Bald wird er Siebzig, der in Berlin geborene Physiker, Chemiker Mathematiker und Wissenschaftspublizist. Aber den meisten seiner jüngeren Kollegen macht er noch immer etwas vor, wenn es um geistige Frische, Stilkunst und seriöses Recherchieren geht. Daher begeistert mich jedes Buch von Martin Urban. Doch das neuste hat es mir besonders angetan, weil es sich behutsam einem Thema nähert, das sonst eher im Visier „wissenschaftlicher" Scharlatane ist und mich persönlich ebenfalls seit Jahren beschäftigt. Der Untertitel trifft Urbans Vorgehen besser als der Haupttitel. Denn obwohl er sich auf die neusten Erkenntnisse der Hirnforschung stützt und so ziemlich alle wesentlichen Wissenschaftsbeiträge berücksichtigt, kann auch Urban keine endgültigen Antworten geben. Aber er zeichnet eine gute Landkarte, auf der Neugierige geeignete Wege, Reiseführer und Etappen finden.
Da Urban den neurologischen Erklärungsansatz nicht für den einzig möglichen hält, argumentiert er auch kulturhistorisch, psychologisch und theologisch, was das Buch abwechslungsreich und spannend macht. Wo er Spekulatives vermutet, spricht er es aus, so dass der Leser sein Glaubensgebäude letztlich selber zimmern muss und kann. Und wie wir es von diesem Autor und seinem Verlag gewohnt sind, geizt er nicht mit Bildmaterial, um das Geschriebene zu veranschaulichen.
Im Gehirn findet sich kein Religionsmodul, kein christliches Neuron und kein meditatives Molekül. Aber es finden sich Areale, die bei religiösen Vorstellungen stärker aktiviert sind als andere. Diese zu lokalisieren und Zusammenhänge mit anderen Funktionen herzustellen kann zu Einsichten führen, die einige Leser beunruhigen, andere aber besänftigen werden. Zum Denken regt die Lektüre auf jeden Fall an.
Mein Fazit: Eines der besten Bücher zum Thema Hirnforschung und Religion. Urban schaut unter die Schädeldecke, über wissenschaftliche Grenzen und in die Vergangenheit, weshalb er zu Resultaten kommt, die wir in so anschauliche Form nur bei ihm finden.