstrukturen und Gehirnscans und die Sprachwissenschaft die Grammatik und den frühen kindlichen Spracherwerb. Theorien aus beispielsweise den Sprachwissenschaften ("angeborene, spezifisch menschliche Grammatikfähigkeit") und der Genetik ("Sprach-Gen") zeigen, wie schnell man auf den Holzweg gerät, wenn man die Erkenntnisse anderer wissenschaftlicher Disziplinen ignoriert.
Ein paar Abbildungen wären angebracht gewesen, um einige der Forschungsergebnisse besser nachvollziehen zu können. Andererseits hat die Autorin Einschübe platziert, die das Verständnis vertiefen, wie beispielsweise über die Erzeugung von Lauten (zum selber ausprobieren). Überblicke zeigen, was bei diversen Sprachversuchen mit Menschenaffen herauskam und dokumentieren Meilensteine der Menschwerdung.
*Bin begeistert*
Auch wenn mich die wesentlichen Schlussfolgerungen nicht überrascht haben, so war das Buch nie langweilig. Ich war teilweise geradezu begeistert von der Art der Führung der Indizienkette. Was können uns bestimmte Löcher in der Wirbelsäule verraten (etwa über die Fähigkeit Konsonanten zu bilden)? Was verraten die Gehörgänge (konnte Homo heidelbergensis Konsonanten hören; Affen können das bis heute nicht)? Wie passen die Befunde verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zusammen (Werkzeugkultur, Veränderungen von Knochen und Größe des Gehirns, Datierungen von Mutationen und so weiter)?
Einige Theorien werden bis auf weiteres kontrovers bleiben und ich will mich da nicht einmischen. Aber was Ruth Berger hier vorgelegt hat ist aufschlussreich, überzeugend und stimmig. Glaubwürdig, dass Schimpansen nicht sprechen können, weil sie nicht in der Lage sind ihren Atem zu kontrollieren. Der Mensch spricht aber nicht nur deshalb, weil er den Atem kontrollieren kann. Warum aber? Die Liebe - wieder einmal - hat einen nicht geringen Anteil daran. Viel Spaß beim Lesen.