"Kommunikation unterbricht den Kriegszustand der Welt."
(Thomas Assheuer / Jürgen Habermas)
Im Jahre 1931 hatte das Comité permanent des Lettres et de Arts de la Societé des Nations sein Bestreben, Denker und Forscher mit dem Werk intellektueller Zusammenarbeit zu beauftragen, mit einem Vorschlag eines öffentlichen Briefwechsels in die Tat umgesetzt. Geistige Interessen sollten dem Völkerbund dienen. Die Kommission wandte sich an Einstein, der zusagte. Ihm stellte man anheim, einen Briefpartner auszuwählen - und er wählte Freud, obwohl oder gerade weil sich beide wenig kannten. Freud sagte ebenfalls zu.
Freud erhielt Einsteins Brief im Sommer 1932, ein Monat später erhielt Einstein die Antwort. Einstein beginnt: "Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?" Einstein war klar, dass die Politiker sich ihrer Unfähigkeit bewusst waren und daher durchaus die Wissenschaft an ihr Ohr lassen würden. Bescheiden wie Einstein war, konnte er sich nicht anmaßen die tiefen Schichten der Seele zu erforschen, geschweige jetzt schon zu kennen. Er wolle eben nur äußerer Wegbereiter sein für die inneren Geschicke, die Freud nun mal kenne. So könne er eben erwarten, dass Lösungsvorschläge zumindest jenseits der Politik von Freud angeboten werden können, die die entgegenstehenden psychologischen Hindernisse beseitigen. Einstein bereitet den Boden mit einem Axiom: "Der Weg zur internationalen Sicherheit führt über den Verzicht der Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfreiheit bzw. Souveränität." Was stellt sich dagegen? Und diese Frage führt in das Machtbedürfnis herrschender Schichten eines Staates, die einer Einschränkung der Hoheitsrechte widersprechen. Einsteins optimistischer Appell an Freud, er möge sein Fachwissen zur Lösung des Dilemmas konstruktiv einsetzten, beendet den Brief.
Freud erschrak, wie er schrieb, fast über die beidseitige Inkompetenz in der Frage, weil er die Lösung in der Politik sah. Deshalb könne er Einsteins Anliegen nur so sehen, dass er die Frage eines "Menschenfreundes" stellte und so führt der den psychologischen Selbstdiskurs zur Antwort. Freund analysiert die Interessen- und Meinungskonflikte der Menschen, führt die evolutionäre Bestimmung der anfänglichen Horde und der späteren Verfügbarkeit von Kultur an; spürt einer Rechtsanpassung nach, die bei ständiger Optimierung eine Reduzierung von Interessenkonflikten nach sich ziehen würde. Selbst den Einsatz einer Zentralgewalt hält er als Lösung für möglich, doch allein könne auch diese nichts ausrichten. Eine Gemeinschaft wird durch zwei Dinge zusammengehalten: Zwang mit Gewalt und Gefühlsbindungen (Identifikation). Gedanken, die schon aus den Schriften: "Jenseits der Illusion" und "Über das Unbehagen in der Kultur" formuliert waren, sind ebenso hier verbrieft. Letztendlich kommt er aber an der aggressiven Natur des Menschen nicht vorbei. Diese zu Zähmen durch Kultur hält er für tendenziell machbar und wünschenswert. Der Intellekt muss den Trieb beherrschen, so könne etwas im Sinne des Pazifismus geschehen (vgl. Rousseaus Gesellschaftsvertrag). Nun denn, eines steht für Freud jedoch fest: "Es ist ein Stück der angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, dass sie in Führer und in Abhängige zerfallen." Wir alle sind gleich - unter einem, der führt. Und dieser ist der akzeptierte Eine, der als Seinesgleichen Herr über die anderen ist, wie Montesquieu feststellte.
Ein Diskurs ohne Ergebnis im Sinne der Frage, aber mit Erkenntnis in der Beschreibung des Menschen. Von daher eine deutliche Empfehlung, auch in der Ergänzung zu Norbert Bolz aktuellem Buch: "Diskurs über die Ungleichheit" und Rousseaus Hauptwerk: "Der Gesellschaftsvertrag".
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