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Die Menschheit hat drei große Kränkungen erfahren: 1. die Keplersche neue Astronomie, die den Menschen vom Mittelpunkt an den Rand katapultierte, 2. die Darwinsche Lehre der Evolution, die die Schöpfungsgeschichte neu beleuchtete und 3. die Freudsche Psychoanalyse, die ein Leben im Inneren feststellte und Frage zu beantworten hatte, ob dass Ich Herr im eigenen Hause ist. Diese drei Kränkungen sind die Ideen des Sigmund Freud.
Schmidbauer ist ebenso Psychotherapeut und hat sich ein großes Thema auf die Fahne geschrieben. Gut, dass er selber schreibt, er sei auf der Suche, sein Buch sei ein Bemühen, sich vom vermeintlichen Fanatismus der Religionen zu lösen. Er sieht die großen Religionskritiker vergangener Tage verlustig ihrer Botschaft gegenüber der Stärke der Religion. Die plakative Macht als Opium für Volk zu bezeichnen, war scheinbar ebenso wirkungslos wie die Schopenhauersche Dialektik, Religion als menschliches und metaphysisches Grundbedürfnis zu beschreiben, dem die Weltreligionen sich stellten nicht zu dessen Befriedigung, mehr zu dessen Missbrauch. Nun könnte und sollte man annehmen, dass die 200 Seiten Schmidbauersche Logik über diese bekannte Welt hinausgehen. Er jedoch füllt sein Buch mit Nebenkriegsschauplätzen, die zwar interessant sind, denkt man an die Kontroversen von Freud und Jung. Nun, Jung wird bestens zitiert, aber mehr in den bedenklichen Aussagen Richtung NS Zeit. Schmidbauer möchte sicherlich suggerieren, dass diese Zeit die Zeit der Gottlosigkeit war, vergisst aber offensichtlich, das die Parole des Krieges ein "Gott mit uns" war und Hitlers Rede am 10.Febraur 1933 endete mit einem Appell an das "gemeinsam geschaffene, [...] neue Deutsche Reich der Größe und der Ehre und der Kraft und Herrlichkeit und der Gerechtigkeit. Amen." Das "Vater unser" lässt grüßen. Seine Argumentation kommt damit der ursprünglichen Absicht einfach zu kurz.
Sein zweiter Ansatz, dass die Neurologie weitere Aspekte der Selbsterschaffung eines Gottes bringen könnte, schafft interessante Aspekte, verbleibt aber im Vagen. Letztendlich verbleibt seine Meinung psychoanalytisch, dass Religion eine Reaktion ist, sich nicht den Eltern zu unterwerfen, sondern diese Elternrolle selbst zur eigenen Unterwerfung mit vielen zusammen zu schaffen. Dass Religion in den meisten Fällen Männerreligion ist, stimmt, aber sagt nichts Neues. Das Religion neue Beachtung findet, ist richtig konstatiert, es vermag verwundern, dass dieses ohne große Neuerungen möglich ist. Aber so ist sein Buch auch.
Dennoch! Religion wird als Modethema gehandelt. Nirgends wird auf den Ursprung hingewiesen, der da heißt, >relegere< und dieses bedeutet nicht mehr, als eine Unterscheidbarkeit zwischen den Göttern und Menschen beizubehalten. (vgl. Giorgio Agamben; Profanierungen) Wenn nun der Weg der Schöpfung umgekehrt wird, dann ist die Frage nicht unbedingt neu. Wir können uns gerade auf Grund der neuen Hirnforschung vorstellen, dass Gott ein biologisches Zubehör ist. Gott ist Bestandteil der Evolution des Gehirns. Warum? Alle monotheistischen Religionen beschreiben Gott in ähnlicher Weise. Er ist immer liebend und strafend. Die Menschen scheinen daher auf der Suche nach einer Regel fündig geworden zu sein, die die Zukunft in Gemeinschaft prüfend unter moralischen Bedingungen definiert. Geist und Sprache haben damit das Zusammensein bestimmt, auch in der Benennung eines Wesens, welches zur übernatürlichen Observierung des Menschen eingesetzt werden kann. Religion ist damit zur säkularisierten Macht geworden über alle Kulturen, Gott ist geboren aus der Phantasie, (vgl. Wallace Stevens; Final Soliloquy of the Interior Paramour), aus der kognitiven Illusion, damit der Mensch sich selbst leitet und alle anderen ebenso in Linie hält. Dieses war nicht nur nötig, um die Evolution mit Kooperation zu verstärken (vgl. Bauer; Das Prinzip Menschlichkeit), sondern ebenso, um Verhaltensweisen beizubehalten, die die genetische Fitness nicht beeinträchtigt. So wie die angeblich gottlosen Heiden sich mehr fürchteten vor den Geistern ihrer Vorfahren, so wird in der evolutionierten Gesellschaft zunehmenden Geistes das privat eitle der Einzelnen und seiner Vorfahren im Grunde durch die nächste Kränkung in der Art von Marx und der geregelten Gleichbehandlung eliminiert mit der Einführung eines allgemeingültigen, sozialisierten Gottes. Gott erscheint damit als Produkt der Evolution; die Schwerhörigkeit gegenüber Gott, die Benedikt XVI diagnostiziert, kann es damit nicht geben, denn glaubt man den Evolutionspsychologen, gehört er zum angeborenen Phänomen. Sich ihm zu entledigen, sagt Klaus Wilhelm, ist gleichzusetzen mit dem Abschneiden von Ohren, um besser hören zu können. Gäbe es ihn nicht, müsse man ihn erfinden, orakelte schon Voltaire in der Zeit der aufklärenden Zweifel. Und der römische Philosoph Lukrez konstatierte: Furcht gebiert Götter.
Und wenn man die Theorie als Vorbild für den Menschen nimmt, dann lebt man in den selbst geschaffenen Gesetzen, der Mensch ist autonom (auto nomos) und hat sich die Freiheit gegeben, sich zu unterscheiden vom Ideal und dennoch zu werden wie Gott. Da sollten Schopenhauer, Kierkegaard, Dostojewski, und Cioran am Ziel ihrer Reise sein. Schmidbauer bleibt zur Zeit ein hilfloser Helfer.
Anlaß schafft er jedoch hinreichend und vielfältig, sich der Sache weiterhin interessiert anzunehmen. Daher vier Amazonsterne.